Delhi Diary-As an exception in German: Rosenblüte

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„Rosenblüte“, sagt Herr Salman, Sie kommen heute aber spät. Ich ächze und nicke, denn natürlich hat Herr Salman Recht. „Heute, bin ich wirklich noch weniger Rosenblüte, als sonst, Herr Salman, vielmehr ähnle ich einer zerknickten Nelke vom Straßenrand“, sage ich und seufze. Ich sehe wirklich zerfleddert aus.“ Rosenblüte“, sagt Herr Salman, Sie sollten nicht so viel arbeiten. Nun nicke ich und Herr Salman lächelt leise. Als ich Herrn Salman’s Geschäft, dass Sie sich nicht als vollklimatisierten Supermarkt mit Regalen, Kühltruhen und, sondern als langen, schlauchartigen, reichlich dämmrigen Raum vorstellen müssen, zum ersten Mal betrat, da fiel ich über einen in der Tür lehnenden Stapel Pappkartons und fluchend wie ein Bierkutscher krachte ich gegen die Ladentheke hinter der Herr Salman jeden Tag steht. „Rosenblüte, sagte daraufhin Herr Salman, haben Sie sich weh getan?“ Wehgetan hatte ich mir nicht, Rosenblüte aber bin ich geblieben. Jeden Tag gehe ich in der Mittagspause zu Herrn Salman. Ich kaufe Erdnussbutter, Erdbeermarmelade, ich nehme Schachteln voller Horlicks Kekse, ich kaufe Parle-G Kekse, ich kaufe Zahnbürsten, Zahnpasta, Hände voll Kaugummi, ich kaufe Seife in allen Formen und Farben, ich kaufe salzige Cracker und Käse in Dosen, ich kaufe Kakaopulver und Buntstifte, Wassermalfarben und buntes Papier. Am Dienstag und Donnerstag: neun Stauden Bananen. Ich kaufe Abziehbilder mit Superhelden und Abziehbilder die glitzern. „Rosenblüte, sagt Herr Salman, Sie und ihre Kinder.“ Ich nicke und lege noch mehr Seifenstücke auf den Tresen. Auf einem Notizblock rechnet Herr Salman alles zusammen und verpackt das Viele in immer genau so viel Tüten, dass ich sie bequem herumtragen kann. Rosenblüte, sagt Herr Salman, wie kommt es das Sie auf Arabisch fluchen können? Eine alte Gewohnheit sage ich und Herr Salman fragt nicht weiter. „Herr Salman sage ich, sind Sie aus Delhi?“ Gujarat, sagt Herr Salman und ich frage nicht weiter. 2002, sei er nach Delhi gekommen und für einen Moment wird das dunkle Ladengeschäft noch schattiger, noch dunkler als es ohnehin schon ist, so als würde das Licht mit der Erinnerung verschwinden. Wir nicken uns zu,Herr Salman hinter der Ladentheke und ich mit meinen Tüten vor ihm. Herr Salman greift wie jeden Tag hinter sich in das deckenhohe Regal, zwei Schachteln mit süßer Baklava oder Pistazienkonfekt oder süße Kugel aus Kardamom holt er herunter, nur um mit der anderen Hand, tief in das Bonbonglas zu fahren und den Inhalt so als sei es nichts weiter in meine Tüten gleiten zu lassen. „Herr Salman, protestiere ich wie jeden Tag, Sie sollen doch nicht!“ Aber Herr Salman lächelt nur leise, “ Es ist doch für die Kinder, Rosenblüte, sagt er für die Kinder.“ „Kinder sind doch wunderbar“ Danke, Herr Salman, rufe ich ihm zu, während mir sein Sohn die Tür aufhält. Bis morgen, Herr Salman! Bis morgen, Rosenblüte, bis morgen!

Zurück, drei Straßen weiter, stehen A., N. und P. schon in der Tür.“ Sie kommen spät, Read On“, sagen Sie und haben natürlich Recht. „Warum, fragt die N. mich später, nachdem alle Kinder, auf Marmeladenbroten, Keksen oder Bananen kauen, kaufen Sie eigentlich bei Herrn Salman ein?“ „Ich mag ihn und sein Geschäft“, antworte ich und sehe sie an. „Aber sagt N. und zögert schon, er ist doch ein Muslim. Gewiss, sage ich und weiter?“ und gucke dabei nicht einmal von meinen Notizen hoch. Ich weiß auch so, dass N. rot und verlegen zu mir herüber sieht. „N. sage ich ziemlich bestimmt, Sie kommen morgen mit zu Herrn Salman zum Einkaufen und laufe aus dem Zimmer, hinaus in den Hof, wo 200 Kinder, Bonbons lutschen, kichern, hopsen und schreien. „Sehen Sie Rosenblüte würde Herr Salman sagen, es sind doch wunderbare Kinder“ und streckte seine Hand noch viel tiefer, leise lächelnd in das Glas voller süßer Bonbons.

5 Gedanken zu “Delhi Diary-As an exception in German: Rosenblüte

  1. Ja, Kinder wie Frauen, Männer wie Alte. Ein im Westen ganz und gar vergessenes oder wenig bemerktes Stück Geschichte. Bis heute hier in Indien liegt über dem Kapitel eine dicke, schwere Betondecke des Schweigens.

  2. Vielen Dank für die zahlreichen Artikel, die ich alle nicht kenne. Interessant in der deutschen Berichterstattung immer die Verbindung zwischen wirtschaftlichen Interessen und regionalen Entwicklungen. Modi’s Bild vom weißen Schimmel hat inzwischen allerdings schon deutliche Risse bekommen.

  3. Pingback: Zeugen | READ ON MY DEAR, READ ON.

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