As an exception in German- Auf der Flucht

Kalt war der Winter in dem ich nach Berlin kam. Eisig, eine Stadt überzogen von einer undurchdringlichen Schicht aus Eis und Schnee. Nie wieder habe ich so gefroren wie in jenem ersten Berliner Winter. Überzogen von einem eisigen Panzer aus undurchdringlicher Kälte schienen mir auch die Menschen, die hier lebten. Unvorstellbar war mir, dass in dieser Stadt Menschen leben sollten, die lachten und sich an den Händen hielten, und für ausgeschlossen hielt ich es, dass hier Menschen singen könnten anstatt nur zu bellen oder lauthals vor sich hin zu plärren. Abweisend auch die Häuser mit ihren grauen Fassaden, dem allerorten bröckelndem Putz und dem Geruch von Bohnerwachs und scharfen Reinigungsmitteln auf allen Fluren. Berlin, eine kalte Stadt, die aussah als sei der Zweite Weltkrieg nicht 1945, sondern vor fünf Minuten zu Ende gewesen, eine Stadt in der an jeder Ecke Trinker standen, die billigen Schnaps tranken und mir völlig unverständliches lallten, die ich vorbeilief und nie ganz wusste, ob eigentlich ich oder sie es waren, die in jenem Haus wohnten zu dem ich doch den Schlüssel hatte. Unvergessen auch das höhnische Lachen eines Bettlers, der bersten wollte vor Lachen als ich auf vereister Straße hinschlug und mit Mühe nur wieder aufstand. Lange ist sein Lachen, herzhaft und froh mir in den Ohren geklungen. Eines Abends aber in jenem ersten Jahr, saß ich mit Bekannten die vielleicht Freunde werden würden an einem gedeckten Tisch. Noch immer kann ich den Tisch vor mir sehen, sehe die Gläser, die Teller, das sorgfältig angerichtete Essen und die lachenden Gesichter der Gäste. Vergessen aber habe ich, wie das Gespräch wohl auf Flüchtlinge kam, aber gesprochen wurde lange und viel von ihnen. Von Großvätern aus Schlesien und Großmüttern aus Ostpreußen, von den Geschichten, die alle mit übers Haff oder auf’m Treck anfingen, von den Liedern der Großeltern, vom gerollten R und von den  Gerichten, die für die, die erzählten, Heimat war. Geschichten waren es vom Alles verloren, vom grässlichen Bauern, der die Tür zuschlug, und vom guten Bauern, der doch den Spalt offen ließ und manchmal sogar noch einen Brotkanten abgab. Die Enkel, die da erzählten hegten ganz sicher keine Gefühle für ein längst vergessenes Dorf in der Bukowina oder einen Speicher in Stettin, sondern erzählten durchaus mit Stolz in der Stimme von den Großeltern, den Geliebten wie Ungeliebten und ihrer Fähigkeit den schlechten Zeiten doch ihr bestes abzuringen. Da saß ich und hörte zu, drehte wohl auch ein Glas in den Händen, denn diese Geschichten sind nicht meine Geschichten. Irgendwann an diesem Abend, in dem die Großeltern durch die Enkel zur Tür hereinkamen, übers Haff sozusagen, sagte einer und er sagte es nicht leise, sondern eben als einer, der es weiß, dass die Juden nach dem Krieg ja schon wieder in Fünfzimmerwohnungen lebten. Unangenehm war die Stille, die folgte und alle sahen mich an, die ich doch Jude bin und was sie von mir erwarteten, weiß ich nicht. Das Glas fiel mir aus der Hand und ich stand auf und ging. Nie wieder habe ich mich auf Anrufe gemeldet, einen Brief der irgendwann kam, habe ich ungelesen in den Papierkorb geworfen. Meine Großmutter, aber die aus dem Lager zurückkam, als einzige zurückkam, fand das Haus ihrer Familie belegt mit Flüchtlingen, die sie vom Hof warfen: „Ihr Juden seid doch alle tot.“ Ob es ein schöner Abend war, fragte mich jene Großmutter als ich zur Tür hereinkam. Es ist kalt, sagte ich, glaube ich, aber ich mag mich irren.

Für viele Stunden sitze ich an einem Tisch, in einer jener Erstaufnahmeeinrichtungen, die es jetzt und nicht nur in Berlin zuhauf gibt. Ich übersetze so lange bis mir die Worte im Mund zerfallen. Die vielen. älteren Frauen der Kirchgemeinde aber, die Kleider sortieren oder mit den Kindern spielen oder Wasser und Obst verpacken, sprechen über die Flucht. Vom Treck, von der Angst der Mutter vor’m Russen, das man jetzt helfen müsse, sie erzählen wieder und wieder vom guten Bauer und bösen Bauern und vom Schlesierlied und der Linde auf dem Marktplatz. Ich wünschte, ich könnte mir die Ohren zu halten, und kann doch nicht aufstehen, von meinem Tisch und den vielen, vielen Menschen, die wie die alten Damen sagen, doch alle Flüchtlinge sind so wie wir, damals, so wie wir.

Nachts um vier wache ich auf. Seit so vielen Jahren immer derselbe Traum. Mit der Stirn lehne ich gegen das kühle Fensterglas und sehe hinab auf die stille Straße. Lange Zeit sehe ich niemanden und dann doch urplötzlich höre ich einen Mann rufen: „Anna, Anna“, aber Anna schreit: „Lass mich“, durch die dunkle Nacht. Wieder und wieder ruft der Mann nach Anna und ich frage mich, ob man nicht eigentlich die Polizei rufen müsste, aber dann schreit Anna zurück und es gellt über die Straße, und wäre ich nicht so müde, ich riefe Anna und dem namenlosen Mann vom Balkon aus zu, das eine Beziehung noch nie, nachts um Vier geklärt wurde. Zehn Minuten liegt die Straße wieder in der Stille. Die ganze Welt, denke ich, scheint auf der Flucht zu sein in diesen Tagen.

6 Gedanken zu “As an exception in German- Auf der Flucht

  1. Die Leute, die die Flucht erlebt haben und jetzt noch leben, erinnern sich, glaube ich, nur noch an das Gefühl der Flucht, nicht an die Gründe (die ihnen ja damals ja auch noch nicht klar gewesen sein können). Das rechtfertigt nichts, ich weiß.

  2. Die Jüngeren, die um jenen schön gedeckten Tisch saßen, hätten es aber allemal besser wissen können. Dass keiner der anderen widersprochen hat, macht mich fassungslos und wütend.

  3. Die Tischrunden befällt oft eine erstaunliche Stille in diesen und anderen Fragen und allzuoft habe ich gegen die gute Ordnung allein mit meiner Anwesenheit verstoßen. Deutsche Geschichte vergeht nicht einfach so.

    • Nein, sie vergeht nicht. Aber man kann in 70 Jahren auch dazulernen und als Nachgeborener erst recht. Schon als Kind habe ich häufiger miterlebt, wie mein Vater Tischgesellschaften wegen solcher Äußerungen verbal aufgemischt hat. Diesem jungen Mann da hätte er aber was erzählt.

      Dass sie wortlos aufgestanden und gegangen sind, auf keinen Anruf reagierten und später den Brief ungelesen wegwarfen, kann ich gut verstehen.

      • Ihr Vater scheint ein erstaunlicher Mann zu sein. Deutsche Tischgesellschaften haben sehr eigene Dynamiken. Ich weiß nicht, ob ich heute zu einer anderen Antwort in der Lage wäre. Manche Ufer sind zu weit voneinander entfernt, als dass man sich noch verständigen könnte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s