As an exception in German:Delhi Diary-Ein Unfall.

Es ist noch ganz früh. Der Tag klebt noch nicht in den Kleidern, den Haaren und im Gesicht. Es ist noch früh genug. Die Rikscha-Fahrer rollen ihre Fahrräder die Straße hinauf, um sich bestmöglich zu positionieren für den Ansturm des Tages. Der Obsthändler steht schon an seinem Platz mit seinem Holzkarren und der alten Waage aus Messing. Neben ihm ist der Holzstuhl des Friseurs noch leer, auch der Friseur selbst ist noch nicht da, nur der Spiegel hängt schief wie eh und je, einzig an einem rostigen Nagel befestigt an der Mauer. Der Obsthändler sieht in den Spiegel, sieht sich und ist sehr zufrieden mit dem Bild das ihn ansieht. Schön geschnittene, mädchenhaft, weiche, volle Lippen hat der Obsthändler, der noch einem Moment lang vor dem Spiegel verharrt, bis ich komme. Jeden Morgen komme ich und kaufe Obst. Die Mangos suche ich aus, die gelb sind und leuchten, kühl liegen sie in meinen Händen,es ist ja noch früh und die Hitze des Tages hat sich noch nicht in ihnen festgesogen. Meine Fingerspitzen riechen nach der süßlichen schwere der Früchte, wie leichtes Parfum. Eine Papaya wähle ich aus, vier Äpfel und drei große Zweige, dunkelrot leuchtender Lychee, die in einer weißen Emailleschale voll Wasser liegen. Bedächtig wie an jedem Morgen wickelt der Obsthändler, die Früchte in Zeitungspapier und nickt mir zu. Ich nicke zurück, greife die Obsttüte, meine Tasche und versuche die Zeitung unter dem Arm nicht zu verlieren. Einen Kilometer laufe ich vom Obsthändler zur Metro, eine staubige Straße entlang, ein Mann verbrennt einen Müllhaufen am Straßenrand, zwei Kühe fressen Abfälle und noch immer ist der Tag etwas verschlafen und nachsichtig, die Sonne gähnt noch etwas und steckt ihre Glieder, ich laufe im Schatten und gähne, es ist ja noch früh. Ein Polizist in khakifarbener Uniform fährt auf einem Motorrad an mir vorbei. Eine Frau trägt einen schweren Sack Reise auf ihrem Kopf. Ich schlinge mir das Tuch über den Kopf. Das Ende der Straße ist eine lange, staubige Kurve. Langsam biegt der Polizist um die Kurve. Langsamer noch einer Zeitlupe gleich, dreht sich das Vorderrad schneller als das Hinterrad, quietschen die Bremsen, aber langsam, viel langsamer noch fällt der Polizist von seinem Motorrad, verhakt sich bis er schließlich unter dem Motorrad eingeklemmt liegt. Erst dann bemerke ich, dass meine Beine schon laufen, obwohl ich noch immer den stürzenden Mann sehe. Zwei Männer kommen aus der anderen Richtung angelaufen, sie schieben das Motorrad vom Körper des Polizisten fort, und ich sehe das verdrehte, Bein, das seltsam leblos, fast losgelöst vom Körper im Staub liegt.  Der Beutel mit Obst fliegt auf die Straße, die Zeitung habe ich längst verloren und mein Tuch ist gleich rot vom Blut, aber etwas anderes habe ich nicht, hat keiner der Männer, es ist ja noch früh. Quälend lange, das Warten auf die Ambulanz, mehr und mehr Menschen kommen, schreien,gestikulieren, der Verkehr stockt, bis sich eine Schneise bildet, Paani, Paani, Wasser, flüstert der Polizist auf dem Boden angestrengt und Paani, Paani schreie ich bis jemand mit Wasser kommt und dann kommt die Ambulanz. Auf der sandigen, staubigen Straße ein roter Fleck, und die zerplatzten Früchte. Fliegen umschwirren die süßen Mangos,dann gehe ich weiter und erst viele Stunden später, der Tag ist schon fast vorüber, klebt mir in den Haaren und im Gesicht bemerke ich die eingetrockneten Flecke auf meiner Hose, fast schwarz das Blut und ein grelles Orange der Papaya, süßlich wie nie duften meine Fingerspitzen als ich über den Fleck reibe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s