As an exception in German- Infiziert

Damals, ich weiß es noch ganz genau, stand die Sonne tief am Himmel. Der Himmel war gar kein Himmel sondern ein tiefrot glühendes Fenster, ohne Anfang und ohne Ende. Alles verschluckte die rote Wand und auch Du warst nur noch ein Schatten, kaum mehr zu sehen in dieser Woge aus gleißendem Rot. Nichts war zu ahnen vom Kiefernwäldchen hinter dem Haus und auch der Kibbuz und seine Felder waren wie fortgewischt, da gab es nur dich und mich inmitten des brennenden Lichts. “Alles, sagtest Du und es klang hart, hallte durch das Haus mit seinen schmucklosen Wänden, die aus grauem Zement waren, du infizierst alles mit deiner Traurigkeit.” “Was tut dir denn weh, fragte ich Dich?”, und ich wollte aufstehen, deinen Hals, deinen Kopf, deine Schultern berühren, so als könnte ich mit meinen Händen Deinen Satz wegwischen. Du aber schriest so laut und immer wieder diesen Satz: “du infizierst alles mit deiner Traurigkeit.”, dass ich nicht mehr aufstand, um dich, deine Arme, deinen Kopf oder deine Hände zu suchen. Dann ranntest du aus dem Haus, es war mir als würdest du geradewegs in die Sonne laufen, aber wohin du liefst, hast du mir nie gesagt. Ich bin damals auf dem Stuhl sitzen geblieben, ich strich mir über die Arme und Beine, und wenn ich gekonnt hätte, wäre ich in mich hineingekrochen, um mich vor dir zu verbergen. Auf dem Tisch stand ja noch meine Tasse, auf der Sofalehne lag noch mein Kleid und irgendwo im Bad eine Zahnbürste, nah an deiner. Lange saß ich auf dem Stuhl, so lange bis die Zypressen, die Felder, das Kiefernwäldchen, schließlich auch die Dächer des Kibbuz wieder hervortraten aus dem Licht. Lange schon war die Sonne untergegangen, bis ich dann endlich aufstand, die Tasse abspülte, merkwürdig genau darauf bedacht, nichts weiter anzurühren von deinen Dingen, das Kleid und die Zahnbürste und wohlmöglich auch noch andere Dinge, warf ich in den Müll. Die Fenster machte ich auf, eins nach dem anderen und der heiße, trockene Wind wehte hinein, vielleicht dachte ich damals, das trockener und heißer Wind ein gutes Desinfektionsmittel sei, und das es das beste sei, der Wind trüge den Rest meiner Anwesenheit fort aus deinem Haus. Dann lief ich so schnell ich konnte fort, lange und heiß duschte ich, als hätte heißes Wasser je gegen die Pestilienz geholfen. Alles steckst Du an mit Deiner Traurigkeit, hörte ich wieder und wieder in meinen Ohren und vergaß darüber, ob es das Wasser oder die Gedanken waren, die da rauschten. Zweimal noch haben wir uns gesehen nach diesem Nachmittag, zweimal noch bin ich in deinem Haus gewesen, das mit seinen rauhen Wänden und deinen weichen Händen, alles an Zuhause war, was ich je kannte. Zweimal noch schliefen wir miteinander, aber angesehen habe ich dich weder beim ersten noch beim letzten dieser zwei Male, ich sah lieber hinaus in das gleißende Licht. Ich habe dir nicht gesagt damals, dass ich nicht zurückkäme, du hast als ich zum letzten Mal in die Schuhe schlüpfte um mich auf den heißen Steinplatten deiner Terrasse nicht zu verbrennen, deine Worte nicht zurückgenommen, hast sie nie wiederholt, aber immer so gemeint. Lange schon hast du neue Frauen in dein Haus und auf deinen Schoß geholt, alt bist du heute und nicht nur älter, so wie damals und ganz sicher lachen die Mädchen und bewundern deine weichen Hände. Immer mal wieder haben wir uns gesehen, nie wieder bin ich in deinem Haus gewesen, fast alles worüber wir sprachen, habe ich vergessen, dieser eine Satz und die Traurigkeit sind mir geblieben.

Viele Jahre später ist der Himmel nicht mehr gleißend rot, sondern von einem trüben, bleiernem Grau. Das Zimmer in dem ich sitze ist weiß tapeziert und mein Verhältnis zu meinem Gegenüber eines ganz ohne Hände. Aber dennoch fürchte ich heute, das Du noch immer Recht hast, fürchte ich mich davor, die Traurigkeit weiterzugeben, als mein ewiger Begleiter, wohlmöglich auch als mein eigentliches Ich. Vielleicht aber ist auch nur die Traurigkeit übrig geblieben von jenen Jahren, mit gleißender Sonne, dem Kiefernwäldchen, den Zypressen und einer rauen Wand aus Zement an meinem Rücken.

9 thoughts on “As an exception in German- Infiziert

  1. Diese Erinnerung wühlt in der tiefsten Tiefe meiner Seele eine Erinnerung auf. Die Perspektive anders, die Traurigkeit nicht meine damals, doch meine Hände weich. Und das Gefühl, das ist und bleibt, das gleiche. Danke für diesen Moment, Read on.

  2. Ich kenne bislang leider auch nur sehr wenig von ihm und hatte vorgestern den Link vergessen. Wobei ich auf jene Zeile aus der deutschen Nachdichtung anspielte:

    Kleider aus Sonnenlicht hat nur wer liebt.

    Hat er Sie jemals gefragt, warum Sie so traurig waren?

  3. Pingback: 12 of 12, Berlin edition | READ ON MY DEAR, READ ON.

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