As an exception in German-Berliner Geschichten II

Zugig ist der Bahnsteig und kalt. Die S-Bahn kommt nicht. Die S-Bahn kommt absolut nicht. Der Wind pfeift und ich glaube die S-Bahn wird vielleicht nie wieder fahren, jedenfalls nicht von diesem Bahnsteig. Eine Bahn kommt, dann noch eine, aber keine der beiden hält. Ich habe Hunger und Halluzinationen von einem an offenem Feuer gerösteten Ochsen. Oder von einer dampfend heißen Kartoffel-Lauchsuppe, dick bestreut mit geriebenem Käse. Ganz unten in der Tasche finde ich immerhin ein Hustenzuckerl, das dort glaube ich schon viele, viele einsame Tage, wenn nicht gar Jahre auf dem Grund der Tasche verbracht hat. Endlich, aber endlich erbarmt sich unser eine S-Bahn. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau mit ihrer Tochter. Acht Jahre alt mag das Mädchen sein und ihre Mutter hat ein Gesicht, das viel zu verbraucht scheint für die Jahre, die es wohl zählt. Mutter und Tochter tragen fast identisch kniehohe Stiefel, das Mädchen hat blonde, die Mutter blondierte Haare. Das Mädchen bohrt die Stiefelspitzen fest in den Boden, die Mutter bohrt ihre Blicke auf ihr Telefon. Irgendetwas murmelt das Mädchen ihrer Mutter zu, die aber plärrt mit erstaunlich lauter Stimme: „Da musst du deinen Vater fragen.“ Vater klingt nicht nur verächtlich sondern wie Fatta, mit zwölf Ausrufezeichen mindestens. „Mittach“, plärrt die Mutter dann erneut und aus ihrer mit falschem Kuhfell bespannten Handtasche holt sie ein kleines, gelbes Päckchen hervor. Ich brauche einen Moment bis ich verstehe, dass dies eine Tütensuppe ist, yum-yum oder so heißt sie und sie enthält trockene Nudeln und ein Tütchen Gewürzpulver. Auf der Verpackung ist eine kross gebratene Ente abgebildet. Das Mädchen nimmt die Tüte, zerbricht die harten Nudeln, schüttet sie in ihre Hand, streut Gewürzpulver über die trockenen Nudeln und isst sie. Viele Nudeln kann eine kleine Mädchenhand nicht halten und eine kleine Mädchenhand muss auch noch das Gewürztütchen koordinieren und bald liegen viele Nudeln auf dem Boden der Bahn. Das Mädchen leckt sich das Gewürzpulver von den Fingern. Dann steige ich aus, der Boden knirscht unter meinen Füßen. Im Warmen bin ich dann, ich küsse viele Wangen, ich rede zu schnell und zu lang, ganz bestimmt zu lang, ich schüttle Hände, ich höre mich lachen, jemand bringt mir ein riesiges Stück Kuchen und irgendwann es ist schon sehr spät, essen wir griechischen Salt mit dicken Brocken Käse, der Tomatensaft tropft mir von der Oberlippe, O. ordert einen Berg von Tsatziki, L. und ich teilen uns Lammrippchen, und ganz zum Schluss der Tag ist schon vorüber, stehe ich auf dem Balkon, in den Händen eine große, heiße Tasse Tee und sehe wie schon den ganzen Tag, immer wieder, als sei es mein eigentlicher Schatten, das Mädchen mit den trockenen Tütennudeln in der einen und dem Päckchen Gewürzpulver in der anderen Hand mir gegenüber sitzen, als sei das ganz und gar normal und nicht weiter ungewöhnlich, ein Tag eben wie jeder andere auch.

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