Sonntag

Das Meer ist wild und wirklich kalt. Das Meer ist aber auch pastellfarben und der Himmel ist so milde, wie er es in Irland nur im November ist. Im Sommer liegt im Himmel immer eine kalte Härte, aber im späten Herbst ist der Himmel zahm und blütenblau. Aber das Wasser ist wirklich kalt und ich habe ziemlich blaue Lippen. Lieber nicht allzu lange am Meer entlang gewandert, denn selbst die Möwen sehen ziemlich verstört herüber nähert sich ein Klabauterfräulein mit klappernden Zähnen und Blaubeerlippen. Eine Muschel finden, die aussieht wie eine Trompete, ganz fest halte ich sie mir ans Ohr, bevor ich durch Dünengras und Heidekraut klappernd und zitternd zurück ins Oberland steige.

Zuhaus noch einmal unter die Decken kriechen und geduldig warten, bis der Tierarzt erst ein, dann zwei und dreimal mit den Wimpern klimpert. „Tierarzt“, sage ich, sieh mal eine Trompetenmuschel. Der Tierarzt sieht mich nur mäßig begeistert an und sucht vor meinen kalten Füßen zu fliehen. „Tierarzt sage ich, es ist nämlich so: schon seit Tagen vor unserer Zeit sammelt Neptun tief unten auf dem Meeresgrund in den langen und schäumenden Novembernächten das Unterwasserorchester um seinen Thron. Neben den berühmten Seetanggeigen und den Fischgrätencelli, treten die Krebse mit ihren Steintrommeln auf und während der Champagner in Strömen fließt, nähern sich die Plattfische dem Muschelthron und spielen „O Sole Mare“ auf den Trompetenmuscheln. Neptun selbst erhebt sich dann und singt in seinem vollen Bariton: „Keine Klippen sollt ihr missen/ Flut sei euer Untergang“ aus dem Liederbuch für Meeresbewohner und Seeungeheuer. In diesen Nächten Tierarzt schäumt das Meer lauter, um nicht zu sagen melodischer als sonst und am anderen Morgen schläft die ganze Unterwasserwelt und das Meer ist so pastell wie still. Der Tierarzt nimmt mir die Muschel aus den Händen, hält sie sich dicht ans Ohr und hört von fern noch einmal Neptun singen, schaurig- schön, vom Untergang und schwarzen Klippen.

Um ein Uhr kommt der Priester zum Sonntagstisch herüber. Der Priester hat einen Gast mit dabei. Einen ökumenischen Gast, denn der Gast ist evangelischer Pfarrer und aus Dresden. Der Tierarzt versucht sich an einer Kartoffel, ich verteile Roastbeef und Honigmöhren auf die Teller und der Pfarrer ist ausgesprochen angenehm, der Priester so zugewandt wie immer und der Tierarzt probiert zu dem noch die Honigmöhren und so sitzen wir im sonnigen Zimmer, die Standuhr tickt freundlich, die Katze schläft dekorativ und der Hund ist einmal bescheiden genug sich mit dem ihm zuggeteilten Stück Roastbeef zu begnügen und sabbert dem Gast nicht gierig auf die Schuh. Man reicht Flan mit Beeren zum Dessert, der Tierarzt brüht Tee und Kaffee und der Pfarrer sieht auf die Heine-Ausgabe, die auf dem Tisch neben dem Sofa liegt. Dann seufzt er und erzählt: er sei Pfarrer, das wüssten wir ja schon und er sei ein Pfarrer mit einem Hang zur Musik, seine Frau sei zudem Musiklehrerin und eines Tages sei er auf die Idee gekommen, Gedichte zu vertonen, Gedichte von Heine und Anderen und seine Frau habe diese von ihm vertonten Gedichte mit dem Schulchor einstudiert. Gefallen gefunden hätten diese vertonten Gedichte auch über die Schule hinaus und so sei eine Veranstaltungsreihe für andere Schulklassen anderer Gymnasien organisiert worden, um auch jene Schüler mit Musik und Gedichten zu erfreuen. Die erste Veranstaltung aber musste abgebrochen werden, die Schüler hätten so gelärmt und gestört, ihre Telefone mit schollernder Musik gegen das Schülerorchester in Stellung gebracht, die Sängerin mit Hohngelächter bedacht und schließlich Papierkügelchen auf die Bühne geschossen. Das Konzert wurde abgebrochen. Johlend verließen die Störer das Konzert, das zweite Konzert sei besser gegangen, aber auch nicht störungsfrei, das dritte und vierte Konzert aber hätten sie abgesagt. Das Orchester traute sich nicht mehr auf die Bühne, die Sängerin, eine Schülerin der zehnten Klasse, sei noch immer krank geschrieben. Der Pfarrer zuckt mit den Schultern und sieht verzweifelt aus, ein kostenloses Konzert mit vertonten Gedichten, sagt er und er sagt wie jemand der die Welt nicht mehr versteht. So sitzen wir da im sonnigen Zimmer und ich denke an die Kübel voll Wut und Verachtung, die für die Aufklärungssprechstunde über mich ausgegossen werden, die höhnischen Kommentare für die Postkarten an Mesale Tolu und Deniz Yücel: Scheißtypen, Scheißklaue, Du sowieso, besonders scheiße nur an zwei Gefangene zu schreiben und nicht an alle. Ich denke an all die Häme, die einem entgegenfliegt, wenn man Hygiene Kits an obdachlose Frauen verteilt, immer Verachtung, immer johlende Häme, immer hässliche Zoten, immer so weiter, immer so weiter. Zu keinem der Dinge, die ich mache, habe ich mehr Freude, dazu pfeift es zu laut und so wird man müde und müder und immer nur müder und lachend und munter pfeifen die johlenden Allesverächter und Jedenbeschimpfer. Der Pfarrer vertont keine Gedichte mehr, die Frau des Pfarrers gibt die Leitung des Schulorchesters ab, die Sängerin singt nicht mehr und bald verstauben dann auch die Geigenkästen.

Der Tierarzt kommt mit Tassen, der Teekanne und dem Kaffee zurück, ich hole die Dose mit den Keksen und der Tierarzt strahlt: „Sachsen German so sweet“, sagt er und nickt mir zu: „Did the pastor tell you a nice story in Sachsen German?“

Wir sitzen da schweigend und still, draußen vor dem Fenster fährt das Drei-Uhr Boot vorbei.

Verschiebungen

In der Nacht seltsame und verrätselte Träume. Ein Schwanenpaar fährt langsam rudernd über den See. Das Boot aber liegt schief, ist leck und schließlich verschwinden die Schwäne unter einer großen Wolke von Tauben, die sich erst über die Schwäne, das Boot und den See legen. Die Zukunft des Bootes, der Schwäne, ja selbst die des Sees erschien mir ungewiss. Mit Schüttelfrost aufgewacht.

Auch im Büro klebte noch immer die seltsame Nacht an mir. Ein Maler mit Leiter, Farbeimern und Folie, klopfte an meine Tür.

„Ich soll hier die Wand streichen“, sagt er.
 
„Wir haben keinen Maler bestellt“, sage ich.

„Die Wand hier soll ich streichen“, wiederholt er.

„Hier soll nirgendwo eine Wand gestrichen werden“, wiederhole ich.

Er beginnt in ein Telefon zu schreien. Ich sehe durch alle Kalender befrage die Auszubildende und rufe die J. an. Niemand hat einen Maler bestellt, niemand weiß etwas von einem Maler, keine Wand soll neue Farbe bekommen.

Der Maler steht breitbeinig vor mir und wiederholt sein Anliegen auf grobe und gröbere Weise, die Packung mit der Folie fällt um. Ich beharre darauf keinen Maler bestellt zu haben, der Maler spuckt mir vor die Füße. „Verschwinden Soe“, sage ich und der Maler geht fluchend zur Tür heraus. Aus seinen Schuhen fallen grobe Mörtelbrocken. „Müssen Maler nicht saubere Schuhe haben?“, frage ich mich und denke dabei doch: was für eine dumme Frage das ist. Die Auszubildende heiße ich einen Kehrbesen holen und einmal tut sie etwas ganz ohne Gemaul.

„Ob es wohl wirklich falsche Maler gibt?“, frage ich mich, frage es die J., frage es schließlich die Polizei, der Beamte mahct sich unablässig Notizen.“ Man werde den Fall prüfen“, sagt er. Ich nicke und gehe davon. Wieder ist mir als gurrten die Tauben spöttischer als sonst. Ein Mann spricht vertieft mit einem Ahornbaum.

Das Institut riecht noch immer nach dem Maler, der Farbe und seinem sauren Atem. Ich mache die Fenster auf. Sofort frieren die Auszubildende, die Fellows, nur der Schriftsteller macht Atemübungen am Fenster.

Früher nach Haus als gewöhnlich. Erleichtert endlich einmal das Dorf wenigstens im letzten Tageslicht zu sehen. Sonst gehe ich vor der Dämmerung und komme mit der Dunkelheit heim. Ich setzte mich auf das Fensterbrett, sehe auf das Meer hinaus und als der Tee fast trinkbar ist, klingelt das Telefon.

„Mädchen?“, sagt der Tierarzt bist du daheim?“

„Ja“, sage ich und lege den Kopf auf meine Knie. Den Tierarzt kann ich kaum verstehen, es rauscht und gurgelt am anderen Ende des Telefons. Aber dann höre ich ihn doch, oder anders ich höre, dass ich kommen soll. Warum verstehe ich nicht. Ich borge mir das Auto des Priesters, ziehe mir Gummistiefel an und fahre um Kurven und Ecken, durch andere Dörfer, tiefer in das Land hinein, lasse das Meer hinter mir, eine Tannenschonung, Koppeln, Weiden, auf einem Hof steht der alte Volvo des Tierarztes. Neben dem Tierarzt steht ein alter Mann: „Ich habe sie geliebt“, sagt er und ich frage den Tierarzt: „Was ist passiert?“ Ein Kuh habe sich erschrocken, sagt er und zeigt auf den Weiher, ausgegeglitten sei die Kuh auf der in der Nacht überfrorenen Weide schließlich eingebrochen im dunklen Teich und käme nicht mehr heraus. Er und der Bauer seinen zu schwach und zu alt, um die Kuh aus dem Teich heraus zu befördern. Der Tierarzt schämt sich seiner Schwäche, der alte Bauer sieht auf seine müden Hände, ich wundere mich, ob nicht zwei Schwäne über dem Teich aufsteigen, dann verwerfe ich das Bild und wir gehen hinüber zur brüllenden Kuh. Die Kuh erscheint mir größer als gewöhnliche Kühe, so als hätte das Wasser die Kuh aufgeschwemmt, ein groteskes verzogenes Spiegelbild und ich fürchte mich vor der Kuh und dem dunklen Teich. Der Bauer redet auf die Kuh ein und der Tierarzt und ich überlegen wie wir wohl eine Arte Seilwinde um die Kuh bekämen, der Tierarzt steigt in den Teich hinein und vor meinen Augen verwandelt sich die Kuh in den lecken Kahn meiner Träume. Der Tierarzt kehrt mit blutigen Händen zurück. Irgendwann muss einmal ein Pflug im Teich versenkt worden sein, jetzt aber ist das rostige Metall zum Verhängnis der Kuh geworden. Die Kuh hat aufgehört zu brüllen und die Kuh ist tot. Wir steigen zu dritt in den schlammigen Weiher und schleifen die Kuh ans Ufer. Blutgetränkt und Schlammverschmiert. Die Kuh nicht mehr zu unterscheiden vom dunklen Ufer, wir nicht mehr zu unterscheiden von der Kuh. Der Bauer ruft den Abdecker, der Abdecker ist eigentlich ein Tierkörperverwertungs-Unternehmen. Ich fürchte mich vor unseren Spiegelbildern. Der Bauer gibt mir Sachen seiner toten Frau. Die Sachen riechen nach Mottenpulver, Tieren und der toten Frau. Der Bauer umarmt den Tierarzt, mich und nach vielen Papieren fahren wir endlich nach Hause, ich fahre dem roten Volvo hinterher. „Danke Priester“, sage ich und dann lege ich die Sachen der toten Frau sorgfältig zusammen. Warmes Wasser, kaltes Wasser, ich krieche in einen Tierarztpullover, der Tierarzt wickelt sich in meinen Schal. Der Tierarztpullover ist dunkelblau, der Schal ist gelb, der Tierarzt schiebt seine Finger zwischen meine Rippen. Der Tee ist lange schon kalt, das Haus ist kalt und ich stelle die Heizung an. Leises Gluckern, ein Kahn der leck schlägt denke ich, sehe noch einmal die Schwäne, die Tauben und den dunklen See. Dann schlafe ich ein.

Handtuchhalter

Die Auszubildende schreit: „Fräulein read On, Fräulein Read on, ich habe gelauscht und die D. hat zur G. gesagt: Really this stubborn Read On, she needs to get a personal life ASAP.“ Die Auszubildende lacht triumphierend. „Fräulein Read On, Fräulein Read On, ich habe es ganz genau gehört, das hat sie wirklich gesagt die D. und was heißt eigentlich ASAP?“

Auszubildende sage ich: „I am a person and I am alive, die D. hat also keinen Grund zur Sorge. Sie sollten nicht lauschen. Lauschen leiert die Ohren aus.“ Die Auszubildende flieht unter Geheul ins Badezimmer um sich ihre Ohren ganz genau zu besehen. „Bitte gießen und ertränken Sie die Blumen nicht“, rufe ich ihr hinterher. Die J. hängt an den Orchideen. Aus dem Badezimmer ertönt lauteres Geheul. „Sie sind der gemeinste Mensch der Welt.“

 
Aber da bin ich schon weiter. Im Keller des Institutes befindet sich eine Dusche, denn wer kennt es nicht: Man sitzt am Schreibtisch und denkt nach, schon perlt der Schweiß an der Stirn herunter, heiße Schauer jagen über den geplagten Fellowrücken, man eilt zur Dusche hinunter und braust sich gründlich ab. Ich wäre die Letzte, die einem Fellow das Duschglück verweigert und so habe ich zwei Jahre lang, zweimal in der Woche schimmelnde Handtücher, Damen wie Herren-Rasierer, leeres Duschgel und Shampoo in schwarzen Müllsäcken entsorgt. Manchmal überkommt mich aber auch ein pädagogischer Impuls, das Gefühl doch noch einmal die Welt zum Besseren und Guten hin zu verändern. Achtsamkeit, Fürsorge, Miteinander sind das nicht die großen Begriffe unserer Zeit? ( Eigentlich aber war ich nur berufsbedingt in Berlin und konnte nicht zum schwarzen Müllsack greifen.) In meinem unbändigen Optimismus, denn wir hatten ja schon festgestellt, dass ich sowohl person als auch alive bin, glaubte ich die Fellows würden sich das Handtuch über die Schultern schwingen, die Rasierer wegwerfen und die Shampooflaschen entsorgen, natürlich irrte ich mich. Als ich bei meiner Rückkehr die Dusche inspizierte, faulten sechs Badetücher auf den Fliesen, schlitterte ich über gebrauchte Rasierer und sammelte sieben Shampooflaschen ein.

Um elf Uhr versammeln sich die Fellows zu Kaffee und Gebäck und sind dazu angeregt Lob und Kritik auszusprechen, Verbesserungswünsche vorzutragen und überhaupt zu berichten, wie sie sich fühlen im Elfenbeinturm. Aber alles auch Kaffee und Gebäck kommt zu einem Preis und die Fellows müssen ertragen, dass auch ich sie mit Lob überschütte und Kritik antrage. Ich preise also die kluge Begabtheit der Fellows, lobe ihre soziale Kompetenz, den Gemeinschaftssinn, die angestrengte Suche nach der Weltformel und natürlich auch die sauber gebrausten Rücken und Denkerstirnen. Dann hole ich die vergorenen Handtücher aus dem Beutel und erinnere die Fellows daran, dass jeder für sein Handtuch, Rasierer und Schaumbad selbst zuständig ist. Natürlich hat niemand sein Handtuch dort fallen lassen, niemand den Rasierer in die Ecke geworfen oder gar eine Flasche zurückgelassen. Zeter und Mordio. Ich nicke und weiß doch, dass ich übermorgen schon wieder Handtücher auflesen werde.

 
Manchmal frage ich mich, ob die Fellows wohl alle im Schloss aufgewachsen sind, wo stets ein Diener hinter ihnen stand, streiften sie auch nur den Pantoffel ab, oder ob alle Privilegien ihren Preis haben und wenn es nur der ist, ist endlich einmal so ganz nach Herren oder Damenart zu leben. Im übrigen brauchen die Fellows viel Zuwendung und immer wieder neues Kümmern: Einen Toaster wünschen die Fellows um Brote zu grillen, vor meinem inneren Auge steigen kohlende Brote auf, der Feueralarm geht an und bald schon balgen sich Ratten und Mäuse um Käsebrotkrümel. Aber das allein ist es nicht oder jedenfalls nichts nur: denn die Fellows fühlen sich überfordert von dem was das Institut bietet und erwartet. Einen jour fixe zum Beispiel, aber da sind sie oft müde oder der Elektrosmog macht ihnen zu schaffen. Vorträge interessierten sie schon, aber woher sollen sie denn wissen, ob die Vorträge wirklich gut sind oder mehr so mau und workshops für Karriereoptionen täten sie schon gern besuchen, aber da müsse man sich halt immer voranmelden und woher solle man schon wissen, ob man da nicht lieber einen Freund oder gar die liebe Grete träfe. Meine Ausführungen darüber, dass ein Lebenslaufoptimierungsmeister eben nicht auf Zuruf erschient, sondern gebeten werden will, hören sie wohl an, aber Glauben schenken sie dem nicht. In ihrer Welt glaube ich manchmal, sind sie wirklich ganz allein und immer erster, immer bester und immer zählen sie allein.

Dann geht es um einen Spieleabend zwecks besseren Kennenlernens in druckfreier Atmosphäre und ich nehme die post-ist mit „Toaster, aber dalli“ und „gestern war der Kaffee zu schwach“ von den Wänden und lege sie zu den vielen anderen und immer ähnlichen Zetteln und überlasse die Fellows bei Kaffee und Gebäck sich selbst.

Nur den B. nehme ich zur Seite. „B. sage ich man hat mir zugetragen, dass Du die Toilettentüren bei Benutzung nicht schließt, sollte dies der Fall sein, so schließe doch bitte die Tür. Der B. sieht mich verwundert an: „aber das ist doch ganz natürlich, ich schließe niemals die Tür.“ „B. sage ich, dass war keine Bitte, keine Frage, sondern ein Punkt. Tür zu.“

 
Der Schriftsteller passt mich an der Tür ab. „Fräulein Read On“ krächzt er, -denn ich glaube so stellt er Hemingway vor-, die Sache mit den Handtüchern: I felt so alive. It was gruesome, but so awakening. An epiphany.
„Ich wollte ihnen das hier geben Fräulein Read On“, der Schriftseller überreicht mir das Bild eines Hahnes und unter das Bild hat er einen Vers geschrieben. „Schön“, sage ich. Danke, Schriftsteller. Der Schriftsteller dreht sich um, da steht aber nur die Auszubildende und er nickt ihr zu: „What a time to be alive.“

 
Dann rette ich die Orchideen vor dem Ertrinken. Telefoniere mit dem Klempner, organisiere Organisatorisches, renne treppauf und treppab und treffe schließlich die J, die beste Chefin der Welt. Sie sagt: „Du Read On, muss ich mir Sorgen machen?“ Wegen der Handtücher, liebe J? Nein, die habe ich schon entsorgt.“
„Nein, nicht der Handtücher wegen.“ Die Auszubildende hat der erzählt, dass du mit dem Schriftsteller ein neues Leben auf einer Hühnerfarm beginnen willst.“

„Gut zu wissen“, sage ich und die J. lacht „ASAP hat die Auszubildende gesagt“,kommst Du mit?“, frage ich die J. und die J. wäre nicht die J. würde sie nicht nicken und sagen: „Nie wieder nasse Handtücher in der Dusche.“

 

Sonntag

„„Komm“ sagt der Tierarzt, die Sonne scheint. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. „Komm“, sagt der Tierarzt, Du bist doch das Mädchen, das den Sommer sucht.“ „Ich bin so müde“, will ich sagen, aber der Tierarzt zieht schon die Decke weg. „Komm“, sagt er und zieht mich hoch. Gliederpuppentaumelei. Der Tierarzt hält mir Kleid und dicke Strümpfe hin, mir tropft noch Wasser aus den Augen und den Armen. „Komm“, sagt der Tierarzt, wickelt mich in Schal und Wetterfleck und zieht mich aus der Tür heraus. Wirklich, vor der Tür ist Sonnenschein. „Komm“, sagt der Tierarzt wir klettern am Kliff hinunter. Schon stapfen wir durch die Heide, halten uns fest an den Steinen und am struppigen Dünengras, der Wind fährt uns durch die Haare. Wirklich die Sonne scheint, es glitzert der Himmel, der Wind spielt Sommerlieder auf einer blauen Mandoline und das Meer rollt flaschengrün an den Strand heran. „Tierarzt“, sage ich die Sonne scheint. Der Tierarzt lacht und taumelt meerestrunken an den Wasserrand. „Für Dich ist das Badewetter“, sagt er und ich nicke, denn bei solchem Wetter kann man nicht am Strand verharren und schon fliegen Kleid und dicke Strümpfe, Wetterfleck, Schal wie Schuhe in den weißen Sand . Augen zu und dann nehmen mich die Wellen mit, tief hinein und atemlos, taube Arme, taube Füße und doch wogt das Meer, kalt und klar und wunderbar. Das Meer greift nach der Müdigkeit und ich wünschte es würde auch nach der Nachtschicht zwischen meinen Rippen fassen, aber das bleibt auch im schäumenden Novembermeer leider Wunsch und niemals Wirklichkeit. Der Tierarzt lacht und lacht, lacht mit Wind und Sonnenschein, lacht flaschengrün und sommerhell und wickelt mich in ein dickes Handtuch ein. Ein lachender Schatten und ein Fräulein mit klappernden Zähnen wandern weiter am Meer, Muscheln knirschen unter unseren Füßen, der Tierarzt trägt einen Krebs ins Wasser zurück und wie immer suche ich nach einer Muschel mit der man das Meer hören kann, aber ich lege alle Muscheln wieder zurück, vielleicht findet man eine solche Muscheln niemals oder nur einmal im Leben. Hunde wie Kinder rennen zum Meer, die Hunde sind schneller, Kinder wie Hunde aber furchtlos und frei, das Meer ist mit Hunden wie Kindern geduldig und die Kinder werden bestimmt einmal Novembermeerschwimmer, denn schon fliegen die Gummistiefel davon, das Meer braucht freie Füße. Wir aber wandern durch Priele, klettern über die Schieferfelsen, der Tierarzt sucht einen blanken Stein, aber die blanken Steine verstecken sich gut, dafür Möwengeschrei und der Wind hält sich an unseren Ohrläppchen fest. Er lacht der Wind und der Tierarzt und ich fallen in den Sand hinein. Der Sand legt sich zwischen Haare und Zähne, fährt uns in die Haare, aber ist der Sand nicht dafür gemacht, der Tierarzt malt Sonnenkringel mit dem Zeigefinger, ich schreibe zwei Karten auf seinem Rücken. Dann ist mein Zähne klappern lauter als der Wind mit seinem Liederbuch und wir wandern in Schlangenlinien Richtung Dorf am Meer entlang.

„Weißt Du was?“, sagt der Tierarzt.

„Ich weiß nichts“, sage ich.

„Mädchen, nur Kälbchen ist noch verrätselter als Du.“

„Das wusste ich Tierarzt, das wusste ich wirklich.“

„Als Du schliefest heute am Morgen, da habe ich meinen Account bei Seriöse Singles gelöscht.“ Genau heute vor einem Jahr habe ich den dort angelegt.“

„Ich wusste gar nicht, dass Du einen Account bei Seriöse Singles hattest, Tierarzt.“

„Ich war so allein und Du warst so aussichtslos.“

„Ich dachte Du seist in die B. verliebt.“

„Wer ist die B?“

„Und sage ich, gibt es schöne Frauen bei Seriöse Singles?“

„Bestimmt“, sagt der Tierarzt.

„Bestimmt?“, frage ich.

Ich habe niemals nachgesehen, denn Du hast gesagt: Komm“ sagt der Tierarzt.“

„Ich habe wirklich: Komm gesagt?“

„Oh ja“, sagt der Tierarzt. „Kälbchen und Du ihr seid euch so ähnlich.“

Dann klettern wir das Kliff hinauf, Hände im Heidekraut und der Dünenhafer an den Beinen, der Wind weht, Sonnenstrahlen tanzen auf der Nasenspitze, der Tierarzt lacht und lacht und lacht, kann nicht aufhören zu lachen. Selbst das Heidekraut kichert über so viel Tierarztheiterkeit.

Zuhause dann warmes Wasser, gegen die klappernden Zähne, auch ins Bad fällt Sonnenlicht, und endlich habe ich wieder warme Füße.

„Mädchen, willst Du Deine Regenbluse?“, fragt der Tierarzt.

„Ich will eigentlich zurück ins Bett“, sage ich.

„Später, Mädchen, später, wir fahren zum Tee ins Grandhotel.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Komm Mädchen, komm.“

Im Grandhotel tanzen alte Pärchen Foxtrott und vor uns wogt das Meer, noch immer sommerblau, der Himmel ist noch immer himmelblau, die Sonne lacht uns strahlt und nur der Tierarzt strahlt ein bisschen mehr.

„Du hast nicht einziges Mal nachgesehen, bei Seriöse Singles?“

„Vielleicht hat die Kälberkönigin von Kerry dort auch ein Profil?“

„Nein, sagt der Tierarzt, nein, nein, nein.“

„Komm Mädchen, tanz mit mir.“ Komm Mädchen, komm.“

Im Konzert

Klassische Konzerte sind das Vorhersehbarste der Welt. Klassische Konzerte laufen immer gleich ab. Ein Orchester zieht sich schwarze Röcke, Kleider und Anzüge an. Der Dirigent trägt einen Frack. Die erste Geige wird vom Dirigenten begrüßt, der Dirigent steht an einem Pult und oft, aber nicht immer hat er einen Taktstock in der Hand. Auf den Pulten liegen Notenblätter, im Foyer ertönt ein Gong. Klassische Konzertbesucher tragen zwar nicht mehr schwarz, aber oft Perlenketten und einen Rock. Man kennt sich, man weiß, dass Frau B. aus Reihe H bei ihrer Schwester in Tipperary ist und der Herr G. aus Block A diese Woche eine Oper in London hört. Konzertbesucher nicken sich freundlich zu und sagen so Sachen wie: „Also der Beethoven…“, Nein, was für eine Rachmaninov-Interpretation“ und das letzte Mal habe ich die Dritte im Januar gehört.“ Wird jemand von bösem Husten geschüttelt, reicht man Bonbons, und überhaupt wäre der Weltfrieden nah, wäre die Welt ein Konzert, denn selbst das scheußliche Kleid der ersten Geige wird mit zarter Freundlichkeit übersehen und lieber blättert man leise im Programmheft als frevelhafte Kommentare abzugeben. Niemand würde im Konzert auf die Idee kommen aufzustehen und zu rufen: What about da beat m*therf*cker und als in Schwarzenberg /Österreich tatsächlich ein Mann Ian Bostridge, den vielleicht größten lebenden Schubert Interpreten anpöbelte und schnauzte: „Deutsch lernen„, da war das ein Skandal, für den Mick Jagger achtzig Hotelzimmer zerlegen musste und ich bin nicht sicher ob wir uns von der Stille wirklich erholen, die da einbrach.

Aber das ist ein anderes Thema, denn klassische Konzerte sind noch immer so wunderbar vorsehbar, sind ein eigenes Uhrwerk und keine Uhr mag ich lieber, als das sanfte Gleiten in einen Konzertabend hinein, in dem wohligen Gefühl, sich um nichts anderes Kümmern zu müssen als um die Musik und so sitze ich auch am gestrigen Abend auf meinem angestammten Platz, konversiere mit meinem Nachbarn über Wittgenstein und die Musik- Konzertgespräche sind die schönsten Gespräche- blättere im Programmheft, schalte das Telefon aus und bedauere den Tierarzt von Herzen, der in einem abgedunkelten Raum sitzt und einen Film namens Thor sieht. Ich glaube es geht darum, dass ein Mann der nicht Thor ist, einen Hammer übergezogen bekommt.

Schon gongt es ein letztes Mal und das Konzert beginnt mit Manuel de Fallas: Nights in the Gardens of Spain und ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal in Granada das Wohnhaus de Fallas besichtigt habe, niemand sonst war in dem kleinen Museum, nur ein einsamer Wärter, der mich auf de Fallas Klavier spielen ließ und die Augen schloss, so lange ich spielte, den Deckel aber klappte er selbst herunter, denn er war der Wächter und Wärter des Hauses und ich stand lange am Fenster denn de Falla blickte aus seinem Haus auf die Alhambra und den Garten hinaus. Der Wächter und ich schwiegen. Aber gestern Abend, so ist das manchmal, da fand ich nur schwer hinein in das Stück, suchte mich vielleicht zu sehr zu erinnern an die Alhambra und das stille Haus, ich fand das Orchester zu laut und das Klavier zu schrill, aber mehr war es auch nicht und vielleicht war auch ich nur zu unkonzentriert, zu müde von zu langen Tagen.
Behalten habe ich fast nichts von dem Stück und das grämt mich, aber es ist nicht zu ändern.

Aber dann kommt Maurice Ravels Klavierkonzert für die linke Hand in D-Dur und der Pianist Jorge Federico Osorio spielt dieses Stück mit ungeheurer Leichtlebigkeit, mit einer Eleganz, die Ravel erstaunt hätte und anders als noch bei de Falla hören das Klavier und das Orchester einander staunend zu und zum Staunen ist dieses Klavierkonzert wirklich, denn Ravel schrieb es doch für Paul Wittgenstein, dem man den Arm abgeschossen hatte, im ersten großen Krieg. Wissen das diejenigen, die immer schreien: Männer sollen im Krieg kämpfen? Das ist der Krieg und der Pianist Paul Wittegenstein, hatte keine rechte Hand mehr, aber er war doch Pianist und Jorge Federico Osorio lässt uns ahnen, wie der Verlust klingen kann, denn das Konzert ist ein einziger großer Phantomschmerz. Wer weiß schon ob Paul Wittgenstein jemals wieder aufhörte von diesem verlorenen Arm zu träumen, aber wir träumen mit und als der Pianist endet, da erhebt sich tosender Applaus und wir alle stehen auf und verneigen uns vor dem Pianisten. Dann aber beginnt das Ungewöhnliche dieses Abends, denn nromalerweise nehmen Pianisten oder Solo-Violinen den Applaus entegegen und manchmal gibt es eine Zugabe dazu, aber niemals würde ein Konzertpublikum einen Künstler zur Zugabe zwingen und noch viel, viel seltener dreht der Pianist sich zum Publikum um und agt: Ich möchte eine Zugabe spielen.” Wir sind natürlich hellauf begeistert und der Pianist sieht uns an und hebt seine Hände, die strapazierte Linke und die verschwundene Rechte, sie erinnern sich Paul Wittgenstein- und die linek Hand zittert und für einen Moment erzählt die Hand des Pianisten die Geschichten aller Kriege. Dann spielt er Debussy’s Cathedrale d’egloutine und spielt es zum Weinen schön mit beiden Händen.

Nach der Pause alle sitzen schon wieder, da gibt es Carl Nielsens Fünfte Symphonie, auch ein Stück aus dem ersten, großen Krieg unangenehm hellsichtig und klar. Ich mag Nielsen und ich mag seine Orchester-Besetzungen, die oft ungewöhnlich, aber immer präzise sind. Sechs Kontrabässe zähle ich und so viele Blechinstrumente, dass selbst Richard Wagner blass um die Nasenspitze würde.
Nielsen war ein spöttischer Verweigerer aller Erklärereien und so hat man in der Symphonie Sisyphos gehört oder auch nicht. Aber ich höre den Krieg und auch Carl Nielsen muss den Krieg gehört haben, denn er ist in einer Militärkappelle zum Musiker geworden. Aber das allein ist es nicht, sondern es ist eine Musik, die nicht zurückweicht vor dem Krieg und wir tun es auch nicht, denn wir sitzen ja im Konzert und manchmal muss ich die Augen schließen. Musik hat immer etwas Unhaushaltbares an sich. Dann endet das Konzert und weil es ein klassiches Konzert ist fliegen keine Bierflaschen auf die Bühne sondern man klatscht und überlegt wo man die Garderobennummer eigentlich hingetan hat und dann passiert etwas, was in klassichen Konzerten nicht passiert. Der Dirigient räuspert ( niemals räuspert sich ein Dirigient und spricht ) sich und sagt:

Guten Abend. Können Sie mich hören? Wir finden dies sei der Fall.
Man hat mir zugeragen der dänische Botschafter sei hier. ( Wir klatschen.)
Man hat mir zugetragen der Botschafter meines Landes Mexiko sei hier. ( Wir klatschen.)

Der Dirigient sagt: Wir haben heute Abend Musik aus Spanien, Frankreich und Dänemark gehört, aber Mexico haben wir ausgelassen. Nein, sagt der Dirigent, es ist kein einfaches Jahr gewesen für Mexico und dann spielt er mit dem Orchester ein José Pablo Moncayos Huapango. Wir alle haben die Garderobennummer vergessen und vergessen ahben wir auch, dass wir in Dublin sitzen, einer Stadt, die ziemlich weit weg ist von Mexico, wir haben auch vergesen, dass wir uns für Mexico nicht sonderlich interessieren, Drogentote und Naturkatastrophen und dann die Mauer, aber mehr auch nicht, und wirklich niemand außer Carlos Miguel Prieto, dem Dirigenten ist einegfallen, dass zu tun, was getan werden muss und er macht es, einfach so in einem klasssichen Konzert, in dem das Programm nicht einfach geändert wird, er schimpft nicht auf Trump, ist nicht bitter über unser Desinteresse ( vielleicht doch? ), sondern er erinnert uns daran, dass wir alle Mexico sind, das wir vor einem Jahr alle Mexico geworden sind, ob wir nun wollen oder nicht und dieser Dirgent macht die Fenster und Türen auf, lässt die Musik zu uns herein, macht das was wir alle hätten machen müssen, bevor es zu spät war, erinnert uns daran, dass die Stille hinter den Mauern immer lauter ist als der größte Schreihhals und wir, wir alle sind Mexico. Es braucht manchmal einen Dirigenten wie Carlos Miguel Prieto der uns daran erinnert, dass man im Konzert viel lernen kann, nur nichts über Musik und vielleicht deswegen und nur deswegen sind klassische Konzerte so unvorhersehbar, so aufregend und so großartig wunderbar wie wenig sonst. Wenn Sie nur zehn Minuten Zeit haben, zehn Minuten in denen auch Sie Mexico werden, dann hören Sie doch bitte ab 2:00 ( also Stunde, nicht Minute, es ist außergewöhnlich und außergewöhnlich berührend ), wenn Sie Zeit haben, dann lege ich Ihnen das ganze Konzert, was es hier für dreißig Tage gibt sehr an Ihr Herz.

Und wenn Sie einmal nach Granada kommen, dann besuchen sie doch Manuel de Falla und sehen hinüber in den Garten, den er allein zu Musik zu machen wusste.

Blanke Steine

Ich habe meine Großmutter begraben. Es war ein warmer Tag.
Das Grab meiner Großmutter ist auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin.
Meiner Großmutter war es gleich.
„Wenn Du meinst Kind“, sagte sie und immer sagte sie es spöttisch und zog die Mundwinkel nach oben.
Ich habe meine Großmutter begraben. Auf dem Stein steht ihr Name und ein hebräischer Satz.
Meine Großmutter hätte ihn nicht lesen können.
„Hebräisch ist keine Sprache, sondern eine Zumutung“ sagte sie.
Der Steinmetz brachte die Buchstaben spiegelverkehrt an.
Ich lachte und wusste, sie hätte lauter gelacht. „Das kommt davon, mein Kind.“ Der Steinmetz änderte die Buchstaben.
Ich fahre auf den Friedhof und wenn ich auf den Friedhof fahre, dann ziehe ich mit meinem Finger die Buchstaben ihres Namens nach.
Mein Großvater liegt nicht auf dem Jüdischen Friedhof von Berlin begraben. Sondern auf dem Friedhof der kleinen deutschen Stadt. Meine Großmutter pflanzte einen Rosenbusch.
Sie kaufte zwei Grabstellen. In der einen ist mein Großvater begraben, die andere Grabstelle aber ist leer. Ein Grabstein steht vor dem leeren Grab. Dort stehen die Namen der Eltern meiner Großmutter, meines Großvaters und ihrer Geschwister. Die Namen sind klein und fast unlesbar. Meine Großmutter und mein Großvater hatten viele Geschwister. Die Asche der Eltern wie die der Geschwister sind in Auschwitz, sind Maly-Trostenez, sind in Maidanek geblieben.
Als ich ein Kind war, da hieß mich meine Großmutter die Namen der Toten auswendig lernen. Ich stand vor ihrem Schreibtisch und sagte die Namen der Toten auf.
Am 9. November kniete mein Urgroßvater auf einer Straße und in seiner Hand hielt er eine Zahnbürste und er putzte die Straße mit der Zahnbürste und hinter den Gardinen standen die Leute und ich stelle mir vor wie sie sagten:
Da kniet der Jude und endlich kniet der Jude, möge er immer knien der Jude. Vielleicht sagten sie auch etwas ganz anderes, vielleicht sahen sie nicht auf die Straße, vielleicht suchten sie nach Beuteln, denn während mein Urgroßvater auf der Straße kniete, da kamen die Nachbarn, die an allen anderen Tagen zum Tee kamen, und nahmen sich, was ohnehin ihnen gehörte, sie holten das Silber und die Tischdecken und den Schmuck, den mein Urgroßvater meiner Urgroßmutter schenkte. Für jedes Kind schenkte er ihr eine Kette, einen Ring, ein Armband und meine Großmutter hatte fünf Schwestern. Vielleicht trägt heute eine Frau ja den Ring mit dem blauen Stein, den mein Urgroßvater seiner Frau schenkte und seine Frau legte ihm das Kind in den Arm und ich bin mir sicher, dass meine Großmutter schon damals spöttisch lächelte über den Ring. „Wenn Du meinst Vater, das es sein muss“, mag ihr Blick gesagt haben, denn so war ihr Verhältnis zur Welt und vielleicht tanzte er mit ihr auf dem Arm durch die Wohnung und lachte mit ihr und sang und tanzte.
Meine Großmutter sagte ihr Vater hatte einen aufrechten Gang.
Meine Großmutter sagte ihre Mutter hatte einen offenen Blick.
Dann schwieg meine Großmutter.
Meine Großmutter hatte ihre Eltern in Auschwitz aus den Augen verloren.
In der Straße in einem südlichen Vorort von Berlin liegen Stolpersteine auf dem Boden. Man muss aufpassen nicht auf die Steine zu treten. Im November liegt Laub auf den Steinen. Ich bin darüber sehr froh.
Am Morgen des 9. Novembers lese ich überall Primo Levi Zitate und ich lese, dass der 9. November ein guter Tage wäre die Stolpersteine zu putzen und dann lese ich, dass sich das Reinigungsmittel Domol ( Für strahlenden Glanz, ohne nachzupolieren) besonders gut eigne um die Steine zu reinigen und dann höre ich auf zu lesen.
Das einzige Bild, was ich von meinem Urgroßvater habe zeigt einen Mann auf den Knien, er trägt einen Anzug und sein Hut liegt neben ihm auf dem Boden und ihm herum da sieht man nur Schuhe. Lederschuhe, Halbschuhe, Kinderschuhe, Damenschuhe, Soldatenstiefel, sie alle stehen vor meinem Urgroßvater mit der Zahnbürste in der Hand und er putzt die Straße.
Ich weiß nicht ob man den Juden da auf der Straße auch ein Reinigungsmittel in die Hand gab zur Bürste.
Mein Urgroßvater hatte blutige Knie am Ende des Tages.
Ich weiß nicht ob die Straße sauberer war als zuvor.
Der Ort hatte keine Synagoge, die man anzünden konnte.
Jedes Jahr am 9. November sehe ich den Mann auf dem Bild.
Ich will ihm sagen: „Steh doch auf.“ Bitte steh doch auf.“
Warum steht er nicht auf?
Ist Dir kalt?, will ich sagen, ich will seine Hand nehmen, ich habe immer kalte Hände, ich will ihn hochziehen, aus diesem Bild herausziehen, komm doch näher, und ich will ihn fragen: erkennst du mich?“ Er kennt meinen Namen nicht.
Die Menschen auf dem Bild haben saubere, glänzende Schuhe.

Ich wünschte an jedem 9. November wäre es still, ich wünschte einmal nur wären wir mit unseren Toten allein, ich wünschte es gäbe keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchbänder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern können, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.
An keinem Tag wie am 9. November wünschte ich mir, ich könnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gründlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur stören im unbedingten Willen zu gedenken.
Ich wünschte es wäre einmal still und wenn es nur still genug wäre, so still, dass die Trauer einmal Platz hätte, meine Trauer nicht Ihre, vielleicht blickte er dann einmal auf, sähe mich an der Mann auf dem Bild, der mein Urgroßvater war, sähe mich an und ich sähe ihn. Ich möchte einmal nur seine Augen sehen, dann verschwänden die Schuhe, die Beine, die Zahnbürste, dann gäbe es nur ihn und mich und endlich wären wir allein.

Der Rosenbusch auf dem Friedhof der kleinen Stadt blüht noch immer. Der Mann auf dem Bild sieht mich nicht, er sieht die Steine und die Schuhe und die Zahnbürste in seiner rechten Hand.