Delhi Diary- As an exception in German: Über den Horizont hinaus

Als ich ein kleines Mädchen war, verbrachte ich die langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland. Einmal aber hatte meine Großmutter andere Pläne und so kam ich für eine Woche zu Yehuda Schechter. Wie alle Bekannten meiner Großmutter zählte auch er zu jenem Kreis der “Auschwitzer” und zu dem noch viel kleineren Teil der im Osten Deutschlands lebenden Juden. Yehuda Schechter hatte keine Kinder und eigentlich auch nie Kinderbesuch. Als ich siebenjährig vor seiner Tür stand, sah er mich misstrauisch an. Nichts anfassen, war sein erster Satz. Sehr misstrauisch saßen wir uns gegenüber auf tiefen, dunklen, moosgrün bezogen Sesseln. Er sah mich an. Ich sah auf den Fußboden und bohrte meine Fußspitzen in den Teppichboden. Yehuda Schechter räusperte sich. Dies ist zu unterlassen sagte er und ich musste lange überlegen, was das wohl heißen solle. Drei Tage lang saßen wir uns mehr oder weniger stumm gegenüber. Yehuda Schechter war auf der Suche nach einem Thema, das ihm kindgerecht erschien und ich war auf der Suche nach möglichst wenig Dingen, die den furchterregenden Satz: “Dies ist zu unterlassen nach sich zog.” Am vierten Tag kippte ich ein Glas Milch um und Yehuda Schechter war so entsetzt, dass er mich unvermittelt fragte, ob ich denn Fahrrad fahren könnte? Ich konnte es nicht. Yehuda Schechter schüttelte traurig den Kopf: “Was können die Kinder überhaupt noch?” Dann verließ er die Wohnung. Am nachmittag kam er zurück. Mit ihm kam ein Fahrrad, kein Kinderfahrrad, sondern ein kleines Damenrad und Yehuda Schechter und ich gingen auf den Hof. Bevor ich auf das Rad steigen durfte, zeigte mir Yehuda Schechter wie man eine Kette wechselt, unterwies mich in der Benutzung des kleinen Ölfläschchens und so lange bis ich es konnte, übte er mit mir den richtigen Gebrauch des Dynamos. Dann endlich setzte er mich aufs Rad und schob mich langsam über den Hof. Er sagte: Jetzt treten, nein, bremsen, lenken, lenken, lenken und immer hielten mich seine Hände bei den Schultern, dann ließ er los, er rief zwar immer noch, lenken, lenken, bremsen, bremsen und langsam, Kind, langsam, aber ich fuhr mit dem Fahrrad über den Hof, ganz allein, eine kleine Königin glaube ich hätte sich nicht größer und glücklicher fühlen können als ich. Zum ersten Mal habe ich an jenem Sommerabend im Innenhof Yehuda Schechter lächeln sehen. Jeden Tag stiegen Yehuda Schechter und ich von nun an auf unsere Räder und fuhren erst durch den Park, dann durch die Straßen und irgendwann hinaus aus der Stadt ins Freie hinein. Oft pausierten wir auf einer Wiese unter einem großen Baum, dann gab es Limonade und Yehuda Schechter trank bedächtig Malzkaffee aus einer alten, metallenen Kanne. Warte hier Kind, sagte er dann, nur für einen kleinen Moment. Dann stieg er noch einmal auf sein Fahrrad, beugte sich leicht über den Lenker und warf sich mit aller Kraft in die Pedalen und wurde schnell und schneller, bis er schließlich mit dem Horizont zu einem kleinen, schwarzen Punkt verschwamm. Kind sagte er, wenn er zurückkam, außer Atem, sieh, ich fahre mit dem Wind um die Wette. Ich nickte, auch wenn ich nicht wusste warum. Zwei Sommer später aber nahm sich Yehuda Schechter das Leben, ein Fahrradunfall sei es gewesen, schrieb mir meine Großmutter. Schon damals klang das schal in meinen Ohren, jemand der Rennen mit dem wind fährt, fällt nicht unvermittelt vom Rad.

Viele Jahre später, vor einigen Wochen also, sage ich zu Herrn Rajasthani: ” Herr Rajasthani, ich brauche ein Kinderfahrrad für eins meiner Kinder, im Slum. Herr Rajasthani grummelte, Herr Rajasthani murmelte etwas von: unmöglichen Straßen und überhaupt. Gestern aber, stand auf dem Balkon, kein Kinderrad sondern ein kleines Damenfahrrad, silber und dunkelblau. Neben dem Fahrrad,ein sichtbar stolzer Herr Rajasthani. Und weil Herr Rajasthani nicht Herr Rajasthani wäre, brachte er das Rad und mich heute in den Slum. K. ist sieben, vielleicht aber auch acht oder neun Jahre alt, so genau weiß man es nicht, sie nicht, ich nicht und ihre Eltern auch nicht. K. ist sportlich, ungewöhnlich sportlich, K. möchte Rad fahren lernen. Jeden Morgen in den vergangenen sechs Wochen fragt sie mich, ob sie heute Rad fahren lernen könne. Heute sieht sie das Rad und mich. Für eine Stunde versteckt sie sich, dann klopft es zaghaft und wir gehen hinunter auf die Straße. Ich zeige K. wie man die Kette wechselt, gebe ihr ein kleines Fläschchen Öl und übe mit ihr das Schloss richtig und sicher zu befestigen. Dann sitzt K. auf dem Rad und ich schiebe sie an. Jetzt treten sage ich, lenken, lenken, langsam, bremsen, bremsen, bremsen rufe ich und dann traut K. sich doch in die Pedalen zu treten und ich renne ihr die Hand noch immer an den Schultern hinterher. Aus dem Weg, Straßenhunde, würde ich rufen hätte ich genug Atem, seht ihr nicht, hier kommt eine Radfahrerin, aus dem Weg Rikschafahrer, Gemüsehändler, aus dem Weg ihr Kartenspieler und auch ihr, ihr Frauen mit den Wäschebergen, wir haben jetzt keine Zeit, wir müssen an euch vorbei. K, fährt, sie fährt, und ich renne und laufe und dann lasse ich ihre Schultern los und sie fährt, fährt stolz wie eine kleine Königin, fährt mit dem Wind, furchtlos und schnell, und ahnt wohlmöglich etwas von jenem vollkommenen Glück, das nur der kennt, der dem Horizont entgegen fährt, weiter und weiter, ein ganzes Leben lang.

Ganz sicher bin ich, ich schwöre, als ich lachend und mit Seitenstechen schließlich  stehen bleibe, an eine Hauswand gelehnt und nach Atem schöpfend, das für einen Moment, auch Yehuda Schechter an der Kreuzung steht, lächelnd, wie einstmals, sagend: Das Kind kann fahren, das Kind ist auf dem richtigen Weg.

2 thoughts on “Delhi Diary- As an exception in German: Über den Horizont hinaus

  1. So ist das richtig, man gibt das Gelernte weiter von Generation zu Generation.
    Mein Onkel und seine Töchter haben uns das Redfahren beigebracht, auf dem Hof. Und ich werde dieses Gefühl nie vergessen, wie losgelöst zu fahren, es ist Freiheit.
    Schöner Text. Und wir werden Yehuda nun auch in Erinnerung behalten.

  2. Das Weitergeben ist etwas Wunderbares. Rad fahren glaube ich, ist wie Sie sagen ein großes Gefühl von Freiheit, ein Loslösen und ich hoffe das Mädchen hier behält sich dieses Gefühl über das Rad hinaus. Yehuda Schechter, war ein besonderer und ein besonders trauriger Mann.
    Danke.

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