As an exception in German: Apple Hooray!

Am Sonntag Morgen sitze ich im Zug. Ich balanciere einen Korb voller Äpfel, einen Apfelkuchen, ein Buch, mein Telefon,  einen pink-grauen Wollschal und eine Tasche neben, auf und unter meinen Knien. Auf der ersten Stunde der Fahrt sitzen mir zwei Männer gegenüber, die sich gern mit mir unterhalten möchten, aber so recht kommen wir nicht zusammen, denn keine der Sprachen, die ich anbieten kann, sagt den beiden Männern etwas, und umgekehrt ist es genauso. ich bin darüber gar nicht sehr traurig, denn ich möchte mich nur sehr selten im Zug unterhalten, ich langweile mich sehr schnell und kann es nur schlecht verbergen und zu dem mag ich die Bücher auf meinen Knien meistens zu sehr, um sie einer Unterhaltung wegen zuzuklappen. Aber gerne biete ich den beiden Männern, Äpfel aus dem großen Korb an. Das klappt gut: Apple hooray, sagen die beiden Männer, ich nicke und lächele: oh ja, Apple hooray. Äpfel sind etwa wunderbares und Gartenäpfel, die obwohl sie in der kühlen Diele schon seit Monaten lagern sind etwa ganz besonders Herrliches. Ein Mädchen vom Sitz gegenüber macht große Augen und gerne hätte ich auch ihr einen Apfel gegeben, aber ihre Mutter sagt: iiieh und verzieht das Gesicht. Dann lese ich, die Männer unterhalten sich und irgendwann steigen sie aus, nicht ohne noch einmal in den Apfelkorb zu greifen: Apple Hooray, sagen sie und ich nicke und sie winken mir.

Auf ihren Platz setzt sich ein älteres Ehepaar. Sie wollen das erfahre ich nach 30 Sekunden nach Oberstdorf zum Skiurlaub fahren. Ich nicke, denn ich habe ja noch immer das Buch auf den Knien und ich unterhalte mich nur sehr ungern mit Fremden, meistens langweilige ich mich und Ski fahren ist etwas was mich so interessiert wie Elektrotechnik im frühen 20. Jahrhundert. Der Mann deutet auf die beiden Männer, die mit den Äpfeln in der Tasche den Wagenstandsanzeiger studieren und sagt zu seiner Frau: Ich verstehe nicht, warum die hier herkommen, wenn die da in Pakistan solche Turnschuhe tragen und Äpfel haben sie auch noch gestohlen. Oh nein, sage ich, die Äpfel sind von mir und zeige auf den Korb zu meinen Füßen. Mögen sie einen? Der Mann sieht die Äpfel an und sagt: „die sind wohl selbst gemacht?“ Ich weiß nicht so genau wie sich manche Leute das Wachstum an Bäumen erklären, aber ich will es ihm nicht erklären. Deswegen sage ich:oh, Pakistan, woher wissen Sie das? Ich kenne zwar nicht alle Sprachen Pakistans, aber Urdu zum Beispiel hätte ich erkannt, Hindi spreche ich einigermaßen und auch Gujarati hätte ich zumindest zuordnen können. Aber der Mann sieht mich nur an und sagt: das sieht man doch. Ich sehe das nicht und da man vorsichtig sein soll mit herablassenden Bemerkungen, frage ich ob er oft in Pakistan sei? Irgendwo muss man sein Wissen doch herhaben und wenn es von den Straßen Islamabad’s kommt. Nee sagt der Mann, da wolle er auch nicht hin. Dann sage ich, könne ich ihm nicht recht geben. Der Verbleib der Äpfel sei schon geklärt, die Nationalität der Männer nicht, da ich Islamabad nicht gut genug kenne, könnte ich natürlich die Frage nach den Turnschuhen nicht abschließend verifizieren, aber da ich in der Region, Indien sei nun eben ein direkter Nachbar, oft sei, so könnte ich sagen, niemand trägt dort weiße Nike Schuhe. Die meisten Menschen, trügen Plastik Flip-Flops, ob sie auf dem Bau arbeiteten oder in der Fabrik, die zum Beispiel für Nike, Schuhe produziere. Dies sei oft fatal, denn die Chemikalien die für die Schuhe zum Einsatz kämen seien hochgiftig, vor allem der Kleber für die Sohlen, tropfte er auf die nackten Füße und Beine, erzeugten sie Verbrennungen und Verätzungen ganz ohne Feuer und Qualm. Die Männer und Frauen, die in den Fabriken arbeiteten verdienten  unter einem Euro am Tag, niemals kämen sie in die Verlegenheit ein Paar dieser Turnschuhe zu erwerben. Noch mehr Menschen vor allem auf dem Land gingen barfuß. Auch dies sei oft fatal, Schlangen im Gras und Dreck in offenen Wunden vertrage sich nur selten. Die mistgetragenen Schuhe zwischen Delhi und Islamabad aber seien Chappals, die einem ein Schuster an jeder Straßenecke aus Lederresten anfertige. Nicht nur die Armen imitierten sie aus Abfallresten, sondern jede indische und pakistanische Mittelklassefamilie lässt sich beim Schuster der meist schon seit Generationen die Chappals herstellt, dann und wann das abgetragene Paar ersetzen. Auch mein Paar ist vom Hausschuster der Rajasthani’s angefertigt und irgendwo in einem kleinen Laden in Old Delhi klebt mein Fuß im Schlappen zum Werbezweck in einer verräucherten Fensterecke. Die wirklich reichen Inder und wohl auch Pakistani laufen nicht zu Fuß, sie werden gefahren und tragen so weiß ich vom Hören sagen handgenähte Schuhe, kleiner italienischer oder englischer Manufakturen, niemals trügen sie einen Billigschuh der schon für 50 Euro zu bekommen sei. Vielleicht manchmal zu Hause um vor der Playstation herumzuhüpfen, aber als Distinktionsmerkmal, als westliches Statussymbol taugten Nike Sneaker nicht. Der reichste Inder mit dem ich einmal ausging und dem ich eine der schrägsten Nächte meines Lebens verdanke, trug goldene Schuhe mit seinen Initialen, Einzelanfertigung sagte er mir und war nur kurz beleidigt als ich lachte. Deswegen sage ich in Richtung des Mannes gewandt der mich ansieht als sei ich eine sehr, sehr seltsame Erscheinung, scheint es mir sehr verwunderlich warum ausgerechnet ein Paar Plastiktreter, die noch nicht einmal wärmen, wasserdurchlässig und schnell verschlissen sind, zu einem solchen Symbol werden konnten. Noch weniger aber erschließt sich mir der Neid auf solch ein Paar Schuhe, die ich nicht kaufe, denn die Kinder die sie herstellen liegen mir am Herzen. Die Plakate die der Freund des deutschen Exportweltmeisters, Narendra Modi, quer über die Stadt plakatierte um für Kinderarbeit zu werben, halte ich für eine der zynischsten Gewissenlosigkeiten west-östlicher Gier. Für die Schuhe, die man hier offensichtlich zwei Männern neidet, über die keiner von uns etwa weiß, außer das wir ihre Sprache nicht sprechen, bezahlen die Anderen, die sie produzieren einen hohen Preis. Keiner der indischen Fabrikarbeiterinnen oder Fabrikarbeiter, die barfuß zur Arbeit kommen aber haben in Deutschland ein Recht auf Asyl. Vielleicht sind die beiden Männer ja auch ganz anders als Sie offenbar denken mögen, gar keine Flüchtlinge, sondern Sales Agents für Nike, Adidas oder Co, die offenbar die einzigen, europäischen Werte die zählen, auch an den Füßen tragen.

Dann aber, das Buch ist längst zugeklappt, muss ich den Korb mit den Äpfeln, den Kuchen, Buch und Telefon, nicht zu vergessen, den grau-pinken Schal zwischen Knien und Armen jonglieren, denn am Bahnhof wartet schon die C. Aber eigentlich rede ich gar nicht gern mit Fremden im Zug, denn ich langweile mich wirklich furchtbar schnell, aber sollten sie einmal eine Frau sehen, die mit einem großen Korb Äpfel reist, dann bin das wahrscheinlich ich, wenn sie einen Apfel mögen, dann kommen sie gern zu mir und greifen in den Korb, auch wenn wir uns nicht kennen oder gar nicht verstehen: Apple Hooray, scheint mir ein mehr als brauchbarer Anfang.

As an exception in German: Der B. und die Konservenbüchsen

Der liebenswürdige F., Begleiter längst vergangener Tage lebte als wir vor uns vor vielen Jahren kennen lernten in Göttingen. Gern lebte er dort nicht. Dies hatte nicht wenig mit der Anwesenheit des B. in der gemeinsam angemieteten Wohnung zu tun. Ziemlich oft bin ich damals mit dem Zug nach Göttingen gefahren. Zum einen natürlich weil F. formidabel küsste und ich mich gerne von ihm küssen ließ, zum anderen aber weil er für die Facharztprüfung lernte und ich viele, viele Stunden auf dem Fensterbrett saß und ihn abfragte. Noch heute kann ich einem Schlafwandler gleich viele der Fragen herbeten: „Eine 35 Jahre alte Patientin klagt über Herzschmerzen und Schwindel. Welche Laboruntersuchungen halten sie in diesem Fall für sinnvoll?“ „Was verstehen Sie unter einer realen Anämie?“ Der F. seufzte und wanderte haarraufend durch das Zimmer und versuchte sich an: Eisenmangel, Aluminiumtoxikation und chronische Niereninsuffiziens zu erinnern. Manchmal erinnerte er sich auch daran mich zu küssen. Aber ich will ja gar nicht vom F. erzählen, sondern vom B. seinem Mitbewohner. Der B. fürchtete sich nicht vor der Facharztprüfung, der B. schrieb, so wenn ich mich recht erinnere, an einer Magisterarbeit zu einem sehr komplizierten, technischen Phänomen, für das ich mich noch weniger interessierte als das „Von-Willebrandt-Jürgens-Symptom“. Gesehen habe ich den B. auch nur sehr selten, denn die meiste Zeit verbrachte er in seinem Zimmer. Manchmal hörte man leise Musik aus seinem Zimmer. Identifizieren konnte ich sie nicht, aber alles nach Schönberg ist, ich gebe es offen zu für mich relativ einheitlicher Klangbrei. Traf man den B. so traf man ihn in der Küche. Der B., der schon lange, vielleicht sogar schon immer in der Wohnung gelebt hatte, verfügte über einen großen und etwas schäbigen Schrank in der Küche ganz allein. Dieser Schrank, ich selbst habe ihn einmal offen stehen sehen, war angefüllt mit Konserven: Thunfisch in Öl. Suppen. Spaghetti. Halbierte Birnen. Chili con Carne. Ja sogar Kohlrouladen und Königsberger Klopse standen fein säuberlich gestapelt in den Regalen. Den Kühlschrank benutzte der B. nie. Andere Lebensmittel als die Konservenbüchsen, sagte der F. habe er den B. nie kaufen sehen. Selbst Getränke habe der B. ausschließlich in Dosenform erworben und so fanden sich am Ende einer jeden Woche, viele plattgedrückte Getränkedosen in der Küche an, jedoch nie eine leere Flasche. Auch den Herd, ich selbst kann es bezeugen, hat der B. nie genutzt. Einmal als ich morgens ein Glas Wasser in der Küche trank, löffelte der B. Kidneybohnen, ganz roh wie sie waren direkt aus der Büchse, bevor wieder in seinem Zimmer verschwand. Andere Konserven sagte der F. würde der B. schon aufwärmen, allerdings ausschließlich auf einem Propangaskocher auf seinem Zimmerboden. Die dreckigen und geleerten Konservenbüchsen aber sammelte der B. in seinem Zimmer bevor er sie am Ende der Woche, ich stand dabei ausspülte und in der Speisekammer zu den vielen, anderen geleerten Büchsen stellte. Bot man dem B. aber an, sich doch mit an den Tisch zu setzen und mit uns Spagetti mit Pinienkernen und scharfem, rotem Pesto zu essen, oder sich ruhig auch ein Stück vom Bananenbrot abzuschneiden, schüttelte er nur ablehnend den Kopf. Schon damals war ich eitel genug, um mein Bananenbrot gegen sein Kopf schütteln zu verteidigen. Warum er nicht einmal probieren wolle, fragte ich ihn? Der B. aber sah mich nur an wie einen im Grunde sehr lästigen Störenfried in einer vollkommenen Welt: Er habe erwiderte er, einen sehr empfindlichen Magen. Daraufhin wusste ich nichts mehr zu sagen. Noch auf der Zugfahrt zurück nach Berlin, sehe ich mich den Kopf schütteln. Auch als F. dann seine Facharztprüfung endlich hinter sich gebracht hatte und wir in der Wohnung mit Freunden und Kollegen aßen und tranken und der F. und ich auf dem Balkon tanzten, hielt sich B. abseits. Nicht einmal ein Bier wollte er trinken, dabei waren sonst am Ende der Woche mehr Bier als Cola-Büchsen auf dem Küchentisch versammelt, aber natürlich waren es Flaschen und keine Dosen. Dann zog der F. zu mir nach Berlin und wir hörten eigentlich nichts mehr vom B. Schließlich aber trennten wir uns und zogen in verschiedene Wohnungen, später dann in andere Länder. Gestern aber rief der F. mich an: „Du glaubst es nicht sagt er am Telefon, aber der B., du weißt noch der B. aus Göttingen hat mir geschrieben. Noch immer lebe er in der gleichen Wohnung, aber die Untermieterin die in F.’s Zimmer zog, habe er schließlich geheiratet, es sei einfach praktischer so gewesen. Im November hätten sie Drillinge bekommen und da der F. ja Arzt geworden sei, wüsste er gern wann man denn am besten mit Beikost anfangen solle. Er, der B. habe sich schon durch viele Sorten Gläschen probiert. Er fände sie sehr bekömmlich.

As an exception in German: Wie es wäre wenn

Wäre ich aber nicht hier, wo ich jetzt bin, es wäre warm und die Sonne ein roter, glühender Ball, ganz ohne Nachsicht und Gnade. Tief über den Dächern stünde die Sonne und blendete mich so, dass die Welt hinter dem Fensterrahmen nur ein verschwommener Schatten wäre, unkenntlich, unwirklich und bestenfalls ein flirrender Schatten, unerreichbar fern von mir und meinen Füßen. Meine Füße, aber hielte ich ins Licht, bis auch sie verschwänden, entrückt wie die Welt selbst. Auf einer alten Ottomane würde ich liegen die Hände verschränkt im Nacken und schaute der Sonne hinterher. Ein Buch hätte ich sicher neben mir liegen, nichts Schweres jedoch, sondern eine kleine Erzählung mit heiterem Ende, vielleicht eine Erzählung von Raffael Ganz, dessen kleines Büchlein „Piste Imperiale“ ich schon fast vergessen hatte und immer noch einmal lesen wollte. Aber das hätte noch Zeit, noch steht die Sonne viel zu hoch und mir mitten im Gesicht. Die Augen würde ich schließen und atmen würde ich nur dann, wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließe. Für eine lange Zeit läge ich so ganz in der Sonne und bliebe in der Zeit verschwunden und dächte an nichts. Schlüge ich aber die Augen auf, wäre deine Hand auf meinem Arm und leise, ganz leise drehte ich mich um, ich weckte dich nicht und ich sagte auch nichts, du würdest mich ohnehin kaum erkennen, denn zwischen uns läge ja die Sonne, glühend und rot und alles, alles vergoldend. Ich aber würde, die Zeit spielte ja keine Rolle, jede einzelne deiner Wimpern zählen, die schwerelos an meinen Fingerspitzen lägen, sicher verzählte ich mich einmal, zweimal oder auch öfter, aber stets begönne ich von Neuem, bis es mir schließlich doch gelänge, bevor ich erneut einschliefe Wimper an Wimper mit Dir. So und nicht anderes, wäre es, wenn es nicht wäre, wie es ist, sondern ganz anders, und die Sonne, ein gleißender, roter und feuriger Ball.

As in exception in German: In einem kühlen Grunde

Nur einmal sagt sie, hätte sie ihn geküsst. Aber auch das sei jetzt schon sehr lange her. Nichts weiter als ein Zufall sei es gewesen. Sie hätte sich da nie etwas vorgemacht. Außer im Film heiraten Ärzte keine Krankenschwestern, das hätte sie auch damals schon gewusst. Naiv sei sie nie gewesen. Schon damals sei ihr der Kuss eher unwirklich vorgekommen. Sie sei schon auf den ersten Blick nicht für ihn in Frage gekommen. Sie war nie wirklich hübsch, mit ihrer Brille und den kinnlangen Haaren, die eigentlich nie eine richtige Farbe hatten, dicklich zudem und unbeholfen zuweilen, behauptet sie. Immer im falschen Moment zu fahrig und wenn angesprochen, die Antwort eher stammelnd denn selbstbewusst vortragend. Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen, hätte sie es sich vorstellen können: er und sie. Er der begabte und nicht nur im Krankenhaus beliebte Mann, dem alles zufiel, der berufliche Erfolg wie auch die Frauen. Er hätte sie, sagt sie nach ihrem Kuss sogar zwei oder dreimal angerufen, aber sie hätte dem keine Bedeutung beigemessen. Sie hätte sich nie Illusionen gemacht, nicht über sich selbst und nie über die Männer. Bald darauf habe sie das Krankenhaus verlassen. Sie habe ihm nicht täglich über den Weg laufen wollen. Später, da war er schon Oberarzt sagt sie habe er eine Kollegin geheiratet, die auch sie lose gekannt habe. Eine blonde Schönheit sei die Frau gewesen, schön auf eine leichte und elegante Weise, fachlich so brilliant wie er und dazu geboren, es leichter im Leben zu haben als andere. Schon immer war ihr klar, dass er eine solche Frau heiraten würde. Sie habe sich nichts anderes vorstellen können. Dann aber sei sie in eine andere Stadt gezogen und er habe ein Fellowship in den USA angenommen. Manchmal habe sie in einer Fachzeitschrift einen Aufsatz von ihm gelesen. Natürlich habe sie in den folgenden Jahren immer mal wieder jemanden geküsst. Aber etwas habe sich immer nicht als ganz passend angefühlt. Zu forsch sei die eine Hand an ihrem Rücken gewesen, zu gierig der Mund eines Anderen. Sie zuckt mit den Schultern. Sie sei dann lieber allein geblieben. Manchmal sei es schon einsam. Ihre Eltern lebten schon lange nicht mehr und ihre Schwester soweit entfernt, dass sie sich eigentlich kaum sehen würden. Schon mehr als einmal habe sie überlegt sich eine Katze zuzulegen, aber angesichts der Schichtdienste hätte sie diese Idee schnell wieder verworfen. Seit zwei Jahren sehe sie hin und wieder und einen Pathologen, der früh verwitwet sei. Er habe ihr, wenn auch nicht förmlich, so doch glaubhaft zu verstehen gegeben, dass er sich durchaus vorstellen könnte, noch einmal zu heiraten. Vielleicht hätte sie dies sogar irgendwann in Erwägung gezogen. Sie fürchte sich vor der Einsamkeit und am Abend besonders vor der leeren Wohnung. Immer wieder sagt sie, werden ja Menschen erst nach Wochen vermisst und dann tot in der Wohnung gefunden. Zu den Nachbarn hätte sie keinen großen Kontakt. Die Schichtdienste eben sagt sie und zuckt mit den Schultern. Auf der Personalversammlung vor einer Woche aber, sei ein neuer Chefarzt angekündigt wurden. Es sei er. Im Februar fange er auf ihrer Station an.

Sicher sagt sie, habe er sie längst vergessen. Aber dennoch wüsste sie nicht, was sie jetzt tun solle. Sie schüttelt den Kopf. Schließlich sagt sie, hätten sie sich doch nur ein einziges Mal geküsst.

As an exception in German: Ein Stöckchen! Ein Stöckchen!

Als ich zur Schule ging, war ich das Mädchen in der letzten Bankreihe, weder war ich so hübsch angezogen wie die elegante I noch hatte ich eine hübsche Schreibschrift wie die C. und auch die elfenhafte Schönheit der K. konnte ich nie erreichen. Auf Geburtstagsfeiern wurde ich grundsätzlich nie eingeladen und gute Schultage waren solche an denen mir niemand ein Bein stellte. An den Kettenbriefen, die durch die Bankreihen gingen war ich selbstredend nie beteiligt. Heute aber, so viele Jahre später erreichte mich ein echter, wunderschöner Kettenbrief, der reizenden und bezaubernden Frau Croco, mit der ich gern einmal im Sonnenuntergang auf den Nil sehen würde. 11 Fragen soll ich beantworten und das tue ich sogleich und sehr gern:

1 Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?

Oh, mein Schwesterchen hat heute noch heute Alpträume von meinem letzten Einsatz in Kabul und so träume ich nicht vom Dschungel oder vom Kilimanjaro, sondern ich käme gern einmal nach Hause, nur leider weiß ich nicht wo das sein könnte, dort anzukommen stelle ich mir als ein großes, das größte Abenteuer vor.

2 Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10000 € bekommt. Wer wäre das und warum?

Das ist eine so schöne, wie schwer zu beantwortende Frage. Eine der großartigsten und inspirierendsten Frauen, die ich in Indien kennenlernen durfte, ist Sangamithra Bose, eine der unermüdlichsten Kämpferinnen für die Rechte von im Slum lebenden Kindern auf Bildung, aber noch mehr für das Recht auf eine Kindheit. Das scheint mir ein sehr unterstützenswerter Traum. Hier erzählt sie von Ihrer Vision.

3.Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?

Uff. Mir ist die eigene Haut schon schwierig genug. Näherungsweise. Ich wünschte ich könnte einmal mit Karl Kraus eine Zugfahrt von Wien nach Vrchotovy Janovice machen. Nach einer halben Stunde wären wir furchtbar verkracht, vor allem über sein Heine-Buch und ich würde ihn vorsichtig, aber doch nach seiner Liebe zu Sidonie Nádherná fragen. Seine große Liebe. Eine große Liebe.

4.Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?

Ich wäre gern Mops am Hofe Louis XIV und hätte auf dem Schoße des Mächtigen sitzend, die Intrigen unter den Ministern, die Streitigkeiten mit Mazarin, den Ärger mit faulen Dienern, den leidigen Briefen der Königinmutter und all den Frauen belauscht und dann und wann freundlich bekläfft.

5. Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?

Ja, aber das Thema dieses Traumes gehört hier nicht her.

6. Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?

Jedes Jahr mindestens einmal: Thomas Mann’s Joseph und seine Brüder und jedes Mal wieder schlägt mein Herz schneller über Mut-em-enet, auch Eni oder Eni geheißen, die sich auf die Zunge beißt, ärgere und amüsiere ich mich über Joseph den Träumer und Traumdeuter, und mit kaum jemanden habe ich so gelitten wie mit Jaakob und Rachel und schon oft habe ich an der Straße nach Schekem angehalten und ihrer gedacht. Vielleicht ist dieser Roman nicht Thomas Mann’s wichtigster, sein schönster aber ist es wohl doch.

7. Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnte sie sich den Lebensunterhalt verdienen?

Ich hoffe sehr, dass dieser Ernstfall nicht eintreten wird, man sagt mir aber eine chamäleongleiche Anspassungsfähigkeit nach, ich hoffe diese brächte mich durch.

8. Verraten Sie uns ihr Lieblingskuchenrezept?

Oh ja! Meine Großmutter machte den besten Zitronenkuchen der Welt. Sie backte nur nie nach Rezept, sondern nahm Eier, Mehl,Backpulver, viel, sehr viel Zucker, presste Zitronen, gab einen guten Schuss Rum in den Teig, hieß mich die Eieruhr auf 65 Minuten stellen und rührte dickflüssigen Puderzucker für den Guss an, während ich die Schüssel ausleckte.

9. Unter Ihrem Balkon soll jemand ein Ständchen singen. Sie dürfen sich Sänger und Lied wünschen. Also, wer und was wünschen Sie sich?

Ich wünschte mir die überirdische Elisabeth Schwarzkopf unter meinen Balkon und ich schlösse die Augen dazu , denn sie sänge dieses dieses Lied von Erich Korngold.

10. Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?

Sehr ungern lebte ich ohne Milch, saure Äpfel, salzige Butter, ofenfrisches Brot und leider, leider, leider Snickers-Riegel.

11. Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?

Ich würde niemals , nie zum Karneval gehen. Müsste ich doch, ich verkleidete mich als Rumpel aus der Sesamstrasse und würde mich übel grummelnd in der Mülltonne verbergen bis der Spuk vorüber ist.

Wer geantwortet hat, der darf auch fragen.

1. Käme heute Nacht eine Fee zu Ihnen ans Bett, welchen erfüllten Wunsch gäben Sie zurück?

2. Welches Buch liegt auf Ihrem Nachtschrank?

3. Welcher Geruch lässt sie schaudern?

4. Was haben Sie zuletzt verloren?

5. Sind Sie glücklich?

6. Zöge Alice sie mit ins Kaninchenloch, in welcher Welt wachten Sie gerne auf?

7. Lesen Sie Gedichte? Wenn ja welche, wenn nein, warum nicht?

8. Sie stehen ohne Kompass, Stadtplan und Smartphone im Wald. Wie kommen Sie zurück in die Stadt?

9. Worüber haben Sie zuletzt gelacht?

10. Welche drei Dinge, die sie nicht haben hätten Sie gern?

11. Wofür haben Sie sich zuletzt ausgiebig Zeit genommen?

Wissen würde ich dies alles ( und noch viel mehr ) von Frau Arboretum, mit der ich gern einmal in einem alten und verwucherten Garten Tee trinken würde, von der Trippmadam, die tanzen kann, was ich aus der Ferne sehr bewundere, von der wunderbaren Signora Casino und so Sie nicht gerade Saurier birgt von Madame Modeste

Aber jeder der mag, soll gerne antworten und fragen, wieder und wieder und so weit das Internet reicht.

 

 

 

Deep diving

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Every evening I went swimming in New- Delhi. The pool was a separated one . One half reserved for women and the other half for men. A third basin was reserved for those,who couldn’t swim at all. Most of them were men, all of them deeply embarrassed that I would notice. They shouldn’t have worried: in the moment I take off my glasses, I am blind as a snake. The men on the other side of the pool tried to impress me with their ability of jumping dolphin-like into the water or to swim as fast as a shark. They shouldn’t have bothered: in the moment I take off my glasses I am blind as a snake. I never got so many phone numbers and was never asked so often: will you marry me? My answer was never yes but I always explained that a much better way to ask someone out, would be a question not quite so fundamental: Namasté, would you like to get a cup of chai? Or Namasté, isn’t it awful hot today, would you like to join me for a cold guava juice? They all eagerly agreed that such an opening would make much more sense. I closed my eyes, diving deep under the water, swimming away from a long day and all the pictures I am unable to forget. I swam and just tried to remember how the water feels on my skin and to forget everything else. The men grew used to me and when new men came, who peered at me under water, before asking me to marry them (one should always check first before buying ) the other men, pulled them out of the water, slapping them hard into the face. Nej, no said I, let it go, because I so desperately needed these forty minutes without blood and pain and anger. I swam and dived deep to forget everything beside the water under my skin. One evening a group of men started a fight, but I was too tired to find out what it was all about. The men responsible for the pool picked up wooden sticks, long and quite sharp, normally used to send off street dogs, separating the men, beating them hard. Then they left, but I dived deeper and tried harder to forget the day. I needed these forty minutes so badly. I wore an orange colored swim suit, the other women came to touch my hips, my breasts and sometimes my ears. ( My ears are quite nice. Seriously). I answered all questions regarding my breasts, hips and my quite, nice ears. In the cloakroom they all tried on my swimsuit. They liked it very much. Their only concern was that the nipples were showing. But I didn’t care, I needed the forty minutes in the water so badly. When I left I bought a similar  swimsuit for S. a young Muslim teacher I taught to swim.  She wore it over her long shorts and T-shirt. I think it suits her tremendously well. But I swam and dived deeper, the water under my skin,I swam away from the memories of the day. Even when the black flies came I didn’t care much. I was so tired, so very tired and so in need of the water, the silence and the forty minutes where everything was weightless and light as if I were swimming in an ocean far away from the world.

Tonight I sit on a desk in Dublin and New-Delhi is far way. In the news they say Refugees are not allowed into the swimming pool in a town in Germany due to anti-social behaviour or whatever you might call it.  I still see me sitting in front of the entrance door of the swimming in South-East Delhi waiting to dive deep into the water, reading the long list of rules and complaints, while the men waiting with me were parading up and down, trying to convince that they were a perfect match. I still see Mrs Rajasthani shaking her head whenever I drove off to the swimming-pool. That’s too dangerous, Read On, she said, but I just smiled and thought how badly I needed these forty minutes in the water, alone.

I don’t have any answers. But having spent the greater part of my life outside of Europe I know for sure, that the freedom women enjoy in Western Europe is an exception and comes at a price, in New-Delhi, Kinshasa and wherever you might live or swim. I wish it wouldn’t be the way it is. The only answer I have is S. the young Muslim teacher and all the other women diving deep into the water, as long they are there, as long as they are coming back despite resistance at home, as long as we are diving deep under the water and up to the surface again ,I am not afraid.

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Surviving as a non-pork eater in Ireland ( IV )

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New year, new luck, even for non-pork eaters. Today’s dish: Vegetable pasta with pesto. I am not quite sure of the pesto part, but it might just have meant: tomato sauce. Vegetables spotted: celery ( I am totally convinced that celery should be included on the Irish flag. It literally is everywhere…) The Irish flag as we know it, was flown for the first time in 1848, joining the hope spreading all over Europe that the kings would go and the people would stay.The green in the flag stands for Irish Republicanism, the orange for the Protestant minority on the island and the white for the hope of peace between the two major cultures in Ireland. ( There still is much more hope needed.) Further however, I spotted Zucchini, onions, tomatoes, red peppers( but I am not a hundred percent sure, it could have been tomato skin as well), and yellow peppers. No mushrooms! This I think is the first dish ever without any mushrooms. The dish at a whole had a somehow soapy taste, but I don’t even want to start to inquire further. While the kitchen has a strong tradition in yellow-beige colored food, today’s dish was presented in an optimistic red. Maybe the cook started into the new year with some good resolutions? Or the „Beige-Representative“ as Frau Arboretum put it so rightly, just went on holidays?

What? Vegetable pasta with pesto.

Where? The Buttery, Trinity College Dublin, Ireland

How much? 4 Euro

Survived? Hmm-hmm.