As an exception in German: Perlweiße Zähne

Schon in der Schule wurden der V. nur die besten Aussichten prophezeit. Nein, besonders klug ist die V. schon damals nicht gewesen. Eine gewisse Fähigkeit zum auswendig lernen kam ihr zu Gute, ein freundliches Gemüt und rostbraune Locken, die sie sich um den Zeigefinger wickelte, um sie dann blitzschnell und unverhofft zurückschnellen zu lassen.Die V. sagte nicht dümmere Sachen als andere, lachte nie zu laut oder zu leise. Sie war mit allen gleichermaßen befreundet und nur mit der F. glaube ich für ein paar Wochen zerstritten. ( Anlass war ein Lacoste Tenniskleid, das die V. in der Auslage eines Schaufensters bewundert hatte, bevor es die F. am nächsten Morgen trug. Aber das wiederum ist eine andere Geschichte.)  Bewundert und beneidet gleichermaßen wurde die V. schon damals allein wegen ihrer ebenmäßigen und perlweißen Zähne. Ein Gebiss hatte die V. das makelloser nicht hätte sein können. Ein Gebiss aus dem Dentistenträume gemacht sind, ebenmäßige, glatte und so schneeweiße wie feste Zähne hatte die V.  Es ist ganz und gar nicht übertrieben zu sagen, dass die Zähne der V. schlichtweg glänzten. Die V. war sich dessen schon immer bewusst. In den Schulpausen, ich habe es selbst gesehen, überprüfte die V. ihr Gebiss in einem eigens dafür mitgebrachten Taschenspiegel und besah sich auf das Genauste ob die Zähne noch ihrem Ruf entsprächen. Erst wenn der Zahnschmelz zu ihrer Zufriedenheit funkelte, steckte sie befriedigt nickend den Spiegel zurück in ihre Tasche. Die D. erzählt, die V. habe ihr ergebene Buben sogar gegen eine kleine Gebühr ihre Zähne befühlen lassen. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen, damals bin ich schon nur noch sehr selten zur Schule gegangen. Fakt aber was, wenn die V. lächelte, langsam und gekonnt, ihr Lächeln war immer erst vorsichtige Andeutung bevor es sich dann in vollem Glanz entfaltete. Lächelte die V. dann aber, hielten wir alle, die Welt selbst eingeschlossen den Atem an. Von einer solchen Schönheit waren die Zähne der V. Später dann, hat die V. es ist wenig überraschend einen Zahnarzt geheiratet. Es war so erzählte mir der B. einmal Liebe auf den ersten Zahn gewesen. Überall in der Praxis habe der Zahnarzt, Plakate mit dem Gebiss der V. aufgehängt. Dies, so der B. habe die erfolgreiche Praxis zu einer überaus erfolgreichen werden lassen und den Zahnarzt und Ehemann der V. bewogen einen weiteren Kollegen einzustellen. Zwei Kinder hätten die V. und ihr Zahnarzt ebenfalls bekommen. ( Über die Beschaffenheit der Zähne der Kinder, ist jedenfalls dem B. nichts Näheres bekannt.) Der neue Kollege habe sich als überaus verständig erwiesen, um nicht zu sagen: als sehr begabt. Die Begabung des jungen und talentierten Kollegen aber habe sich nicht auf die Extraktion von Zähnen beschränkt, sondern sehr bald sei der junge Kollege auch der V. und ihrem Gebiss verfallen.  Der Ehemann der V. habe von alldem nichts mitbekommen, sondern sich weiter an der V., ihrem Gebiss und dem durch den jungen Kollegen möglich gewordenem Tennisspiel erfreut. Der junge Kollege, aber nicht nur verliebt in die Zähne der V. sondern auch mit dem Hunger nach Erfolg begabt, eröffnete erst kürzlich im nicht weit entfernten Nachbarort eine Dependance. An den Wänden prangten, die glänzen, strahlend-weißen Zähne der V. in großformatigen Aufnahmen. Das Unglück oder die Karies, wie man so will, führten nun einen Patienten des Zahnarztes in die Dependance des so jungen wie begabten Kollegen. Dort traf er auf dem Behandlungsstuhl gurgelnd auf die schon bekannten Bilder des schönsten Gebisses der Welt. Bald darauf wusste es der Zahnarzt, dann der ganze Ort. Es ist noch nicht klar, ob die Ehe der V. zu retten sein wird, von einem Ultimatum des jungen Kollegen ist die Rede, schwerer aber noch als die eheliche Untreue, so der B. wiege für den Zahnarzt der Verrat am Exklusivrecht der Gebissfotografien. Der Junge Kollege verweigere die Herausgabe der Aufnahmen und hätte sich sogar erdreistet sich auf einen intimen, einzig mit der V. geteilten Moment zu berufen. Die Auseinandersetzung hält an. Die V. hingegen sei schmallippig geworden, sagt der B. Bei ihrer Begegnung am Flughafen hätte sie ihre perfekten, weiß schimmernd, perlweiß glänzenden Zähne nicht ein einziges Mal gezeigt.

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