As an exception in German: Lager

Meine Großmutter wandte sich ab, sobald sie meine blaue Tasche, die große, blaue Tasche die ich bis heute habe, im Flur stehen sah. Der Flur war sehr lang. Noch immer gibt es den Flur. Das große Zimmer, ist noch immer ein Zimmer derselben Wohnung, nur meine Großmutter sitzt nicht mehr am Tisch und liest die Zeitung. Aber immer, wenn sie mich mit der blauen Tasche im Flur stehen sah, raschelte es auffällig hinter der Zeitung. Meine Großmutter war sehr gut darin, etwas aufmerksam nicht zu bemerken. „Ich sehe, du gehst, Kind sagte sie dann, ohne den Blick von der Zeitung zu lösen. Nannte ich ihr den Ort, raschelte es wieder kaum vernehmbar und es blieb für längere Zeit still, hinter der Zeitung. „So, so, Kind, sagte sie dann doch. Immer noch ohne aufzublicken. Ich bin in vier Wochen zurück, sagte ich, noch immer in der Tür lehnend, abwartend, ob sie nicht doch die Zeitung sinken liesse, mein Gesicht in die Hände nähme und mich küsste, wie sie es tat, wann immer ich nicht die blaue Tasche über die Schulter geschlungen, vor ihr stand. „Willst Du gar nicht wissen, versuchte ich es wieder und wieder, willst du gar nicht hören: wohin und wieso? Aber meine Großmutter blieb stumm hinter ihrer Zeitung. Natürlich wusste sie wohin ich gehe und wieso ich fahre, am Abend zuvor vielleicht, aber auch schon ein oder zwei Tage vorher, ganz unverhofft, morgens beim Tee oder Abends, wenn sie las und ich las, sagte sie: „Ich sehe Kind, du fährst wieder in eins jener Lager.“ Wenn ich dann nickte und ihr erzählen wollte, von jenem oder einem anderen, dann schüttelte sie nur ihren Kopf, wer einmal im Lager gewesen ist, kennt alle Lager und verzog ihre Mundwinkel so, dass man nie genau sagen konnte, ob sie spöttisch oder traurig oder vielleicht auch beides zugleich war. Manchmal wollte ich ihr dann sagen, dass sich das Lager doch von jenem, anderen, so anderem, ihrem Lager unterschied. Aber meine Großmutter schüttelte nur den Kopf: „Du weißt nichts über das Lager, Kind, du fährst nur in dieses oder jenes, aber im Lager bist du nie gewesen.“ Dann wandte sie sich ab und wieder ihrem Buch zu. Nichts weiter sagte sie, bis sie mich mit der blauen Tasche im Flut stehen sah, sie gut verborgen hinter der Zeitung. Zog ich dann die Tür hinter mir zu, wartete ich immer und zählte langsam, ob sie nicht doch käme, mir hinterherliefe, mir nachsähe, zählte langsam und länger, aber nie kam sie, stets blieb alles stumm.

Immer, auch nach all diesen Jahren ohne meine Großmutter, noch immer mit der blauen Tasche über dem Arm, immer ein Bild von ihr in derselben, so als zwänge ich sie doch hinter der Zeitung hervor, das ich auf jeden Schreibtisch stelle, an dem ich sitze oder stehe, und wenn es keinen Schreibtisch gibt, so  gibt es doch ihr Bild. Immer mal wieder fragt mich jemand, nach der Frau auf dem Bild. Meine Großmutter, sage ich dann und sage nichts weiter. Immer sehe ich sie an und denke, dass ich meine Großmutter, die ich sehr liebte, niemals habe lächeln oder gar lachen sehen, sondern immer nur ein wenig spöttisch und traurig die Mundwinkel nach oben ziehen sah, so als wollte sie sagen, „so, so Kind, du gehst also, so, so.“

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