Periodensystem

Manchmal, vor allem wohl, aber auch nicht ausschließlich am Ende des Jahres sieht man sich selbst hinterher. Etwas müde von all den langen Tagen des Jahres. Noch immer ist der Schreibtisch nicht aufgeräumt, noch  immer stapeln sich Notizen aus denen wohl in keinem Jahr mehr etwas werden wird zu Bergen und am besten wäre es wohl einfach ein Fenster zu öffnen und all die Fragen verschwänden uneinholbar in der kalten, nassen Luft. Wieder bin ich nicht in Venedig gewesen, nicht einmal für ein Wochenende. Überhaupt bin ich diesem Jahr hinterhergelaufen, immer war das Jahr schneller als ich und lachte mich aus mit meinen Seitenstechen. „Wer wartet schon auf dich?“, fragte das Jahr und natürlich war niemand die richtige Antwort. Was bleibt ist nicht viel. Ein indisches Mädchen auf einem Fahrrad vielleicht und auch der scharfe Geruch nach Salz und Meer, wann immer ich das Fenster öffne, fern von allem in einem irischen Dorf. Gehofft habe ich nichts. Gelacht habe ich wenig. Die Worte sind schief und viel zu müde bin ich sie richtig wieder aufzustellen. Jede Schachpartie habe ich verloren, und aufgehört nach zwei Paar Ohrringen zu suchen. Einige Splitter sind in den Fingerspitzen geblieben. Meine Hände sind meistens kalt. Unter dem Eis ist das Wasser schwarz, sagte meine Großmutter und irgendwo auf dem Grund liegen meine Briefe an Dich. Schumann’s fünf Stücke im Volkston am Anfang des Jahres auf den Plattenspieler gelegt und auf dem ipod läuft immer noch Tom T. Hall. Kaum am Klavier gesessen, den Klavierstimmer nicht einmal angerufen, wenige Konzerte im Ohr behalten, nur einmal in der Oper gewesen ( das immerhin ist etwas noch nie Dagewesenes). In der Müdigkeit länger gebadet als in der Badewanne. Niemanden geküsst, nicht einmal in Gedanken. Jemanden gegenübersitzen, an einem grauen Nachmittag, der sich Digital Influencer nennt. Was das soll, denke ich und sehe zur Seite. Nein, sage ich,nein, nein, mein indisches Projekt braucht keinen Instagram-Stream sondern Damenbinden und gynäkologische Pads. Nun sieht er zur Seite, sichtlich verstört. Ein Periodensystem sage ich und finde das lustig. Er nicht und als ich gehe, sehe ich einen Schatten im Spiegel, der wohl ich bin und der wohl nicht nur von weitem einem Narren gleicht. Atemlos. Weiteratmen.

6 Gedanken zu “Periodensystem

    • Ich stimme Ihnen in allem zu. Manchmal geht nicht mehr und wer weiß vielleicht kommt alles noch einmal anders wieder, in anderen, schöneren Jahren. Bis dahin. Weiteratmen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s