Von fern ist das Meer niemals nah.(4)

Hier finden Sie den ersten, zweiten und dritten Teil der Geschichte.

Sie steht am Bahnhof noch immer mit kalten Händen. Die Urne ihres Vaters wiegt schwer in der Tasche. Zum ersten Mal steht ihr Vater nicht neben ihr. Nicht einmal mehr als Schatten, zu schwer wiegt die Asche an ihrer linken Hüfte. Der Tod vertreibt die Phantasie, verschluckt die Erinnerungen, ihr Vater trägt keine blaues Hemd mehr, wechselt im Zug nach Brighton nicht mehr von den schwarzen Schnürschuhen in die Sandalen, breitet nie wieder die Arme aus: „Mädchen, riechst du das Meer?“

Stickig und veratmet ist die Luft im Zug. Eine Schuklasse, eine Junggesellenabschiedsgruppe. Rosa Tutus über ihren Jogginghosen, bubenhafte Gesichter, aber ein harter Zug darin eingegraben schon jetzt. „We are gettin pissed“ schreien sie, als würde man es ihnen nicht ansehen. „Willst du mal was Großes sehen, grölt einer der Männer zu ihr herüber. Sie schweigt, dann kommt der Schaffner, mehr Menschen drücken in den Zug, ein Mann will ihr die Handtasche abnehmen, bietet ihr an, sie in die Gepäckablage zu legen, sie umklammert mit beiden Händen den Lederriemen. „Lassen Sie das“, sagt sie und er schüttelt empört den Kopf. „Bloody people.“ Als sie ein Kind war, da schlief sie auf dem Schoß ihres Vaters während der Fahrt ans Meer. Aber nur noch die Urne mit der Asche ist übrig, eng in ihre Rippen gepresst, sie sieht aus dem Fenster. Goldfische im Glas, denkt sie, Goldfische im Glas sind wir alle. Die Junggesellen rülpsen Lieder.

Kühl ist es in Brighton als sie aussteigt. Eine Hand ist ihr eingeschlafen während der Fahrt. Kribbelnde Fingerspitzen, ein tauber Fuß. Zerknittert hängt ihr Mantel über dem Arm. Sie kennt den Weg, kennt ihn besser als andere Wege, wie oft ist die Straße zum Meer hinuntergehüpft, hinuntergerannt, heruntergerollert, auf hohen goldenen Sandalen zum ersten Mal heruntergeschritten. Eine Königin aus Southall, 16 Jahre, ihr Vater hielt sie fest, damit sie nicht vor den Augen aller, die Balance verlor. Sie muss schlucken. Die goldenen Sandalen liegen noch immer in einer mintgrünen Kiste unter ihrem Bett im Haus ihres Vaters. Der Weg hinunter zum Strand ist ihr zäh und lang, trist der Weg und viel länger als sonst, zieht sich immer nur weiter und weiter dahin. Sie bleibt stehen. „Wie begräbt man einen Vater?“ Sie hat keine Antwort, nicht auf diese Frage. Eine Unre voll Asche im Meer, kann nicht mehr sein als es ist, ein grauer Moment in der blauen Unendlichkeit. Für eine ganze Weile sitzt sie auf einer grünen Bank und starrt auf ihre Schuhe. Praktisch und blau, comfy, murmelt sie, keine Spur mehr von Glitzer und Gold. Wieder beginnt es zu regnen, ihr Mantel hat dunkle Flecken und sie steht auf, und geht die Straße hinunter, die Straße führt ans Meer.

Am Strand aber stehen dicht gedrängt mehr Menschen als an jedem sonnigen Sommertag. Ein Rettungswagen. Polizisten, gelbes Absperrband und knisternde Funkgeräte. Dumpfer Regen, und alles durchdringenden Feuchtigkeit. Nein, sie denkt nicht an Kurta, Kurta den Hund, den Mann, dessen Namen sie verloren hatte, dafür wiegt die Asche an ihrer Hüfte zu schwer. „Was ist das?, fragt sie einen Mann mit zerdrücktem Hut neben sich. Ist das ein Surfwettkampf heute? Sie überlegt, wie sie ihren Vater wohl gehen lassen kann, inmitten all dieser Menschen, die auf das Meer starren, einige haben sogar Ferngläser dabei. Eine Frau steht zu ihrer Linken, einen Bademantel über die Frotteehosen gezogen, eine Tasse mit Instantkaffee in der Hand. Auf der Tasse ein Plüschbär mit Pflaster über dem Ohr. Ihr wird übel von dem Geruch, der säuerliche Kaffee und das süßliche Parfüm der Frau. Sie kann sich nicht mehr erinnern, wann sie etwas gegessen hatte. Der Mann mit dem zerdrückten Hut schüttelt den Kopf: „ Nein, kein Sport“, sagt er, ein Mann ist ins Meer gegangen. Er sagt es so wie: Ein Mann ist Zigaretten holen gegangen. Ein Mann ist zur Arbeit gegangen. Ein Mann ist in den Park Ball spielen gegangen. Nur eben: „Ein Mann ist ins Meer gegangen.“ „Ein Mann ist ins Meer gegangen wiederholt sie stockend.“ Der Mann nickt. „Einer wie Sie.“ Sagt er mit einem feixendem Grinsen. „Einer wie ich?“, fragt sie. Er grinst noch immer, feixend wohl um seine Verlegenheit zu überspielen. „Ein Dunkler halt“, sagt er dann dreht er sich weg, zieht seinen zerdrückten Hut vom Kopf nach vorn und winkt Bekannten. Die Frau im Bademantel bietet ihr eine Zigarette an: „Machen Sie sich nicht draus, seine Frau ist ihm abgehauen mit einem Paki.“ Sie starrt die Frau an. Die Frau starrt zurück. Dann drängt sie sich weiter nach vorn, vorbei am Mann mit dem zerdrückten Hut und seinen Bekannten bis zum gelben Absperrband. Das Band flattert im Wind, grauer Regen und das Meer eine kalte, graue, eine harte Mauer aus Beton und Salz. Ein Polizist schreit in das Funkgerät, Satzfetzen aber keinen davon kann sie entziffern. Eine Polizistin hält ein Bündel Kleider in den Armen. Pullover, T-Shirt, Hose, Socken, ein Paar Schuh, sorgfältig zusammengelegt, ordentlich gefaltet, fast so als sei er frisch gebügelt. „Kein Telefon“, schreit die Polizistin, die Schuhe fallen herunter und sie will die Schuhe aufheben, ordentlich nebeneinander stellen, so als würde das schon reichen, so als würde die Ordnung der Welt durch die exakt gelegten, gefalteten und sortierten Kleidungsstücke wieder hergestellt. Sie starrt auf den Pullover. Sie sieht seinen Rücken hastig, an ihr vorbeirennen in Richtung Bahnhof. Sie schließt die Augen.

Der Regen wird stärker, die Menschen gehen zurück in die Häuser, der Mann zieht sich den zerdrückten Hut tief ins Gesicht, das gelbe Absperrband flattert losgerissen im Wind. Die Polizisten warten im Auto, sie öffnet die Augen und dann sitzt sie im nassen Sand, die Feuchtigkeit kriecht ihr über die Schultern, ihre Handtasche liegt neben ihr im Sand. Sie starrt auf das Wasser, schäumend und wild, grau-schwarz, tief und unendlich, eine schwarze Welle leckt an ihren Füßen. Das ist nicht mehr das Meer meiner Kindheit denkt sie, aber eigentlich denkt sie nichts mehr, starrt nur noch auf das kalte, rasende Meer. „Komm zurück“, rief sie ihm nach. „Kurta, Komm doch zurück.“ Dann wird ihr schwindlig und das ist alles was sie noch weiß. Später, wie viel später weiß sie nicht, beugt sich eine Frau über sie: „Wake up Luv’, sagt sie, und das erste was sie sieht, ist die Tasse mit dem Teddybären. „You have to get up’,sagt die Frau und wieder hält sie ihr die Tasse hin, ihr Bademantel riecht nach Zigaretten, Parfüm und Einsamkeit. Dann erst sieht sie den Hund.
„Sit“, sagt die Frau zu einem kleinen Terrier, schwarz, braun, gepunktet, der nach den Riemen ihrer Handtasche schnappt.“ Der Hund der Frau leckt über ihre Hand. „Er heißt Johnny“, sagt die Frau im Bademantel und zündet sich eine Zigarette an.

Dies ist der vierte und letzte Teil meines Beitrags zu Kiki’s #SepteMeer

Die Qual der Wahl

„Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Tierarzt“, sage ich und sehe vom Computer auf. Der Tierarzt ist tief über die Zeitung gebeugt. „Sag mir doch Mädchen, was hat es mit den deutschen Parteien auf sich? Was Mädchen, sind die Unterschiede zwischen CDU und SPD? Was wollen die Grünen und wer ist Herr Lindner? Und erst die AfD! und dann noch die Linken?

Ich hole tief Luft:

Die SPD lieber Tierarzt ist die alte Tante unter den deutschen Parteien, stolz verwahrt man die Uhr August Bebels und auch sonst ist die SDP eine Partei, die etwas aus der Zeit gefallen scheint. SPD-Politiker sprechen noch immer exakt genau so als gäbe es noch Zechen im großen Stil, und Stahlwerke mit glühenden Öfen und auch der Kapitalist an sich hat bei ihnen noch immer etwas von Manchester, Wollspinnereien und feisten Herren mit dicken Zigarren. ( Dabei vergessen die SPD Politiker gern, dass auch ihresgleichen gern bei den Mächtigen Schnäpse trinken.) Die SPD träumt noch immer von einer Welt aus Reihenhaussiedlungen, Laubenpiepern, ehrlicher Arbeit, und einem VW Passat. Frische Luft und Ganztagsschulen und etwas diffus auch: Gerechtigkeit will die SPD zum Glück der Welt erklären. Oft ist die SPD dann enttäuscht, dass der ehrliche Arbeiter lieber auch einen SUV hätte, sich nach einem Eigenheim mit Kinokeller verzehrt und den Fabrikdirektor nicht über den Jordan jagt, sondern sich zu Weihnachten eine Kiste Wein schenken lässt. Die SPD, lieber Tierarzt ist am meisten über sich selbst gerührt. Worte wie Angestellter und Fachabitur, Kumpel und Zukunftsqualifikation röten die Augen eines jeden Genossen und wie auch die ältlichen Tanten lutscht die SPD gern Werther-Bonbons und liefert darüber etwas lustlose Analysen zur Lage der Welt.

Die GRÜNEN dagegen waren lange die schwarzen Schafe in der Politikfamilie. Doch die sockenstrickenden Frauen, die mit tränenerstickter Stimme nach Mutter Erde riefen und die Wollsocken tragenden Lehrer mit ihrer Gitarre und Venceremos Gesängen sind lange passé. Niemand will mehr Geschichten über die Kommune hören und längst tragen die Grünen gut geschnittene Anzüge und wissen wo es das Beste Vitello Tonnato gibt. Die GRÜNEN aber glauben noch immer an ihnen läge es die Welt zu befreien nämlich von Dieselmotoren, den gutmütigen Onkels von der SPD und allen Anderen, die nicht so recht wissen, ob man Chia Samen eigentlich essen kann. Die GRÜNEN aber stolpern über das eigene Wohlgefallen und auch darüber, dass ihre Wähler nicht so sehr über Vollkorn, sondern Steuernachteile für ihre selten kleinen Autos grübeln. Konzepte haben die GRÜNEN nur selten, dafür Emotionen und damals wie heute verdrehen nicht nur die Schüler beim Venceremos die Augen.

Die FDP hingegen, lieber Tierarzt, ist die Partei der Immobilienmakler und Bootsclubmitglieder. Der FDP-Wähler ordert einen Latte-Macchiato und ist auch schon einmal auf Bali gewesen. Das lässt er jeden, ob nun gewollt oder nicht auch spüren und trotzdem der Liberale hadert mit der Welt, wie auch der Immobilienmakler, die Augen verdreht, will eine Familie ein Haus beziehen, das auch sein Start-Up Cousin schon ins Auge fasste. Der Liberale ist im steten Wettbewerb, Payback-Punkte, Business-Class-Upgrades und ein Superior-Zimmer, daran misst er die Welt. Oft will der Liberale weltgewandt und großzügig sein, doch niemals wollen Wille und Wirklichkeit so ganz zusammenpassen. Die FDP schwärmt von Moet-Chandon, um dann doch Prosecco bei ALDI zu kaufen und missgestimmt, die Etiketten abzunibbeln. Schuld daran, aber sind niemals die Liberalen selbst, sondern immer nur die, von denen die FDP vermutet, das man ihnen das Glück nicht gönnt. Groteskerweise sind das alleinerziehende Mütter, Rentner und quasi alle Menschen, die ohne MacBook leben.

DIE LINKE ist ähnlich unzufrieden, aber auf eine Art, die wohl schon Karl Liebknecht peinlich gewesen wäre: dann nehmen wir es den Reichen eben weg, geht den Linken noch immer allzu leicht über die Lippen. Die Linken haben etwas vom Hochstapler, an sich kein unangenehmer Mensch, aber in seinen Hosentaschen ist eben auch immer ein Loch. Wie das Geld verdient werden soll, dass die LINKE schon auszugeben wüsste, weiß niemand so genau. Während die SPD noch immer von Arbeitervolksschulheimen träumt, so hat auch die LINKE eine oft etwas unangenehme Beziehung zur Vergangenheit. Wäre, um bei deinem Lieblingsthema, den Hundewägelchen zu bleiben, Tierarzt, die Linke sicher dafür, dass jeder Hund ein Wägelchen gleicher Bauart bekäme und die Doggenbesitzer zahlten für den Spitz der alten Frau aus dem 3. Stock mit, so bezahlten alte Kader der Linken wohl doch noch Katzen als Spione und so haftet der LINKEN immer auch etwas Uneindeutiges und wohl auch Zweifelhaftes an.

Die CDU hinegegen lieber Tierarzt war immer die Partei der Sparkassendirektoren und Schützenkönige, eine Partei der Stammtische und festen Reden, und nie so ganz sicher, wie man sich denn nun eigentlich zur Moderne verhalte. Gut findet die CDU auf jeden Fall Autos und findige Tüftler, ansonsten aber wird alles Neue mit Argwohn bestaunt, denn im Grunde steht die Welt nur den Schützenkönigen und ihren Kindern offen. Dass auch Kinder mit Eltern aus Izmir Klassensprecher werden oder Frauen Konzerne leiten behagt dem CDU’ler niemals ganz und darauf einen Kräuterschnaps beim Stammtisch. Die CDU glaubt an gemähte Rasen, polierte Karossen, aber inzwischen auch an das eigene Heizkraftwerk im Keller, Solarpanele auf dem Dach und, dass die Mia nun lieber mit Lia knutscht, als mit Hans-Peter, ist schwer aber dennoch verdaulich. 12 Jahre Merkel gehen auch am ordentlichen CDU-Wähler nicht spurlos vorbei und wenn beim Stammtisch auch noch von den Zeiten geschwärmt wird, wo man im Büro ein Gespusi hatte, so ist die CDU doch weltverhaftet, und wenn nicht innovativ, so doch behaglich eingerichtet.

Die AfD aber Tierarzt sage ich, träumt nicht von einer Welt in der es nur einigermaßen gerecht und geordnet zuginge, sondern die Afd gefällt sich in der Rolle des ungehörigen Bruders, der mit dem Taschenmesser den Käfern die Beine abschnitt und später der Freundin mit Ohrfeigen drohte, die AfD ist die Wiedergeburt von Diederich Heßling, dem brutalen, deutschen Spießer. Die AfD will eine Welt zurück in der Opa ruhig mal erzählt und zwar mit Stolz und den alten Orden der SS an der Brust, wie es war damals als es hieß: „Jeder Russ, ein Schuss!“ Wenn Hans die Grete nachts im Park überfällt, hat sie es nicht anders gewollt und wenn die Ehefrau sich eine fängt, so hat sie es nicht anders verdient. Wenn der AfD-Wähler über den Pastor schimpft, die Behinderten verlacht, die Ausländer verachtet und die Juden wie die Muslime hasst, so ist es sein gutes Recht, aber wehe der AfD’ler soll sich mäßigen müssen, dann schreit er Vaterlandsverrat und Zeter und Mordio, wie damals als Vatern ihn durch den Garten jagte, als er Bonbons aus dem Zuckerglas stahl. Das Lügen aber hat ihm schon immer gelegen, und nur wer Böses will, würde sagen, dass er hat von Opa gelernt.

Nicht vergessen werden aber soll über all dem die CSU. Die CSU hat ein Programm und das Programm heißt: Bayern. Dass was Trump Amerika versprach, ist in Bayern schon immer der Fall und so ließe sich wohl in einem bayerischen Biergarten unter Kastanien, die Wahl am Besten verfolgen, denn Mia san Mia, das ist dort Gesetz.

„Yikes“, sagt der Tierarzt und ich wende mich wieder dem Schreibtisch zu.

Ein neues Jahr

Als die Sonne untergeht, höre ich kein Shofar, sondern nur das nimmermüde Telefon. Überhaupt das Telefon. Die A. ruft an und schimpft: „Diaspora-Juden.“ Wer die Feiertage nicht heiligt, den fressen die Raben schreit“ sie so laut, dass nicht nur das ganze Büro es hört, sondern sehr sicher auch ganz Jerusalem. Ich versuche vergeblich mich zu verteidigen. Die A. aber will davon nichts wissen. „Faule Ausreden und jämmerliches Gewäsch“, schnarrt sie und setzt ihren Sermon über die hohen Feiertage und Familienpflichten fort. Zweimal versuche ich noch sie zu unterbrechen, aber schon mein leises…aber…. reizt die A. zur Weißglut und mit einem letzten empörten und voller Verachtung gerufenen: „Diaspora-Juden“ kanllt sie den Hörer auf. Es folgen noch dreiundzwanzig ähnliche Whatsapp-Nachrichten, aber dann hat die A. besseres zu tun, als sich mit mir herumzuschlagen, denn ihre Neujahrstafel ist festlich bestückt und anders als die Nachbarn, die im Herzen wohl auch Diaspora-Juden sind, backt sie 200 Challot und dankt jeder Biene einzeln für den Honig und natürlich sind ihre Granatapfelkerne größer und saftiger als die aller Anderen. Ich sitze mit zitternder Hand im Büro. Die Zimmerpalme fächelt mir Luft zu: „Mach Dir nichts draus!“ haucht sie und ich schlucke. „Aber wenn die A. nun doch recht hat?“, sage ich und die Palme seufzt. Ich denke an das kleine irische Dorf und die vielen, schwarzen Elstern, die Raben schon sehr, sehr ähnlich sehen.

Die Frau des Krämers schreit: „Ha, Fräulein Read On, ich habe es nachgeschlagen, heute ist eines ihrer seltsamen Feste. „Heute Abend beginnt RoshHaShana“ Frau des Krämers, sage ich, „es ist das jüdische Neujahrsfest, denn das Jahr 5778 ist angebrochen“. Die Frau des Krämers stützt die Hände in die Hüften: „So was, ein Jahr beginnt immer am 01. Januar und nicht mitten im September. „Alles Humbug, alles Kokolores, komische Spinnereien bei ihnen.“ Ich atme tief ein und staple Möhren und Äpfel auf der Ladentheke. Die Frau des Krämers gestikuliert noch immer und kommt zu ihrem Lieblingsthema nämlich meiner Weigerung Schwein zu essen, eine Absonderlichkeit, an die sich die Frau des Krämers wohl niemals zu gewöhnen mag und sie bemitleidet mich wie so oft, niemals meinen Tag mit einem heißen, fettriefenden Würstchen beginnen zu können. „Sie sind Sie eigentlich niemals neugierig, frage ich Sie, auf die Feste der Anderen?“ „RoshHaShana glaube ich könnten Sie mögen, es gibt… ,“ aber da unterbricht mich die Frau des Krämers schon und zornig blinzelt sie zu mir herüber: „Weihnachten ist eben Weihnachten“, ruft sie und schickt ein wütendes: „Sie lasse sich doch nicht ihr Schönstes nehmen“ hinterher. Ich muss schlucken und denke an meine Großmutter, die immer den schönsten Weihnachtsbaum hatte und niemals ohne ein spöttisches Lächeln sah, dass ich den Kidduschbecher erhob. „Weihnachten ist eben Weihnachten“ höre ich die Frau des Krämers noch immer rufen, da stehe ich schon in der Küche und schneide Möhren für den Tzimmes.

Meine Großmutter machte Tzimmes kalt, rieb die Karotten, gab Apfel und Rosinen und allerlei anderes dazu, obwohl sie doch niemals „Shana tova“ sagte und über meinen Tzimmes, nur den Kopf geschüttelt hätte, den meiner ist eine Kasserole, geschmorte Möhren in Hühnerbrühe, mit Backpflaumen, Honig und Chilli dazu. Immerhin riecht das Haus nach dem neuen Jahr, denke ich und decke den Tisch. Ich entkerne die sündhaft teuren und immer trockenen Granatäpfel, die man in Irland zu kaufen bekommt und wärme die Challah im Ofen. Dann kommt der Tierarzt. Der Tierarzt schnuppert in der Küchentür. „Hmm, hmm, hmm,“ macht er und es klingt nicht erfreut. „Das ist Tzimmes, Tierarzt“ sage ich und stelle ihm einen Teller hin. Der Tierarzt stochert in den Karotten, spießt eine Karottenscheibe auf und starrt sie lange an. Die Backpflaumen sortiert er aus, die Challah würdigt er keines Blickes und die Granatapfelkerne mit Honig kann er nicht ausstehen. „Hmm, hmmm, hmm,“ sage ich und klinge nicht sonderlich erfreut, „vielleicht schadet ein Löffel ja nicht.“ Aber natürlich irre ich mich. Der Tierarzt lässt den Löffel fallen und sagt: ICH HASSE ESSEN, ALLES ESSEN, DAS ESSEN HASSE ICH GANZ BESONDERS, ICH KENNE NICHTS WIDERLICHERES ALS MÖHREN, MÖHREN SIND ÄH, BÄH, RABÄH, ZUM WÜRGEN, IMMER ZWINGST DU MICH ZU ESSEN, WARUM KANNST DU MICH NICHT ENDLICH IN RUHE LASSEN? WARUM?WARUM?WARUM? DAS IST SO WIDERLICH DIESE STÄNDIGE ESSEREI, ICH HASSEN ESSEN, ALLE DÜRFEN ABNEHMEN, NUR ICH NICHT, NUR DU ZWINGST MICH ZUM ESSEN, JEDEN TAG ZWINGST DU MICH ZUM ESSEN, DABEI BIN ICH SCHON SO FETT, FETT, FETT, DU BIST SO HINTERHÄLTIG UND GEMEIN, ICH HASSE ESSEN, UND DASS DU MICH SO ZWINGST HASSE ICH NOCH VIEL MEHR UND DIR MACHT DAS AUCH NOCH SPASS MICH SO ZU QUÄLEN UND ICH HASSE ESSEN UND ICH HASSE MOHRRÜBEN UND DICH HASSE ICH AUCH.

Ich stehe auf und mache das, was ich sonst nie mache, denn ich habe eine solche Abneigung gegen alle Art Verschwendung und gegen die von Lebensmitteln ganz besonders und kippe die Kasserolle mit dem Tzimmes, die Teller mit den Karotten, die Granatapfelkerne und die Challah in den Mülleimer. ( Wenn die A. das wüsste, wäre ich tot. ) Dann verstecke ich meine Arme und die zitternden Hände in den weiten Ärmeln meiner Strickjacke, und gehe nach oben. Ich wasche mir die Haare und rolle mich mit Nussschokolade auf dem Sessel zusammen. Ich fühle mich noch schlechter, denn man isst keine Nüsse über RoshHaShanah. Aber eigentlich ist mir auch schon alles egal. Dann klingelt das Telefon und die liebe C. ist am Apparat. Sie sitzt in der Badewanne der A. und flüstert, denn die A. gestattet den Gebrauch von Mobiltelefonen nicht an Shabbat nicht und an den hohen Feiertagen schon gar nicht: „Shana tova, Süße“, sagt meine liebe C. und singt ganz leise für mich und zählt so viele gute Wünsche auf, wie sie mir niemals einfallen würden. Dann muss sie zurück zur Tischgesellschaft, nicht das die A. noch misstrauisch würde und ich gehe zu Bett, der Regen tropft gegen die Fensterscheiben, Shana Tova, flüstere ich der Dunkelheit zu und hoffe trotz allem auf ein helleres und leichteres Jahr, als es das Vergangene war.

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in Irland. Links der Kirchturm St. Sylvester, im Garten des Hauses eine alte Kastanie. Bewölkter Himmel. Die Dorfstraße, hier steil ansteigend, auf der Straße, ein Fräulein mit Bücherbeutel, Tasche und Einkäufen beladen. Das Fräulein ist angetan mit einem gelben Wetterfleck, robusten schwarze Ankleboots mit denen sich auch Mordor durchwandern ließe, ihre Haare, die von weiten an ein Shetlandpony erinnern, wogen im Wind, ihre Nase tropft und augenscheinlich murmelt sie Flüche. Vor dem Haus: ein alter, klappriger, roter Volvo.

Die Frau kramt nach dem Schlüsselbund und betritt das Haus.
Am Küchentisch sitzt ein mittelalter Mann, (ein blauer Schafwollpullover, kunstvoll gezauste Haare), tief gebeugt über tierärztliche Fachliteratur, auf seinem Schoß schläft eine Katze, zu seinen Füßen hechelt der Hund.

Auftritt Fräulein ( Frl.):

( Der Bücherbeutel fliegt in Richtung geöffnete Küchentür)

Frl.: Man fasst es ja nicht. Man fasst es ja nicht. Dass sich vor Kindergärten und Schulen die Blechlawinen stauen und Eltern in Hupwettkämpfe und Tätlichkeiten verwickelt sind, um ihrem kleinen Wunderkind noch zehn Meter zu Fuß zu ersparen, ist nicht neu. Nein, das ist nicht neu. Aber ( das Fräulein reißt die Arme nach oben ) heute hat mich eine SUV-Mutter, die das liebe Erstsemester zum Semesterbeginn auf den Campus kutschierte, umgefahren. Einfach so, beim Rückwärtsmanövrieren, fuhr sie mich um. Zwar langsam, aber doch ganz bestimmt, fuhr sie mich um und während ich versuchte zur Seite zu hechten , bläkte sie dabei aus dem Autofenster: „Hey Sie, wo geht es denn zur Immatrikulation.“ Ich schrie natürlich: Halten sie das verdammte Auto an.“ Das hat mir den Fuß gerettet, denn so fuhr sie nur über den mir entglittenen Bücherstapel. Man fasst es ja nicht. Diese Impertinenz.

( Der Tierarzt liest die Bücher auf, stapelt sie sorgsam auf dem Küchentisch und starrt auf den deutlich sichtbaren Reifendruck auf dem Buchdeckel)

( Das Fräulein pfeffert ihren gelben Wetterfleck hinterher.)

Frl: „Aber, wenn Du glaubst, das sei es schon gesehen, dann kennst du das Fräulein schlecht. Heute war der australische Delegierte da. Sagt die J. ( die liebenswürdigste Chefin der Welt ) Read On, der ist ein Fall für dich. „Gut, gut“, sage ich und der australische Delegierte bekommt die Spezialführung. Ich erzähle die Geschichte vom Krokodil, lasse die Sache mit Oscar Wildes Griechischprüfung nicht aus, erläutere den Mord von anno 16xx en Detail und spreche dann über Mary Shelley.“ ( Der Tierarzt bückt sich und hängt den gelben Wetterfleck auf einen Bügel.) „Ich stehe also mit dem australischen Delegierten etwas abseits der Erstsemester und rede über Mary Shelley, da knöpft der Mann ohne Vorwarnung sein Hemd auf und zeigt mir einen Fledermausbiss irgendwo auf seiner stark behaarten Brust. (Das Fräulein reißt an einem Ankleboot und schleudert auch diesen in Richtung Küchentür.)
Man fasst es doch nicht! Den Fledermausbiss habe ich nicht gesehen, dafür die Kekskrümel im Brusthaar des Delegierten. „Machen Sie bitte das Hemd zu.“, sage ich also, da setzt der Mann zu einer langen Erklärung über das Leben im australischen Busch an , krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt mir zwei Spinnenbisse. Alles noch immer mit offenem Hemd. ( Endlich hat sich das Fräulein auch des zweiten Schuhs erledigt, um diesen dem ersten Schuh hinterherzuschleudern.) Man glaubt es ja nicht. Was für ein Kerl. Ein Kerl, sage ich dir.

( Der Tierarzt hustet, augenscheinlich um nicht Lachen zu müssen. Das Fräulein sucht in der Hosentasche nach einem Haarband. Mit zusammengebissenen Lippen rohrspatzt sie weiter:

Frl: „Dann diese Auszubildende. Sie wird noch der letzte Nagel zu meinem Sarg. Ich schreibe also in allerherzigster Handschrift sechs Einladungen, edelstes Papier, Goldrand, plage mich mit dem blöden Aufziehfüller, habe Tintenflecken an Körperstellen, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe und lege sie der Auszubildenden hin, damit sie diese in Briefumschläge tut, die ich vorbeschriftet habe, frankiert und auf die Post trägt. Was macht diese Person? Diese Person gießt ihre Wasserflasche über die Einladungen aus. Kann man das denn begreifen? Das kann man doch nicht begreifen! Was für ein Rindviech! Ich setzte also erneut an, der Füller tropft aus purer Bosheit, ich habe Tintenschlieren an der Nase, aber sechs Einladungen sollen es werden, ich lasse die Einladungen in die Briefumschläge gleiten, vorsichtig wie behutsam, ich schreibe die Adressen auf die Umschläge, ich frankiere die Umschläge, ich sage: Auszubildende: Wasser, Kleber, Joghurt, alles fort, hier sind sechs Umschläge bringen sie die zur Post.“ „Jetzt.“ Ich gehe meiner Wege. Ich lasse mich verlachen der Tintenschlieren wegen, ich arbeite wie der Esel sieben, ich raufe mir achtfach das Haar und kehre in das Büro zurück. Da steht die Auszubildende vor meinem Büro: „Fräulein Read On, heult sie, ich habe die Einladungen geschreddert, aber wirklich nur ganz aus Versehen.“ Ich zähle bis 133 und sage: „Gehen Sie mir aus den Augen.“ Ich schreibe sechs, neue Einladungskarten, ich beschrifte, frankiere, ich eile selbst zur Post. Ich habe Tintenflecken auf der Brille und ich schwöre Dir: „Eines Tages da reißt mir die Hutschnur, da reißt mir die Hutschnur und dann wird Schreckliches geschehen. Noch in vielen Hundert Jahren, wird jemand davon erzählen wie einmal dem Fräulein Read On die Hutschnur riß!“

( Der Tierarzt hat inzwischen die Schuhe ins Schuhbord getragen und lehnt gegen den Küchentisch.)

Tierarzt ( leise kichernd) : „Mädchen, ich warte auf den Tag, wo Du Dir auch noch den Kopf abreißt,um ihn über die Schwelle zu schleudern, aber sei gewiss, ich werde ihn fangen.

( Der Tierarzt beginnt haltlos zu lachen.)

Frl: ( bindet sich die Haare zusammen.) „Wenn Du nur lachst!“

Der Tierarzt: „Nicht nur ich“. Zu seinen Füßen grinst der Hund. Auf dem Küchenstuhl johlt die Katze.

Frl: „Ich werde die grinsenden Gesichter nicht vergessen.“

Der Tierarzt küsst die tintenfleckige Nasenspitze des Fräuleins.

Besuch bei Frau Guo

„Mädchen, sagt der Tierarzt, Dir ist ja immer noch so kalt!“

Ich sitze nämlich am Samstag Nachmittag zitternd im Büro und schüttle ich den Kopf, so fallen Eiskristalle aus den Shetlandponyhaaren und meine Hände sind kalte Eisblöcke und von meine Füßen will ich gar nicht erst anfangen.

„So geht das nicht Mädchen, fährt der Tierarzt fort, wir gehen zu Frau Guo.“

Zustimmend klappere ich mit den Zähnen: „Tierarzt, das ist eine sehr gute Idee.“

„Könnte von Kälbchen sein, die Idee!“, stimmt der Tierarzt mir freudig zu. Ich denke an Kälbchen, das diese Woche den ebenfalls auf der Weide lebenden Esel so getriezt hat, dass dieser nur noch mit erhobenem Huf über die Weide hoppelt und schweige lieber zu diesem Thema. Besser ich packe meinen Kramuri in die Tasche und dann gehen wir durch den kalten Regen zu Frau Guo. Frau Guo’s Familie betreibt das Orient Paradise, den Supermarkt der Stadt, in dem es Okra, Hühnerfüße und wirklich niemals Sellerie zu kaufen gibt. Im Supermarkt betreibt Frau Guo einen Imbiss und als ich nach Irland kam und Frau Guo’s Laden ausfindig machte, da wurde mir Irland ein klein wenig heimatlicher. Damals noch ohne Tierarzt trat ich an die Theke und sagte: „Einmal Rindfleisch extra scharf bitte!“ und Frau Guo musterte mich eingehend. „Extra-scharf?“, fragte sie und ich nickte und zeigte auf die grünen Chillies und klapperte ähnlich wie heute mit den Zähnen. Seit jenem kalten Novembertag sind Frau Guo und ich alte Scharfesser-Freunde und schon als wir den Supermarkt betreten, winkt sie mir zu. „Fräulein Read On, sie waren lange nicht da.“ Ich bekenne mich gleich schuldig und Frau Guo häuft Huhn und Gemüse zu einem Berg und ich nicke: „extra-scharf, bitte! Frau Guo lässt sich nicht lange bitte und sehr viel grüne Chilli landet auf dem Gemüsehühnerberg. Der Tierarzt aber bekommt von Frau Guo eine Schüssel heißer Suppe vorgesetzt, ähnlich wie meine liebe C. duldet Frau Guo kein“Nein, das esse ich nicht“, sondern klopft dem Tierarzt aufmunternd auf die Schultern und hört nicht weiter auf sein Nein, Nein, sondern sagt: „Spezialsuppe für Tierarzt!“ Ich indes schwelge in Huhn und scharfen Champignons und in der linken Hand halte ich eine grüne Chilli, in die ich beherzt hineinbeiße. „Fantastisch“, huste ich und langsam tauen meine Füße wieder auf. Frau Guo strahlt. Zwei Kunden schielen auf die tierärztliche Suppe, aber Frau Guo schüttelt den Kopf: „Suppe Spezial“, sagt sie „für den Tierarzt.“ Der Tierarzt löffelt eifrig und ich greife nach der zweiten Chili und nage mit tränenden Augen an einem Hühnerknochen. Hinter mir hängt Herr Guo Enten in den Bräter und Tochter Guo wiegt Fisch ab, im Hintergrund läuft eine Soap aus Korea und dann setzt sich Frau Guo mit einem Teller voller Hühnerfüße zu uns und ich beiße in die dritte Chili. „Read On“, sagt Frau Guo. „Elections in Germany“ Ich nicke, denn wie der Tierarzt so ist auch Frau Guo eine innige Bewunderung des Landes der Dichter und Denker. Frau Guo und ihr Mann waren nämlich vor zwei Jahren in Frankfurt und die Liebe war so groß wie absolut. „Wie Shanghai, sagt Frau Guo, nur so sauber, so ordentlich, und die Frankfurter wahre Himmelsmenschen.“ Frau Guo und ihr Mann saßen nämlich in Frankfurt in einem Heurigen und schlürften Äppelwoi aus tönernen Krügen und als Frau Guo die Toilette des Heurigen aufsuchte, so hing dort an den Kacheln ein Putzplan mit Zeiten und Unterschrift und auch wenn Frau Guo des Deutschen nicht mächtig ist, so verstand sie gleich: hier herrschen Glanz und Gloria und ( wahrscheinlich auch Chlor). „Ein Toilettenzertifikat“, sagt Frau Guo staunend und ist neidisch auf die Deutschen, die in einem so keimfreien, wie ordentlichen Land leben dürfen. Das ist natürlich Wasser auf des Tierarztes Mühlen, der sofort einstimmt und schon ist der Orientparadies angefüllt mit: „Blumeninseln!“, „Ausflugsdampfern“,“Fußgängerzonen“, der Tierarzt weiht Frau Guo in die Magie der Wauziwägelchen ein und Frau Guo lauscht seinen Berichten mit ungläubigem Staunen. Ich gieße derweil Sojasauce über mein Gemüse. Deutschlandexperten soll man nicht stören und mit verhangenen Augen beschwören Tierarzt wie auch Frau Guo, Deutschland als ein lange verloren geglaubtes Paradies. Die Deutschen ist man sich einig sind wohlerzogen, haben Tischmanieren, gepflegte Vorgärten und 11.000 Sorten Brot. Nächstes Jahr plant Familie Guo eine Moselreise und das der Tierarzt mich belauert, wann wir wohl nach Berlin zurückkehren, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt.

Auch Herr Guo ruft nun vom Hackbrett herüber, dass die Würste in Frankfurt vortrefflich geschmeckt hätten, das Bier nicht einmal lauwarm gewesen und ein ehrlicher Bäcker hätte ihm 25 Cent herausgegeben, dabei hätte er gar nicht gemerkt, dass er zu viel bezahlt habe. „Ja, so sind Sie die Deutschen“, sagt der Tierarzt mit glühendem Blick und hat darüber seine Suppenschüssel leer geschlürft.

„Merkel for Chancellor“ ruft Frau Guo mit erhobener Hühnerkralle und seufzt. „Chancellor Merkel very realist“, sagt sie und der Tierarzt nickt. Ich glaube der Tierarzt nimmt an, dass Angela Merkel selbst, hinter der Erfindung der Hundewägelchen steht. Physiker sind ja bekanntlich zu allem fähig. „Merkel for Chancellor“ ruft auch der Tierarzt und Herr Guo ruft es auch.( Sollte Frau Merkel je genug davon haben mit Tomaten beworfen zu werden, hier bekäme sie nicht nur scharfes Huhn, sondern auch Extra-Lob. Dann beklagt der Tisch den Zustand der irischen Politik. „Lazy“ ruft Frau Guo, „rotten“ ruft der Tierarzt, „ swindlers“ knurrt Herr Guo und das Beil trifft einen Knochen. Die koreanische Soap ist zu Ende und ein Nachrichtensprecher informiert über chinesische Dinge. „You know Read On“, sagt Frau Guo, we don’t have any politicans in China. Only gangsters.“ „Criminals“, pflichtet Herr Guo ihr bei. Dann seufzen sie beide.

„The Germans are very lucky.“, sagt Frau Guo.

„The Germans and their dogs are very lucky“, sagt der Tierarzt.

Die Deutschen wissen nicht viel über das Glück, denke ich, aber ich sage nichts, denn Frau Guo zieht ihr Telefon aus der Tasche und zeigt dem Tierarzt das deutsche Toilettenzertifikat. Liebende soll man nicht stören.

Von Fern ist das Meer niemals nah (3)

Hier finden Sie den ersten ersten und zweiten Teil der Geschichte.

Er steht mit dem Rücken zur Tür. Noch immer schlägt der Regen gegen die Fenster, die Straße. Regenschatten liegen über Southall. Kalt ist die Tür gegen seinen Rücken, aber er dreht sich nicht um. Der Laden ist seit Jahren schon der gleiche, selbst in der Dämmerung, kennt er den Laden, wie nicht einmal sich selbst. Eine halbhohe Anrichte mit der Kasse, Kaugummis in zehn Geschmacksrichtungen und das Bild eines Gurus. Er weiß schon seit Jahren nicht mehr, ob dieser Gesundheit oder Geldsegen versprach. Zwei Kühltheken zu seiner Rechten. Cola, Limonaden, Wasser, Milch, Orangensaft in Zwei-Liter Packungen und immer hat eine Packung ein Leck. Jeden Abend, bevor er den Laden zusperrt, wischt er eine Pfütze mit Orangensaft auf. Regale in der Mitte des Ladens. Instant-Nudeln in weißen Bechern, Kekse, klebrige Jalebis in bunten Kartons, Schokolade, Putzmittel, Einwegrasierer, Konservendosen, Lipton-Tea, Backpulver und Sirup. Beutel mit roten Linsen, Kichererbsen, Reis und Öl. Im Lager mehr Säcke, mehr Reis, immer noch mehr Linsen und Kichererbsen, Tüten mit Chilipulver und Pefferkörnern, Lutscher, die den Kindern eine blaue Zunge machen. Das Wasser tropft auf seine Füße, eine Wasserlache auf dem Boden, wie der Orangensaft läuft er leck. „„Du bist Kurta, Kurta der Hund““ hört er sie sagen. Eine weiche Stimme, das harte r von Kurta, das steht ihrer Zunge, „Du bist Kurta, Kurta der Hund“, sagte sie und er verschluckt sich an ihren Worten. „Ist es nicht merkwürdig, denkt er, dass jeder in Southall mich Kurta, den Hund nennt und ich zucke nicht einmal mit den Schultern?“ Und dann steht sie da, sie die Frau an die ich mich kaum noch erinnere und sagt „Du Hund zu mir.“ Und alles ist wieder, wie damals als zum ersten Mal die Kinder mit dem Finger auf mich zeigten und lachten: „Da kommt Kurta, Kurta, der Hund.“
Dann hält er sich die Hand vor den Mund als fürchte er sein Gesicht ein zweites Mal zu verlieren, auch wenn niemand außer ihm im stillen Laden ist, der Frau auf der Straße sieht nur seinen Rücken. Er presst sich die Hände gegen den Mund und die Tür ist kalt gegen seinen Rücken.

„Good morning“, sagt der Radiosprecher, it is 5.20 AM, this is the BBC and now the Shipping Forecast issued by the Met office.“ Viking North 5 to 7, das ist was er behält und Showers at first. Jeden Morgen hört er die Shipping Forecast, dabei hat er noch niemals das Meer gesehen, ein Boot bestiegen, die Füße ins Wasser gehalten und noch niemals auch nur ein einziges Wort der Shipping Forecast verstanden. Nach der Shipping Forecast kommt das Milchauto, das ist sein einziger Grund für Radio BBC 4, das kleine Transistorradio steht hinter der Kasse auf einem schmalen Bord. Er dreht das Radio aus, die Tür ist beschlagen und er sieht nicht, dass die Frau noch immer auf der Straße steht mitten im Regen. Er löscht das Licht und nimmt den Schlüssel vom Haken. Das Closed Schild hängt noch immer an der Tür und heute zum ersten Mal in viel zu vielen Jahren, dreht er es nicht um.

„Bitte“, sagt sie, bitte warte doch, bitte, es tut mir Leid.“ Ihr fällt ein, dass sie seinen eigentlichen Namen nicht mehr weiß. „Kann jemand seinen Namen verlieren?“, fragt sie sich, wie einen Schlüssel? „Aber wir haben ihn ja verloren“, sagt sie sich, der Regen ist ein nasses Tuch über ihren Schultern. „Warte doch“, ruft sie wieder und wieder. Ihm fällt ein wie schnell er laufen kann, er läuft an ihr vorbei, schneller noch, immer noch schneller, er läuft vor ihr davon, er rennt die Straße hinunter, noch immer hält er sich die Hand vor dem Mund, aber seine Beine sind schneller und schneller, schon ist er im Bahnhof. Southall steht auf dem Schild und Transport for London. Sie sieht ihm nach, dann kommt das Milchauto, biegt um die Ecke, fährt durch eine Pfütze, das schlammbraune Wasser spritzt hoch, eine Welle Pfützenwasser läuft über sie hinweg. Um 5.25 Uhr steht sie unter der Dusche und das Wasser das in den Abfluss läuft, ist schwarz. Sie sieht den Milchliferanten, er klopft gegen die Tür des Geschäftes, doch keiner wird öffnen, dass er im Bahnhof verschwindet, sieht sie nicht, als er die erste Stufe des Bahnhofs erreicht, da schließt sie den letzten Knopf ihrer Bluse.

Er kauft eine Fahrkarte. Brighton, sagt der Automat, als er auf B… tippt. Brighton bestätigt er zweimal, steckt Geld in den Schlitz. Gelb und rot ist die Fahrkarte. Ein dünner Streifen Papier ist genug um ans Meer zu kommen, wundert er sich. Platform 5 steht auf der Fahrkarte, und die U-Bahn von Southall nach Paddington ist leer. Ein Liebespaar ist müde von der Nacht und ein alter Mann liest eine alte Zeitung. Eine Werbetafel verspricht, dass das Glück an den Stränden der Karibik wartet, er dreht den Fahrschein in seinen Händen. „Viking North to Five“ flüstert er, in Paddington wechselt er in eine Linie nach London Victoria und auf dem Bahnhof kauft er eine Flasche Orangensaft, ein Sandwich mit Käse und einen grünen Apfel. „The 6.37 train to Brighton via Clapaham Junction, East Croydon, London Gatwick, Hassocks“, leaves from platform 5, sagt die Lautsprecherstimme und er fasst vorsichtig in seine Hosentasche. Aber der Fahrschein ist noch immer da. „Nach Brighton?“, sagt er zum Schaffner, der raucht vor dem Zug und nickt. Er zieht sein Telefon aus der Hosentasche. Sein Vater hat ihm eine Nachricht hinterlassen: „Kurta, wo zur Hölle bist du?“, schreit die Stimme seines Vater blechern vom Anrufbeantworter. Er wirft das Telefon in einen Mülleimer. Er braucht es nicht mehr.

Das Abteil ist noch leer, der Schaffner trinkt Kaffee und nickt ihm zu. „Brighton, ja?“ „Last stop of the train“, sagt er. Er sieht aus dem Fenster, der Orangensaft hinterlässt einen Fleck und er reibt mit einem Daumen über die nasse Stelle. In Croydon setzt sich eine Frau zu ihm ins Abteil. Blasse rötliche Haare, ein rosa Schal, locker um den Hals gelegt, Sommersprossen auf der Nasenspitze. Lange wühlt sie in ihrer Handtasche, dann seufzt sie. „Wenn ich mir ein Brot liege, lasse ich es liegen“, sagt sie, wenn ich mir kein Brot mache, vergesse ich auf dem Bahnhof eine Croissant zu kaufen“ sagt sie zu niemand Bestimmten. Er hört es trotzdem. Er reibt mit dem Ärmel über den Apfel und hält ihn ihr hin. Sie wird rot und für zwei Stunden hört sie nicht mehr auf zu reden. Kurz bevor der Zug in Brighton hält, unterbricht sie sich selbst: „Wie heißen Sie?“, sagt sie und er muss sich räuspern, und zweimal verschluckt er sich fast: Pargat Singh, sagt er mein Name ist Pargat Singh. „Es hat mich sehr gefreut Pargat Singh“, sagt sie und dann hält der Zug. Sie winkt und er winkt zurück.

„Wie komme ich zum Meer?“, fragt er an einem Schalter. Ein rotes Schild: Information. Die Frau gibt ihm einen Stadtplan. Zum Meer führt eine Kugelschreiberblaue Linie. Dann geht er los, seine Beine sind schneller als er, dort liegt das Meer, grauer Nieselregen, die Straße schon riecht nach Salz und Tang und endlich, endlich ist da, das Meer. Das Meer ist blau, trotz des grauen verhangenen Himmels, blau ist das Meer, so wie der Himmel des Punjab, kurz vor Anbruch der Nacht. Vor einem Papierkorb randalieren die Möwen, er geht nach links, der Sand bohrt sich durch die Sohlen in seine Füße hinein. Das Meer ist so weit wie blau und wenn er jemand anders wäre, das weiß er einfach so, könnte er hier lange sitzen und dem Meer zuhören, aber er zieht sich schon den Pullover über den Kopf, legt das weiße T-Shirt sorgfältig zusammen, kickt die Schuhe und Socken von den Füßen, zieht die Hosen aus, legt sie in eine Mulde Sand und dann kommt er dem Meer entgegen. Das Meer hat weiche, weite Arme und gierig ist das Meer, keine schüchterne englische Rose, das Meer zieht ihn die Arme ,weiter und tiefer hinein lässt er sich tragen vom Meer. „Man kann nicht als Hund leben“, denkt er und das Meer reckt sich, komm unter meine Arme flüstert das Meer und das Meer ist so blau, so blau wie der Punjab am Abend, es verschluckt den grauen Himmel und hinter dem Himmel ertrinkt die Sonne, hinter dem Meer ist es hell, will er noch rufen, doch das Meer liegt ihm in den Armen, eisig und tief und dann denkt er nichts mehr und schließt die Augen mitten im Sinken, mitten im Meer.

In Southall verpackt eine Frau eine Urne, es ist ihr Vater, die Asche ihres Vater, ihre Hände sind kalt, die Handtasche lässt sich nicht mehr schließen.“ Nach Brighton“, sagt sie am Fahrkartenschalter. „8. 37 Uhr geht der nächste Zug“, sagt die Frau am Fahrkartenschalter.

Der dritte Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeer und der vierte und letzte Teil der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Woanders ist es auch schön

Frau Novemberregen antwortet auf Sicherheitsbedenken und weil es Frau Novemberregen ist, geht es dabei um das große Ganze.

Twinkle Khanna denkt über die Liebe und ihre Schrammen nach.

Andere Kühe haben auch auch schöne Kälber und dieses Blog mag ich von Herzen gern.

Frau Wortschnittchen denkt über das Ankommen nach.

Herr Rau macht sich Gedanken darüber, was die Schule eigentlich muss oder auch nicht .

Im Winter bin ich schon einmal  über die Frage gestolpert wie es sich verhält mit der Frage von Schuld und Sühne ob der Mörder, wohl immer der Mörder bleibt. Gedanken dazu und natürlich sehr Kluge macht sich auch die die New York Times .

Gleich noch einmal die New York Times, denn Hanya Yanagihara wandert auf den Spuren von Bruce Chatwin.

Die Ungleichheit der Arbeit ist in Indien auch immer eine Frage von von Leben und Tod.

Diese Woche waren die gemeinsamen Anwesenheitszeiten des Tierarztes und des Fräulein Read On’s noch geringer als ohnehin schon und ich weiß nicht zu sagen, zu welchem herbstlichen Liebeslied der Tierarzt sich die Zähne putzte. Ich aber habe in dieser Woche immer wieder Schumanns Klavierkonzert in a-moll gehört und mich noch immer nicht sattgetrunken an dieser Musik.