Telefonat mit Wien

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.” Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

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Symbolbild: Das Spinnenorakel ist noch unschlüssig.

Ich lehne in einem alten Polstersessel, auf meinen Knien ein wollenes Plaid, in der Hand die liebe blaue Teetasse und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Guten Abend, Mali-Tant, hier ist Read On.

Mali-Tant: Servus Mädi. Geht’s dir wohl?

Ich: Ah geh Mali-Tant, es geht sich schon aus. Und bei dir? Ist das Ziehen im Kreuz besser geworden?

Mali-Tant: Ah geh Mädi, irgendein Ungemach hat man immer. Es geht sich schon aus.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann sage ich:

Ich: Sag Mali-Tant, wie wird die Wahl morgen gehen?

Mali-Tant ( schnauft empört): Ah geh, eine Schand ist es diese Wahl. Am Donnerstag auf dem Weg zum Greißler hat mir so ein Hofer-Burschi einen Apfel hingehalten und irgendwas von der ganzen Süße Österreichs schwadroniert. No, hab i zu dem Burschi gesagt, im Dezember hat es wohl kaum süße Äpfel in Österreich. Richtig schiach is da der Burschi worden und hat eine Keiferei angefangen. Dass er satt habe mit den ganzen Vernaderern, die ihm sein schönes Österreich madig machten. So a Zwiderwurzn! Nur weil ich ihm hab sagen müssen, dass sein Hofer-Apfel aus Argentinien ist und net aus dem Tirol.

Gestern dann, auf dem Weg zum Friseur stand scho wieder so ein Gelackter auf der Straße und hielt mir ein Zuckerl hin. Für van der Bellen! Ah geh, hab i dem Lackafferl gesagt, ich bin doch kein Zirkuspferd, dem man ein Zuckerl gibt. Ganz geschnappig war der Gelackte da gleich und hat angefangen auf die alten Leut zu schimpfen, die die Faschisten groß machen. Geh, habe ich dem gesagt, was wissen Sie denn scho von den Faschisten? Dann bin ich gegangen.

Ich: Ach Mali-Tant, dass ist nicht Recht.

Mali-Tant: Kannst nix machen gegen die Großkopferten. Heut in der Früh bin ich nochmal beim Greißler gewesen. Wegen der Eier. Sollst doch halt auch Vanillekipferl und Makronen kriegen, wenn i dir schon zur Last fall zu Weihnachten.

Ich: Mali-Tant, jetzt lass aber gut sein, noch nie bist du mir lästig geworden.

Mali-Tant: Wir oiden Leut sind immer lästig. Scho recht. Jedenfalls bin i nunter zum Greißler der Eier wegen und da hat der Greißler, i kenn den schon, da ist der noch a Lehrbub gewesen, getönt, dass jetzt wieder Ordnung einzieht in Österreich und dabei ist der selbst Jahr und Tag schwarz hackeln gegangen. War eh klar, dass dann auch die Prokol in die Greißlerei geschlichen kam mit ihrem Gered vom mit dem Besen das Land einmal richtig auszukehren. So a Blunzen! Den andern Tag hat sie noch bei der Marktfrau getönt, dass ihre Eltern scho immer Antifaschisten waren und jeden Tag in der Woch’ hatten sie einen anderen Juden unter dem Bett versteckt. Die Mali-Tant seufzt.

Ich: Ach, Mali-Tant.

Mali-Tant: Weißt Mädi, ich würd so gern in der Zeitung mal wieder was über die Oper lesen.

Dann sprechen die Mali-Tant und ich über den Quarkstollen den meine Großmutter in der kühlen Speisekammer lagerte und immer erst am Weihnachtsabend anschnitt, ihren Vater der wie sie die Oper liebte, über die Zugreservierungen Wien-Berlin, denn das alte Österreich in dem die Mali-Tant und mein Urgroßvater geboren wurden gibt es schon lange nicht mehr, auch nicht wenn die einen es beschwören und die anderen nicht mehr wissen, was sie eigentlich verdammen.

Alles ganz natürlich!

Was man weiß ( schon immer ): Ärzte sind alle Halsabschneider ( besonders Orthopäden)- Diagnosen googelt man am besten selbst ( Der Doktor will ja doch nur verdienen)- Was der hat dir kein Rezept geschrieben?-Scharlatan!!!!- Geh doch zur X. die macht Naturheilkunde- alles ganz natürlich- (Was wegen so etwas gleich ein Rezept?)-Der will ja nur verdienen!- Chirurgen sind alles Alkoholiker- der Arzt vom Y. hat auch gesagt: Impfen ist gefährlich!- Ärzten darf man gar nichts glauben- Die Osteopathin fühlt sich immer so ein, da habe ich 100% Vertrauen- die Ärzte stecken ja alle (!!!!) mit der Pharmaindustrie unter einer Decke- „dagegen gibt es auch etwas auf Schlangenöl-Lakritzwurzel-Basis-da-schwören-auch-die-Inka-drauf-(das Rezept hab ich gleich weggeworfen)-Ärzte wollen alle nur verdienen ( besonders Internisten )- Kardiologen sind öfter auf dem Tennisplatz als im OP- Ärzte wollen alle nur verdienen ( am schlimmsten sind die Radiologen)- Kreuzbandriss?-Ach was, deine Muskeln sind nur nicht im chi, ich gehe seit Jahren schon zu einer Frau, die hat wirklich heilende Hände- ( Haben sie überhaupt studiert?)- in Grey’s Anatomy sind die Ärzte irgendwie attraktiver- ( da geht niiiiie jemand ans Telefon- die machen wirklich immer Kaffeepause)- der Doktor hat den Opa totgespritzt- 99,9% aller Operationen sind vollkommen überflüssig-( die wollen nur die Betten vollkriegen )- im Krankenhaus holt man sich den Tod-( bei der Visite hat der Arzt überhaupt nicht zugehört, als ich ihm erzählte, dass meine Mutter an einer Fischgräte erstickt und mein Uropa mit sieben den Keuchhusten hatte, dabei sagen alle, dass nur ein ganzheitlicher Ansatz hilft )- alle Ärzte wollen nur verdienen- alle wissenschaftlichen Studien sind gekauft ( die Z. sagt, dass die K. also die Freundin der D. sagt, dass die Ärzte pro verschriebenem Medikament eine fette Provision einstreichen)-Ärzte wollen alle nur verdienen- Ärzte schreiben ihre Doktorarbeit beim Segeln- ( da will ich aber eine zweite Meinung hören)- Die Ärztin von der G. hat auch gesagt, dass die alten Hausmittel doch die besten sind. Ärzte wollen alle nur verdienen.

Alles kann man über Ärzte sagen, nur man kann nicht sagen, dass nicht alles über Ärzte gesagt wird und sich über Ärzte zu beschweren ist längst schon ein Breitensport geworden. Es gibt vielfache und in vielen Fällen berechtigte Kontrollinstanzen, es gibt Bewertungsportale und es gibt eine Vielzahl an berechtigten Richtlinien, die nicht nur für Ärzte, sondern vor allem auch für die Pharmaindustrie gelten. Ein Arzt ist schon längst kein Halbgott mehr, sondern nur eines von vielen Angeboten, das Menschen wahrnehmen. Das Misstrauen aber gegen ärztliche Empfehlungen ist um es freundlich zu formulieren nicht gerade klein, gerade deswegen bin ich gelinde gesagt doch erstaunt, werben medizinische Laien für Hustensaft, dem sie im besten assoziativen Verfahren allesamt enorme Wirkkraft unterstellen, dessen  Wirkstoff ( und dessen Verträglichkeit ) jedoch umstritten sind. Besieht man sich die Inhaltsstoffe taucht dort auch Sorbitol auf, ein mehrwertiger Alkohol, der nicht für Taumelei auf der Gasse sorgt, sondern dafür sehr häufig Durchfall verursacht und in pädiatrischen Zusammenhängen keineswegs als natürliches Helferlein gilt. Dass dies nun auf Elternblogs  die Runde  macht , finde ich doch nachhaltig irritierend.

Wenn auch Heilpraktiker kein geschützter Begriff ist, erstaunt mich, dass Medikamente inzwischen auf Blogs empfohlen werden wie Lindtschokolade oder Hallenturnschuhe, ohne auch nur erkennbare, medizinische oder pharmazeutische Kompetenz nachweisen zu wollen oder zu müssen. Ob da wieder das Zauberwort ( ist doch alles ganz natürlich) oder die lange Kette :”aber bei Pia-Marie-Luca-Charlotte” hilft es doch auch, die Versicherung bietet, weiß ich nicht. Warum sich aber die sonst so allgegenwärtige Kritik so vornehm zurück hält, die doch im Arzt und Apotheker stets das Dunkle und Böse vermutet, kann ich kaum begreifen. Vielleicht ist das auch nur ein Beispiel dafür, dass längst wahr ist,was Michael Gove so verächtlich ausspie: “people in this country have had enough of experts”, dafür übernehmen dann die, die es nicht wissen können, aber es dafür fühlen.

( Frau Doktor, es ist Krebs! Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen )-Alle Ärzte wollen nur verdienen-Ich hör da lieber auf meine Intuition- ( Ärzte sind auch nur Menschen.)

Im Dunkeln

Immer ist es dunkel. Am Morgen, wenn ich aus dem Haus gehe ist es noch dunkel und kehre ich am Abend zurück ist es schon wieder dunkel. Die Dunkelheit hat kalte Hände. Nur zwei der Straßenlaternen im Dorf gehen noch, die anderen sind längst verloschen.Nur die ganz Alten im Dorf erinnern sich noch an die Zeiten als die ganze Dorfstraße beleuchtet war. Ihre Erzählungen variieren. 20 Jahre ungefähr, da kommt es auf ein Jahr weniger oder mehr auch nicht an. Es sind 900 Schritte vom Oberland ins Unterland. Die Dunkelheit verschluckt alle meine Schritte und sehe ich auf meine Zehenspitzen ist mir, als hätte mir jemand ein schwarzes Tintenfass über die Stiefel gekippt. Alle Fenster sind dunkel. Nur im einzigen Lebensmittelladen des Dorfes brennt Licht. Die Frau des Krämers fegt die Backstube aus. In der Fensterscheibe flackert es schwarz und weiß. „Was ist das Frau des Krämers?“ frage ich sie und zeige auf die merkwürdigen Gebilde. „Aber Fräulein Read On, sagt sie, das sind blinkende Schneeflocken.“ Ich sehe es nicht, aber ich nicke. Auf dem Weg zum Bahnhof legt sich die Dunkelheit wie ein schwerer Schal um mich herum. Pechschwarz ist die Welt und ob auf dem Dachfirst des Bahnhofes wirklich Krähen hocken oder doch nur der Nachtmar lacht, kann ich nicht sagen. Eines von beiden wird es schon sein. Im Zug ist die Dunkelheit ein dichter Vorhang, schwerer Brokat vielleicht oder auch nur ein alter Samtvorhang, der vor vielen Jahren einmal vor dem Eingang eines Zirkuszelts hing. In der Stadt bricht der Tag dann an, aber immer ist das Licht nur verhalten, nur eine müde Entschuldigung für die immer schon in den Schuhen stehende Dunkelheit, die dem Tag den Atem nimmt. Zurück am Abend, zurück durch die dunkle Straße, drehe ich das Licht überall an. Den Leuchter im Wohnzimmer, die Schlafzimmerlappe, das Oberlicht in Küche und Bad, die Stehlampe im Arbeitszimmer und auch die schwere Messinglampe im Flur schalte ich ein. Trotzdem, die Dunkelheit spiegelt sich heller als das Licht im Zimmer und auf dem Dielenschrank sitzt schon die Schwärze, sie kriecht zu mir auf den Küchentisch und als es an der Terrassentür klopft, glaube ich für einen Moment, dass die Dunkelheit selbst nun vorstellig wird und Hut und Stiefel in das Zimmer wirft. Es ist aber nur der Priester, der in seiner schwarzen Soutane, einem Chamäleon gleich, ununterscheidbar von der Dunkelheit fragt: „Fräulein Read on, habe ich sie erschreckt?“ “Ein bisschen, Priester” sage ich und deute in Richtung Tisch: „bleiben sie zum Essen?“ Der Priester nickt, aber erst einmal braucht er eine Taschenlampe. Das Licht im Kirchhof ist ausgegangen. Dann kommt der Tierarzt und für eine Weile verzieht die Dunkelheit sich. Später erst als ich im Bett liege kehrt die Dunkelheit zurück. Legt sich wie ein dunkelschwarzes Gefieder auf mich und drehe ich den Kopf zum Fenster sehe ich nur schwarze Kälte und nicht das Meer. Das leckt vielleicht schon an meinen Füßen, aber so schwarz ist mir vor Augen, dass ich nichts mehr sehe vor lauter Dunkelheit.

Zähes Ringen

Am Montag mache ich eine Kürbissuppe. Viel Mühe macht das nicht, aber ein bisschen doch. Ich würfele also Kürbis und Äpfel, presse Orangen, backe ein Olivenbrot, rühre Knoblauchbutter an, falte Servietten, decke den Tisch ein und setze Teewasser auf. Dann kommt der Tierarzt. “Mir ist schlecht” sagt der Tierarzt und schiebt den Suppenteller mit der dampfenden Kürbissuppe so weit von sich weg wie es nur geht. Das Olivenbrot zerbröselt der Tierarzt in lauter kleine Bröckchen oder dreht es zu kleinen Kügelchen zusammen. „Hänsel und Gretel?“ sage ich, aber der Tierarzt lacht nicht. „Magst du etwas anderes haben”, frage ich. Ein wachsweiches Ei vielleicht oder einen Pfannkuchen? Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Mein Suppenlöffel kratzt unangenehm laut über den Tellerboden. „Joghurt?”,versuche ich noch einmal mein Glück. Der Tierarzt schiebt den Stuhl zurück und sagt: „Lass mich doch in Ruhe mit deiner ewigen Kümmerei“, dann schlägt die Tür hinter ihm zu und ich fege die Brotbrösel vom Tisch. Die restliche Suppe friere ich ein.

Am Dienstag mache ich Rührei mit Schnittlauch, einen Tomatensalat mit Oliven und Schafskäse, ich backe eine Zitronenmeringue und schneide die übrigen Zitronenscheiben in die Wasserkaraffe. Der Tierarzt schiebt den Teller mit dem Rührei weit weg von sich. Eine halbe Tomate pickt er mit der Gabel auf und betrachtet sie für fünf Minuten angestrengt. Dann lässt er die Gabel sinken. Er trinkt eine halbes Glas Wasser als ich ein Stück Zitronemeringue abschneide, nickt er. Er schlingt das Stück Kuchen hinunter. Fünf Minuten später, steht er auf, geht ins Bad und speit den Kuchen wieder aus. Ich kippe das kalt gewordene Rührei in den Mülleimer und wische den Tisch ab. Dann klopfe ich an die Badezimmertür. „Darf ich reinkommen?“ “Ja”, flüstert der Tierarzt der zusammengerollt auf den Fliesen liegt. „Komm“ sage ich und ziehe seinen Kopf in meinen Schoß. „Ich kann nicht“, flüstert der Tierarzt. „Shhhh“ wispere ich.

Am Mittwoch mache ich einen Grießkoch mit Pflaumenkompott. Ich schneide Brot in daumennagelgroße Stücke und belege die Brotwürfel mit fingernagelgroßen Ziegenkäse- und Camembertfitzeln. Ich spieße einzelne Weintrauben und Mandarinenscheiben auf einen Zahnstocher und schneide eine halbe Mango mit dem Sparschäler in sehr, sehr feine und dünne Spalten. Dann schreddere ich Rote Bete, Gurken, eine Banane, Äpfel und Karotten für einen Smoothie. Der Tierarzt im Türrahmen ist nur ein schmaler Schatten. Der Tierarzt am Tisch schafft drei daumennagelgroße Brothäppchen, zwei Scheibchen Mango und drei Weintrauben. Nach drei weiteren Stunden hat er ein halbes Glas grünen Saft getrunken. Die Brotstückchen nehme ich anderntags mit in die Universität. Die Kollegen sehen mich merkwürdig berührt an: „Willst du abnehmen?“, fragen sie mich verwundert. „Nein“, sage ich.

Am Donnerstag koche ich nicht. Am Donnerstag gehe ich in die Apotheke. Ich kaufe hochkalorische Flüssignahrung. „Super lecker“ sagt der Apotheker. Ich nicke und nehme Vanille und Waldfrucht. Der Tierarzt weint. „Ich hasse Dich“ schreit er. Ich zucke mit den Schultern. „Mir haben Leute schon Schlimmeres gesagt.“ Der Tierarzt fährt weg. Er weiß noch nicht, dass ich ihm längst die übrigen Flaschen in die Taschen geschoben habe. Ich nehme ein Aspirin und halte mich an der Spüle fest, bis die Welt sich aufhört zu drehen.

Am Freitag stehe ich um halb vier Uhr früh auf. Ich nehme die vorbereiteten Keksteige aus dem Kühlschrank, denn Schwesterchen verlangt jedes Jahr hartnäckig zum 1.Dezember ein Paket mit Gebäck. Die Katze ist beleidigt, dass ich sie daran hindere mit ihrer Tatze in den Teig zu fahren. Beleidigt sitzt sie auf der Anrichte und mauzt. Ich steche Halbmonde aus, backe Zimtsterne, die später mit Zitronenguss glasiert werden, ich mache Springerle, wie sie schon meine Großmutter machte und fülle die Linzer Plätzchen mit Himbeermarmelade, ich mache Haselnussmakronen und Vanillekipferln und natürlich Berge von bunten bestreuselten Butterplätzchen. Nur für Schwarz-Weißgebäck reicht die Zeit nicht mehr. Für den Tierarzt rühre ich Kräuterquark an und stelle zwei weitere Flaschen mit hochkalorischer Nahrung bereit. Am Abend komme ich erst spät aus der National Concert Hall nach Haus. Der Tierarzt liegt auf dem alten grünen Sofa und schläft. Der Kräuterquark steht unberührt im Kühlschrank, genau wie die Flasche mit Flüssignahrung.. Es fehlen die Hälfte aller Vanillekipferln und auch von den Zimsternen sind nur ein paar Wenige übrig. Der Tierarzt selbst indes ist voller Krümel und auf seiner Wange klebt weißer Puderzucker. Ich rutsche langsam mit dem Rücken die Wand entlang und muss so fürchterlich weinen, dass ich einen Schluckauf bekomme. Der Tierarzt wacht auf und legt die Arme um meine Schultern. „Hey Read On“, sagt der Tierarzt, bist du traurig, dass ich so viele Kekse gegessen habe?“ „Die Springerle sind auch gut“, schniefe ich und zum ersten Mal in dieser Woche lächelt der Tierarzt und zieht mich näher zu sich heran.

Morgengrauen

img_0764-1Alle Menschen, die im ersten Zug nach Dublin sitzen, sehen müde aus. Ich sehe mein müdes Spiegelbild im Fenster und mache lieber die Augen zu. Der Zug erreicht die Stadt um 6. 30 Uhr. Um 6.28 Uhr wickele ich mich in einen sehr, sehr warmen orangenen Schal, setze eine graue Mütze aus Alpaka-Wolle auf und meine Hände verschwinden in kunterbunten Wollfäustlingen. Kalt ist mir trotzdem fast immer. Dann steige ich mit all den anderen müden Menschen aus und die morgenmüden Gesichter verlieren sich bald. 1,8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zur Universität und so wende ich mich nach links in eine tagsüber vielbelebte Straße. Jetzt aber am frühen Morgen ist alles still. Nur ein Lieferwagen mit „Avonmore Milk“ hält, der Fahrer steigt aus, wirft seine Zigarette in den Rinnstein, gähnt und lässt die Laderampe herunter. Das Kopfsteinpflaster ist nass und die gelben Straßenlaternen schimmern nur blass gegen die Dunkelheit. Noch sind die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen. Schwere, metallene Gitter, die am Abend herunterrasseln und groteske Schatten auf die andere Straßenseite. Außer mir aber ist niemand unterwegs, aber das heißt nicht, dass niemand außer mir zugegen ist. Tatsächlich ist die Straße nämlich voller Menschen. Vor dem Schuhgeschäft eng an das eiserne Gitter gedrückt, schläft ein Mann. Zwei Pappkartons sind sein Bett und sonst schützen ihn nur zwei Schlafsäcke vor der nassen Novemberkälte, die durch den Boden dringt. Seine Habseligkeiten, die in zwei Lidl Tüten passen, stehen neben ihm, etwas verdeckt nur von den Schuhen, die exakt aneinandergereiht dort stehen, wo in etwa ein Nachtkastel stünde, wäre dies nicht die Straße, sondern ein Zimmer. Der Mann von dem nur der Haaransatz zu sehen ist, hat beide Arme über dem Gesicht verschränkt. Der einzige Schutz wohl gegen den rauen Wind und schlechte Träume. Zehn Schritte weiter aber vor einer Supermarktkette liegen ein junger Mann und seine Freundin. Auch sie liegen auf Pappkartons, die einmal Yoghurt-Behälter waren. Eng umschlungen liegen sie nicht, trotz der nassen Kälte, nur ihre Hände berühren sich, fast zaghaft, als einzige Versicherung wohl, dass zwischen dem Fußboden und dem Abgrund in ihm, noch immer eine Verbindung zur Welt besteht, wenn auch nur noch schwach und kaum mehr mit den Fingerspitzen zu greifen. Aschblondes Haar hat der Mann, der dort zusammengerollt liegt und weiche, fast kindliche Züge. Nichts ist richtig an diesem Bild das mich jeden Morgen begleitet, alles ist falsch, der Mann und das Mädchen dort auf dem kalten, nassen Boden, die feuchten Kartons, die verschlissenen Schlafsäcke, der Dreck der Straße und die greisenhaften Kinderzüge derer die auf der Straße liegen. Jeden Morgen bücke ich mich vorsichtig und lege Geld in den Becher, der neben neben den beiden steht. Sie sind die Einzigen, die einen solchen Becher haben. Vielleicht reicht das für eine Dusche oder ein Frühstück, ich weiß nicht was einem am dringendsten ist, schläft man auf der Straße. Auch neben ihnen stehen die Beutel in Reih und Glied, ist das Kleiderbündel sorgfältig gefaltet, stehen die Schuhe, Kante an Kante. Vor dem polnischen Lebensmittelladen liegt eine ältere Frau, ein Tuch fest um das Gesicht gebunden, in zwei zerlumpte Decken gewickelt keine Kartons, nur Zeitungspapier unter dem Rücken. Halb liegt sie unter einem Wagen, auf dem tagsüber Gemüse und Obst feilgeboten wird, jetzt aber liegen Lauchreste und zermatschte Orangen, neben einer zerweichten Pizzaschachtel und zerdrückten Bierdosen. Inmitten des Unrats die schlafende Frau. Passiere ich die Ecke und biege nach links, bleibt den Schlafenden vielleicht noch eine Viertelstunde bevor der Supermarkt aufsperrt, die Stadtreinigung kommt, Lieferfahrzeuge mit laufendem Motor parken und mehr und mehr Menschen, die Straße hinunterlaufen, die ich noch ganz für mich passiere. An der Ecke, am Zeitungskiosk auch er noch geschlossen, streckt sich ein Mann und gießt Wasser in eine Bierdose in der seine Zahnbürste steckt. In der Hand hält er einen kleinen zerbrochenen Spiegel und einen Plastikkamm. Morgentoilette, ohne Waschbecken, Seife, Handtuch, warmes Wasser und Rasierapparat und ich als schweigender Voyeur, vorbei schon aber doch peinvoll genug ein langer Schatten an all das was auf der Straße schon lange verloren gegangen ist. Es ist inzwischen 6.40. Die Trafik, in der ich an jedem Morgen eine Zeitung kaufe, sperrt auf und wie jeden Morgen schreit der Verkäufer in sein Headset. Hinter der Trafik aber packt wie an jedem Morgen ein Mann seine Sachen in eine blaue IKEA-Tüte, rollt den Schlafsack zusammen und zieht weiter, wohin weiß ich nicht. 500 Meter noch, dann stehe ich vor der Universität. Das große und schwere Holztor ist nur halb geöffnet, der Innenhof mit seinem Glockenturm liegt still vor mir. Die Studenten, die in den angrenzenden Gebäuden liegen, schlafen noch denn nirgendwo brennt Licht. 1, 8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zu meinem Büro. Heute wie jeden Tag, laufe ich die gleiche Strecke, fünfzehn Männer und Frauen lagen heute auf der Straße, regennass und kalt ist die Straße. Schlüpfrig und glatt sind die Steine. Unrat liegt in den Ecken und fröstelnd zog ich die Schultern zusammen, eingehüllt in Wollschall, Mantel, Mütze und dicke Fäustlinge, laufe ich vorbei an den vielen, die auf der Straße liegen wie einem Schlafsaal des Schreckens, den nicht einmal Dickens hat erfinden können und der sich hier Nacht für Nacht und Tag für Tag wiederholt. Ich krame nach der Schlüsselkarte und mache das Licht an. Es ist 7 Uhr.

Im September diesen Jahres haben 168 Menschen in Dublin auf der Straße geschlafen. Die Zahl der Obdachlosen nimmt weiter, wenn auch langsamer zu.

 

 

Zehn Minuten

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2, 5 Minuten stochere ich mit dem Löffel im Custard herum und versuche die Puddinghaut zu entfernen. Neben Sellerie und Pastinaken verabscheue ich Haut auf dem Pudding auf das Unaussprechlichste. Der B. mit dem ich in LA zusammen lebte, pflegte des Morgens die Haut vom Milchtopf ( das Fräulein Read On müssen Sie wissen, wärmt sich die Milch zum Kaffee ) zu ziehen, bog den Kopf nach hinten und verschlang mit einem großen Bissen die Milchhaut. Jeden Morgen aufs Neue wurde mir speiübel von dieser Praxis. Frau Rajasthani schüttelt den Kopf über solche Kleinmütigkeit. Jeden Morgen schöpft sie die Milchhaut ab, um später Ghee daraus herzustellen. Der Custard und Sponge Cake schmecken eigentlich nach nichts, sind dafür aber süß. Ich bin sehr für süße Dinge. Nicht einmal in Irland glaube ich, käme jemand auf die Idee, Sellerie in Vanillepudding zu schneiden. Das ist manchmal schon viel.

Für zwei weitere Minuten putze ich mir die Zähne. Zähne putzen ist eine meiner Obsessionen. Putze ich mir nicht fünfmal täglich die Zähne, sehe ich grüne Spinatpflanzen, Schokoladenbrocken und Pistazienkerne an meinen Zähnen entlangranken und muss sofort zum nächsten Waschbecken rennen, um Abhilfe zu schaffen. Heute aber strecke ich nur meinem Spiegelbild die Zunge heraus und glaube ganz sicher die Bakterien leidvoll jammern zu hören. Ihnen soll die Zahnpasta frommen.

Drei weitere Minuten lese ich eine mich über alle Maßen freuende Email. Manchmal, wenn auch sehr selten gelingt es einem ja, Menschen zusammenzubringen. Dass es hier gelang und sich im Dezember zwei der Frauen, denen ich viel zu verdanken habe in New York treffen werden, ist ein echter Glücksmoment. Ich tippe in 1: 28 eine Antwort. Glück macht flinke Finger.

Eine Minute lang gähne ich laut und herzhaft. 25 verbleibende Sekunden lang fahre ich mir durch das Haar, um mir wenigstens den Anstrich respektabler Ansehnlichkeit zu verleihen. Dann, Sie kennen das schon, muss ich weiter.

Der Lauf der Zeit

Der Zeit wohnt heute kein Geheimnis mehr inne. Vielmehr ist die Zeit nur noch eine Kategorie präziser Organisation. Das Leben verläuft anhand von Fahrplänen, schon haben digitale Zeiterfassungsprogramme die fast noch gemütlich wirkende Stechuhr abgelöst, Autovermietungen berechnen naimg_0771ch Minuten, es gibt Zeitschaltuhren, Uhren messen längst nicht mehr nur Sekunden, Minuten und Stunden sondern auch Schritte, Pulsfrequenzen und wäre es mir nicht so vollständig egal, dann könnte ich auch sagen was genau die Apple Watch alles misst und zählt. Selbst die gute alte Tante Rolex klingt etwas hilflos, bewirbt sie sich als zeitlos. Der Echtzeitmodus hat den Stundenzeiger längst abgelöst und wer wie ich die alte und vielgeliebte großväterliche Taschenuhr zum Aufziehen aus einer kleinen Schweizer Manufaktur zum Uhrmacher trägt, erntet nichts als Kopfschütteln. „Lange schon“ sagt der Uhrmacher „reparierten sie nichts mehr, längst schon sei alles digital.“ Fossil das ich bin, seufzte ich schwer und schrieb an die kleine Schweizer Manufaktur ob ich die Uhr wohl einschicken könne. Fast zeitgleich als James Cox in England für seine mechanischen Wunderwerke, Weltruhm erlangte, nahm auch die Schweizer Manufaktur ihre Arbeit auf. Zwar gibt es eine Philosophie der Beschleunigung und allerhand Ratgeber wie man Zeit einteilt oder Zeitverschwendung in Grenzen hält aber niemand ordert mehr einen ganz in Gold gefassten Schwan, der in erratischen Abständen mit den Flügeln schlägt oder einen goldenen Fisch aufpickt. Allenfalls gilt eine als solche Apparatur als Kuriosität vergangener Tage. Christoph Ransmayr aber erfindet die Zeit noch einmal neu und auch wenn James Cox selbst niemals am Hofe Qianlongs des wohl berühmtesten der chinesischen Kaiser gewesen ist, so hätte er es sehr gut sein können. Die Reise aber lang und gefährlich führt den Reisenden und seine Handwerker zunächst einmal aus der ihren bekannten Zeit hinaus und hinein in das chinesische Kaisertum. Hier wird dem Fall einer Schneeflocke eine ebenso große Bedeutung beigemessen wie bewaffneten Unruhen in fernen Provinzen. Denn wo der Kaiser ist vergeht Zeit und vergeht doch nicht. Die Zeit über die die Kaiser herrscht hat nichts Profanes an sich, sondern macht sich selbst zur Messlatte, die das Leben der Untertanen ganz jenseits von messbaren Einheiten bestimmt. Cox selbst lebt in der Trauer um seine Tochter und die verstummte Frau und so vergeht Zeit in den unendlichen Gängen der Verbotenen Stadt und in der eigenes für die Reisenden eingerichteten Werkstatt bevor der Kaiser James Cox, der im Buch Alistair heißt zu sich ruft, eine Uhr will er haben, welche die Zeit von Kindern misst. Alistair Cox wird sie bauen und die Uhr wird keine Zeiger haben und auch kein Stundglas sein, sondern versuchen die Kindheit als Zeitraum ganz eigener Größe festzuhalten. Der Kaiser aber setzt der Zeit auch ein Ende und die zweite Uhr, die er fordert, soll die Zeit, die einem zum Tode verurteilten noch zum Leben bleibt messen und Cox wird auch die Zeit bis zum Schafott für den Kaiser messen, der auch der Herr der Zehntausend Jahre ist. Cox und seine Gefährten werden durch Schnee und Eis zu jener Mauer reiten, die für das chinesische Kaisertum schließlich auch vermisst wo die Zivilisation endet und die Barbarei beginnt. Wieder vergeht Zeit, denn nicht der Kalender, sondern der Kaiser bestimmt wann Sommer ist und schließlich reist der Hof von Peking aus in die Berge. Einer der Engländer kommt zu Fall und für einen Tag und eine Nacht lang steht die Zeit still. Im Sommerpalast aber scheint es, dass der Kaiser selbst der unendlichen Zeit der Dynastie zu entkommen sucht und liebt und spricht und schreibt wie es sonst nie geschehen darf. Die Meister aus England aber beginnen die Arbeit an der dritten Uhr, die laut des Willens des Kaisers niemals stillstehen soll und so selbst die Unendlichkeit, diese niemals messbare Größe miteinberechnen soll in ihren Lauf. Es ist die gefährlichste Uhr denn ihre Ewigkeit misst das Unaussprechliche: das Ende des Kaisers. Mit Staunen und Wunder lässt sich diese große Buch lesen, dass noch einmal so nah es nur geht in das 18. Jahrhundert zurückführt und uns an die Schwelle treten lässt in der die Zeit voller Geheimnis war und keineswegs nur ein tickender Zeiger oder ein klingelnder Wecker. Was misst die Zeit eigentlich und woran werden wir uns wohl messen lassen müssen, besehen wir die eigene Lebensuhr? Qianlong schließlich der einzige der seine Regentschaft freiwillig beendete war ein leidenschaftlicher Uhrensammler und vielleicht war es eine der Uhren James Cox’ die in ihm die Erkenntnis hatte wachsen lassen, dass niemand keine Uhr und auch kein unsterblicher Kaiser, die Zeit zu beherrschen mag. Christoph Ransmyr aber hat einen Roman geschrieben der weit über die Zeit hinausgeht und die Zeit wieder in etwas erstaunlich Geheimnisvolles und niemals Profanes verwandeln zu mag. Die kleine Schweizer Manufaktur übrigens will die Uhr gern reparieren. Es sei nur eine Frage der Zeit.

Christoph Ransmayr, Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer Verlag 2016, 22 Euro