As an exception in German: In all diesen Jahren

Es ist heiß. Die Haare kleben mir im Nacken und ich kann mir die Handschuhe kaum über die Hände ziehen. Schwarze Fliegen sitzen überall und sie belächeln müde meine angestrengten Versuche sie mit dem gelben Pappordner vertreiben zu wollen. Ich rieche nach Insektenmitteln und Desinfektionsspray. Über dem Mundschutz beschlägt meine Brille. Es ist noch nicht einmal acht Uhr am Morgen. Die Frau, die das Zimmer betritt, ist vielleicht siebzehn, aber vielleicht auch neunzehn, dreiundzwanzig oder fünfzehn Jahre alt. Ich weiß es nicht. Sie weiß es nicht. An ihrer Hand klammert ein Bube, er ist vier oder fünf. So ganz genau, weiß es keiner von uns dreien. Sehr leise flüstert die Frau, dass sie zum Impfen käme und ich nicke. Der Bube hopst aufregt von der Liege. Geschafft. Die Frau ist schwanger. In welchem Monat kann sie nicht sagen. Für Frauen wie sie gibt es keinen Mutterpass, keine Vorsorgeuntersuchung und auch keinen Ultraschall. Ob ich einmal sehen dürfte, frage ich und die Frau dreht ihre Armreifen in der Hand hin und her. Schließlich nickt sie. Ihr Oberkörper ist mit blauen und schwarzen Flecken übersät. Das Kind denke ich, liegt kompliziert. Gerne möchte ich sie überzeugen zur Geburt hierher zukommen. Aber noch während ich auf Hindi versuche sie zu überreden, merke ich dass mir die Worte zerfließen, so als würde die Hitze die Worte in Wasser auflösen. Hilflos komme ich mir vor, mit meinen mangelhaften Worten, die so verloren im Raum stehen, nicht nur deshalb weil mein Hindi so fehlerhaft ist, nicht nur weil ich keine Sprache wirklich beherrsche, sondern weil ich in all diesen Jahren wieder und wieder, versuche die gleichen Sätze zu sagen , von denen ich doch weiß, dass sie schief klingen, um so viele Oktaven verschoben, aus so einer anderen Welt sprechen, dass sie einem hohlen Echo gleichen, das sich vielfach wiederholt, ziellos wieder und wieder ansetzt um sich im Nichts zu verlieren. Die Frau sieht mich an, meine hilflosen Erklärungsversuche und nickt. Sie sitzt mit geradem Rücken, in ihrem roten Sari und hält noch immer den Buben an der Hand, eine der vielen Frauen, aus den vielen Dörfern, die in die Stadt kommen um in den vielen Haushalten abzuwaschen, Gemüse zu putzen, die Wäsche zu machen und all die Dinge von denen ich nichts weiß. Ich unterbreche mich selbst, in meinen lächerlichen Sätzen und frage nach ihrem Mann. Der bügelt sagt sie und ich kann ihn mir vorstellen, einen der vielen am Straßenrand sitzenden Männer, auf nicht viel mehr als einer Spanplatte arbeitend, ein Bügeleisen und heißen Dampf neben sich, den Verkehr, einen ganzen Tag, ein ganzes Leben lang. Keine Brandwunden, denke ich, immerhin, nur Schläge. Immer sind diese Frauen geschlagen wurden, von ihren Vätern, Großmüttern, Brüdern und Männern, sie selbst schlagen die Kinder und ich höre mich sagen, drängend und ernsthaft, wie wichtig es wäre, sie käme zur Geburt ihres Kindes hierher zurück. Sie denkt vielleicht an den Einkauf, ob Geld übrig ist für Huhn oder nur für Auberginen. Dies sei gut gegen die Krämpfe sage ich und gebe ihr die Tabletten. Eine Zahnbürste und Zahncreme für den Buben und sie dreht beides in den Händen, während ich noch immer rede, steht sie auf und nickt mir zu und ich bin endlich still. Während sie und der Bube den Flur hinuntergehen, sehe ich ihnen noch einen halben Augenblick nach, sehe in den Flur, der voller Menschen ist, es ist noch nicht einmal neun. Es ist heiß, die Handschuhe kleben mir an den Hände, ich suche nach der Schere, um sie durchzuschneiden. Die Fliegen schwirren durch den Raum, auf eine Karteikarte, trage ich all das ein was ich nicht weiß und bin mir fast sicher, die Frau nie wieder zu sehen.

11 Gedanken zu “As an exception in German: In all diesen Jahren

  1. Ich bin immer wieder geplättet, was Sie alles wissen und können. Ob ein Kind kompliziert liegt, könnte ich schlicht weg nicht beurteilen, und ich bekäme nicht einmal einen halben Satz auf Hindi zustande. Zur Frage, was das eigene Tun eigentlich bewirkt: manchmal sehr viel, manchmal wenig und manchmal nix. Aber selbst im letztgenannten Fall gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein. Und das Kind ist nun immerhin geimpft.

  2. Leider kann ich nicht sehr viel, das Wenige was ich kann, kam mit den Jahren. Mein Hindi ist entsetzlich und ohne freundliche Übersetzungshilfe wäre es unmöglich, allerdings ist der Großteil jener, mit denen ich zu tun habe, arabischsprachig, der einzige Vorteil einer globalen Kindheit sind die Sprachen, die man irgendwie sprechen lernt. Impfen ist eine großartige Sache. Ich aber immer schon, ein trauriger Clown.

    • Mir liegt dieser Slum und seine Menschen sehr am Herzen. Ich verdanke den Menschen dort sehr viel und seit zehn Jahren wünschte ich, ich könnte mehr. Meine Großmutter war es, die mich immer wieder zwang hinzusehen und tätig zu werden. Sie ließ Ausreden nie gelten.

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