As an exception in German:Von kommenden Tagen

B. seufzt und nimmt noch ein Stück Kuchen. Der ist gut, sagt B. und ich nicke. Ich gehöre definitiv nicht zu den Menschen, die sich freuen wenn es  den Gästen schmeckt. Ich will gelobt werden. Vor allem für den Walnuss-Schokoladen-Kuchen, der wirklich ziemlich gut ist und von dem B.sich gerade ein drittes und nicht ganz, kleines Stück abschneidet. Aber dann seufzt der B. erneut auf und stöhnt als peinige ihn ein tiefer Schmerz. In Wirklichkeit ist der B. aber kerngesund. Nur kurz bevor er das Flugzeug nach Irland bestiegen habe, um eben mich zu besuchen, habe ihm seine Frau, die C. nämlich eröffnet, dass ihre Eltern die Festtage bei ihnen verbringen würden. Im Halteverbot stehend, hätte die C. dann noch nachgelegt: Zehn Tage lang gedächten ihre Eltern zu bleiben. Wie betäubt, so der B. habe er im Flugzeug gesessen. 10 Tage mit diesen Personen sei länger als die Ewigkeit. Im letzten Jahr, hätte die Mutter der C. sämtliche seiner Schränke geöffnet und sich nicht davor gescheut, die Krawatten des B. farblich zu sortieren, dann nach seinen Socken zu greifen und auch diese nach einem Farbschema, das irgendeiner fernöstlichen Philosophie entlehnt sei neu in der Lade zu arrangieren. Schließlich aber, der B. abwesend in der Küche, sozusagen als Höhepunkt des Ganzen, wäre die Mutter der C. dazu übergegangen seine Unterhosen und Unterhemden zu bügeln, zu falten und neu zu arrangieren. Der B. dem dieses Unterfangen dann doch zu Ohren gekommen sei, hätte fast der Schlag getroffen. Die Stimmung sei dann endgültig dahin gewesen. Die C. erzählte mir später, dass „Vertrauensbruch“ und „undankbarer Flegel“ noch die harmlosesten  der Anschuldigungen gewesen seien. Der B. schnauft nun vor Wut. Aber auch der Vater der C. sei ein unerträglicher Zeitgenosse. Nicht nur, dass er stundenlang über die Leiden seines Daseins als gesetzestreuer Steuerberater klagte und warmes Kulmbacher Bier zum Frühstück fordere, als sei das nicht genug des Elends, nein der Vater seiner C., sei der personifizierte Spießer. Berlin für ihn natürlich die Hauptstadt der organisierten Kriminalität. Den tausendfachen Beteuerungen des B., dass anders als in Südbaden in der Zeitung zu lesen, nicht beständig böse Menschen darauf lauerten, das Auto des Vaters der C. anzuzünden und restlos zu zerstören, habe er keinen Glauben geschenkt und stattdessen einen unmäßig teuren Stellplatz gemietet, natürlich nicht ohne tägliche Kontrollgänge zur Besichtigung des  Wagens durchzuführen. Der von B. initiierte Weihnachtsspaziergang sei von seinem Schwiegervater einzig dazu genutzt wurden, die Graffiti zu fotographieren: zum Beweis für den Skatklub daheim, der ruhig auch sehen solle, wie es hier zugehe. Der B. schnauft und schlägt sich mit der Hand  gegen den Kopf. „Komm“ sage ich,“ wir gehen ans Meer.“ Während wir am Ufer stehen und in die grauen Wellen sehen, frage ich mich doch mit leisem Bangen ob auch wir so werden, wenn wir älter sind.

Ob wir dann wohl auch in jedem Hauseingang einen Mörder wittern, lieber zweimal nach dem Riemen der Handtasche greifen und aus DER WELT Artikel ausschneiden, die beweisen, dass die Welt den Bach herunter geht? Ob dann wohl auch Leute, beim Kuchen essen über uns den Kopf schütteln werden, lachen und mit den Schultern zucken über uns als die wunderlichen Alten, oder ob schon jetzt Leute, die so alt sind wie wir, aber  mit ganz anderer Wahrnehmung der Realität genau so reden, sprechen und leben wie die Eltern der C.?

9 Gedanken zu “As an exception in German:Von kommenden Tagen

  1. Keine Sorge, das passiert Menschen nicht, die die Welt gesehen haben. Nur den Sessilen. Aus Südbaden.
    Meine Freundin S. hat im Übrigen auch solche Schwiegereltern.
    Jetzt haben sie und ihr Mann sich eine Ferienwohnung auf Malle gekauft, für Weihnachten und so.
    Die Schwiegereltern können leider nicht kommen. Flugangst. Schade aber auch.

  2. Das ist gut, ich habe über manche Formulierungen herzlich gelacht, denn was ist schon lustiger als die Alpträume der anderen…

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