As an exception in German-Licht aus, Licht an

Als ich ein Kind war: die Schatten auf dem Boden. Je länger der Nachmittag, so kleiner das Kind. Der Boden: Beton. Auf dem Beton ein alter, verblichener Teppich. Auf ihm die Schatten des Vorbesitzers. Der sei verschwunden, sagten die Nachbarn. Wohin sagte niemand, nicht die Nachbarn und auch nicht die Schatten. Niemand fragte. Meine Mutter, so fern wie die Schatten, das Kind auf dem Boden: ich. Allein, auf dem Boden, die Schatten und ich. Ich fürchtete mich vor den Riesen, die unter dem Bett lebten, in der Schattenstunde streckten sie ihre Beine länger und länger unter dem Bett hervor. Je näher die Riesen kamen, umso weiter rückte ich zur Tür. Da lehnten die stummen Schatten. Immer dann wenn ich glaubte die Riesen packten mich an den Zehen, stand ich auf und schaltete das Licht an und wieder aus. Nichts vertrieb die Riesen, so schnell wie das Licht. Aber schnell musste man sein. Licht aus, Licht an. Meistens fiel der Strom aus. Oder war ich nicht schnell genug? Die Schatten blieben, meine Mutter blieb ein Schatten, nie gewann ich das Spiel. Das Kind auf dem Boden, der Boden, Beton. Je kleiner das Kind, so größer die Schatten. Eines langen Schattennachmittags flogen die Steine. Flogen in die Fenster, schlugen gegen die Tür, erschlugen die Füße der Riesen, das Kind auf dem Boden erschlugen sie nicht. Meine Mutter, ein ferner Schatten. Dann fielen die Schüsse. Mein Rücken klebte am Beton. An jenem Nachmittag, der ein Schattentag war, kamen die Riesen nicht unter dem Bett hervor. Du kamst, in jenem Dunkel sah ich nur deine Augen vor mir. Ich erzählte dir von den Riesen, die unter dem Bett lebten, von den Schatten am Türrahmen. Wir zogen die Füße an, wir auf dem Boden, wir berührten die Schatten nicht. Ich gehe nicht zurück, sagtest du. Ich wagte nicht in dein Auge zu sehen. An jenem Schattennachmittag dachte ich wir trennen uns nicht mehr. Selbst wenn wir wollten, wie könnten wir uns trennen? Wir, inmitten der Steine und Schüsse, die noch immer fielen, einen ganzen Schattennachmittag lang. Von Ferne und in der Nähe. Wir auf dem Boden im Dunkeln. Plötzlich: welch eine Stille. Wir hören sie beide. Dein Atem ist bitter. Die Uhr an der Wand ist zersprungen, die Zeiger verzogen, die Zeiger stecken fest. Das Licht geht nicht an. Das Licht bleibt aus. Alles ist zerrissen, das sehen wir auch ohne Licht. Wir kriechen unter das Bett, da liegen schon die Riesen. Ist es geschehen? Schau mich an, sag es mir doch: ist es wirklich geschehen? Ich höre noch unseren Atem. Sehe deine Finger, die stärker sind als die Finger der Riesen. Alles andere ist ausgelöscht.Kommt schlafen, sagten die Riesen, es ist schon spät. Sie kamen nachts. Sie klopften an unsere Tür. Sie waren viele, vor uns lagen die Riesen, sie fanden alles, zwei Kinder fanden sie  nicht.  Noch heute beschweigen wir jene Nacht. Dein Haus wurde zerstört. Lange bin ich noch zu deinem Haus gelaufen. Du kamst nie wieder. Auch nicht zu mir. Die Riesen verrieten nichts. Dich nicht und mir nichts. Meine Mutter ein ferner Schatten, doch über sie, wenn ich es nicht schon sagte: rien du tout. Zwei Jahre später, verließen wir das Haus und die Stadt, der Teppich blieb liegen, noch verblichener, die Riesen, ich weiß nicht was aus ihnen wurde. Der Vorbesitzer blieb verschwunden. Am Ende gingen auch wir. In jener Nacht dachte ich wir trennen uns nicht. Wir haben uns nie wieder gesehen.Nein, ich habe eigentlich nur deine Augen gesehen. Das Licht ging ja auch nicht. Licht an, Licht aus, vielleicht war ich auch nur nicht schnell genug. Unter meinem Bett leben keine Riesen mehr. Die Schatten waren lang und länger, so lang wie an jenem Nachmittag, die Schatten auf dem Boden, je länger der Nachmittag, so kleiner das Kind. Die Schatten gehen nicht fort, gingen nicht fort. Licht aus, Licht an. Die Schatten bleiben in der Tür. Am 13. 08. 1998 war das Kind, das Kind auf dem Boden, 1o Jahre alt. Am 13.11. 2015,das Mädchen ist kein Kind mehr, werden die Schatten länger und länger, sie bleiben hängen zwischen den Lebenden und den Toten. Licht aus, Licht an.

Nairobi, 13.08. 1998- Paris, 13.11. 2015.

4 Gedanken zu “As an exception in German-Licht aus, Licht an

  1. So etwas als Kind zu erleben, nimmt einem den einfachen Glauben daran, dass alles gut wird. Die Monster bleiben einem.
    Immer hatte ich das Gefühl, dass hier auch eine alterslose Seele wohnt. Jetzt
    verstehe ich noch besser, warum.

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