Schaumbad

Am Küchenschrank hängt ein Zettel. Auf dem Zettel steht: TÜV, Volvo. Nicht vergessen. Drei Ausrufezeichen.Wann immer der Tierarzt eine Tasse aus dem Schrank nimmt, seufzt er. Der Tierarzt liebt den klapprigen, alten ,roten Volvo sehr. Auf der Liste der tierärztlichen Lieben steht ganz oben Kälbchen, dann folgt Stille und dann kommt der klapperige Volvo und irgendwo kurz bevor die Liste abreißt steht auch noch Mädchen. Der Tierarzt und der Volvo sind ähnlich unzertrennlich wie Stan und Olly und noch bevor ich den Tierarzt kennen lernte, wusste ich dass der Tierarzt im roten Volvo über die Dörfer klappert. Man erzählt, dass sogar die Tiger und Bären im Dubliner Zoo, Haltung annehmen, fährt der rote Volvo vor und der Tierarzt klettert mit Tierarztkoffer aus dem Wagen. Der Volvo und der Tierarzt sind unzertrennlich und als ich meinen Haustürschlüssel an den Tierarzt gab, erhielt auch ich Schlüsselgewalt über den Volvo. Sehr lange saßen wir im Auto und der Tierarzt sagte: „Volvo-Mädchen, Mädchen-Volvo. Ich deutete einen Knicks an und der Volvo akzeptierte mich als Co-Piloten. ( Ob es nun daran liegt, dass der Tierarzt mich dem treuen Gefährten vorstellte, oder mein Bedürfnis den Volvo immer mal wieder gründlich durchzusaugen, ist schwer zu entscheiden. Aber auch am Hang lässt der Volvo mich nie hängen. Ganze Generationen von Lämmern sind im Volvo geboren worden, Kälbchen ging im Volvo auf große Fahrt, eine Zebradame wurde im Volvo Mutter und die Hundehaare reichen garantiert zurück bis zu Christi Geburt. Der Volvo hat also viele Vorteile, ist heiß geliebt, und nur zwei Nachteile: er ist alt und wenn es sehr feucht ist, lässt sich die Beifahrertür nicht verschließen. Das ist an sich kein Problem, wer stiehlt schon ein altes Auto, das riecht wie eine fahrende Tierarztpraxis und nach von mir großzügig verteiltem Desinfektionsmittel? Einmal allerdings das sei nicht verschwiegen, gereichte das lose Türschloss dem Tierarzt doch zum Nachteil. Die Frau des Tierarzts hatte vor Jahr und Tag gesehen, wie der Tierarzt mein Haus verließ und fröhlich pfeifend den im Unterland geparkten Volvo auslöste und witterte Böses. Anderntags, es war im grauen Monat November, warf der Tierarzt die Tasche in den Kofferraum und neben ihm auf dem Beifahrersitz wartete die Tochter der Frau des Krämers. „She wanted to make a move at me, Mädchen“ sagte der Tierarzt und „I was quite taken aback.“ „This girl, Tierarzt, sagte ich, is in love with you since forever.“

Der Tierarzt bestellte von einem Händler in Hongkong ein neues Paar alter Volvo Schlösser und seitdem hat der Volvo nur noch ein Problem: er ist sehr alt und muss durch den TÜV. Letzte Woche war der Volvo in der Werkstatt zur Kur und heute begaben sich Tierarzt, Fräulein Read On und das treue Auto in den Waschsalon für Automobile. Ich sah ungefähr ungenau so aus, wie Karl Lagerfeld sich Menschen vorstellt, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben: Adidas Hosen mit Knöpfen an der Seite, Flip-Flops und ein indisches NAIK-statt Nike T-Shirt und auf meinem Schoss stand ein Eimer mit Hochglanzputzutensilien, die der Waschsalon bestimmt nicht vorrätig hat. ( Ich komme aus einer Familie preußischer Juden, ich komme vorbereitet. ) Dann also shampoonierten und polierten wir den treuen Gefährten. Wir wienerten die Scheiben, entkrusteten die Scheibenwischer, und der Tierarzt saugte mehre Löwenfelle aus den Polstern. Ich brachte Politur auf, hantierte mit einem Lackstift und der Volvo, ich schwöre, ich habe es selbst gehört, quiekte vor Freude und grunzte wie Kälbchen schrubbert der Tierarzt ihn mit dem Reisigbesen. Dann fiel mir auf, dass das Dach ja noch nicht glänzte wie eine Speckschwarte. Leider überfiel mich in diesem Moment auch der Übermut: Ich stieg auf einen umgedrehten Eimer und schwang mich auf das Dach und schrubbte das Dach. Der Schwamm indes hatte sich schon voller Wasser und Schaum gesogen und so war das Fräulein auf dem Dach ziemlich schnell sehr nass, aber alles für den Volvo, alles für den treuen, roten Gefährten des Tierarztes. Dann pfeift es vom Volvo her, da liege ich gerade auf dem Bauch und schrubbe die hintere Dachkante.

„Weißt Du Mädchen, sagt der Tierarzt, ich muss sagen, ich hatte es bis heute wirklich nicht mit so Fraue-Schaum-und Autoszenarien, aber ich muss sagen…
Weiter kommt der Tierarzt nicht: „Tierarzt sage ich, Du starrst mich doch nicht auf den Hintern, während ich den treuen, alten Volvo grundreinige?“ Der Tierarzt schweigt. Ich werfe den Schwamm nach ihm und der Tierarzt singtdieses entwürdigende Lied: Ich rutsche vom Autodach herunter, leider verliere ich dabei das Gleichgewicht, glitsche auf dem feuchten Schaum aus und lade mit Schwung im bereitgehaltenen Wassereimer. Es macht: Wuuusch und aus den Fluten steigt nicht Venus, sondern etwas was verdächtig einer Wasserratte ähnelt. ( Das bin ich.) Der Tierarzt versucht nicht zu lachen. Natürlich lacht er. Er lacht bis er rot anläuft. Mit ihm lachen alle anderen Besucher des Waschsalons und die Nachbarjungs auf der Mauer, lachen und pfeifen johlend. Karl Lagerfeld hätte keine Worte mehr für mich übrig. Tierarzt wird all das Kälbchen erzählen, wenn Kälbchen es weiß, wissen es morgen die Schafe und wenn die Schafe es wissen, weiß es am Samstag das ganze Dorf. Die Frau des Krämers wird es mich nie vergessen lassen, der Tierarzt lacht, ich setze mich tropfnass auf einen schwarzen, nassen Müllsack und versuche weiterzuatmen, überlege ob es statt eines Zeugenschutzprogrammes wohl auch ein Programm gibt, in denen die peinlichsten Menschen der Welt eine neue Identität annehmen können? Beim Dachrutschmanöver sind die Knöpfe der Adidas Hosen aufgesprungen und die Hose schlottert nass um meine Beine. Neben mir kichert der Tierarzt und ich rieche nach altem Öl und Putzmitteln. „Tierarzt, sage ich, wenn Du nicht sofort aufhörst zu lachen, dann kannst du heute Nacht im Auto schlafen.“ Der Tierarzt aber erklärt mir, dass er seit Jahren, noch nie, never, ever, so gelacht habe wie heute. „I am quite taken aback“, sage ich. Dann verschwinde ich ins Badezimmer. Morgen muss der Volvo zum TÜV, bitte beten sie zu ihren G*ttern, beschwören sie ihre Hausheiligen, nehmen sie ein Bad im Ganges, verbrennen sie Weihrauch, drücken sie alles was sie haben und noch mehr.

Der treue, alte, rote Volvo muss durch den TÜV. Ich brauche ein Fluchtfahrzeug, sollte die Frau des Krämers ein Bild von mir im Dorfladen aufhängen, auf denen ich in Adidas-Hosen und NAIK Shirt ein Autodach shampooniere. Es geht nicht mehr nur länger um das Fortleben des guten Autos, es geht um alles.

Woanders ist es auch schön.

Frau Casino fährt auf der deutschen Autobahn, aber diese, eine große deutsche Liebe ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Oder vielleicht hat es sie auch außer in deutschen Träumen und dem Magazin des ADAC auch nie gegeben?

Auf dem Meer braucht es Geduld.

Friederike sammelt Töne und Geschichten.

Nathan Englander hat aufgeschrieben, wie der Mob von Charlottesville an einem Tag etwas zerstört hat, was nicht einfach und vielleicht nie wieder zurückkommen wird.

Herr Giardino war in Schottland und nimmt uns mit und seine Bilder sind atemberaubend und sehr, sehr großartig. Lesen und staunen Sie.

Ohne Bücher geht es nicht. Schon gar nicht in Indien.

Ohne die alten Griechen aber auch nicht.

Der Tierarzt jedenfalls singt begeistert mit und er hat ja Recht, Ciaran Lavery singt so wie der irische Sommer ist, ein bisschen viel Regen, manchmal eine Handvoll Sonnnenstrahlen Hoffnung und immer viel zu schnell vorbei.

 

 

 

 

 

Mutter Indien

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Frau Rajasthani hat jetzt Whatsapp. Das heißt um 3.45 irischer Zeit scheppert mein Telefon, ich fahre hoch, wische auf dem treuen, alten iphone herum und sehe schlaftrunken in die Gesichter der versammelten Familie Rajasthani. Alle sind in orange-grün-weiß gekleidet und machen festliche Gesichter. Dann schreien Sie: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON! Ich versuche noch meine Haare aus dem Kopfkissen heraus zuheddern und vor allem an meine Brille zu gelangen, denn so sehe ich nur verschwommene Schatten. Herr Rajasthani hat in der Zwischenzeit aber schon den Fernseher angedreht und in ohrenbetäubender Lautstärke schallt aus Delhi: Vande Mataram ins Schlafzimmer herüber und wieder schreit Familie Rajasthani geschlossen: „HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON. Auch der Tierarzt, dessen Schlaf durch wenig zu erschüttern ist, fährt aus den Federn und weil Familie Rajasthani gerade in Schwung ist, tönt es: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBER TIERARZT, alles unterlegt mit Fernsehgesang. RADHE-RADHE, sage ich und habe endlich die Brille auf. Schlaft weiter ihr Lieben ruft Frau Rajasthani und ihre Schwiegermutter schwenkt ein indisches Papierfähnchen. „Ich rufe nachher an“, sage ich und falle zurück ins Kissen. Der Tierarzt sagt: Mädchen, was war das für ein Gesang im Hause deiner verehrten Rajasthanis?
Oh, Tierarzt sage ich, dass Vande Mataram ist eines der zentralen Lieder der indischen Unabhängigkeitsbewegung und war unter den Briten verboten, eigentlich aber ist es ein Loblied auf Bahat Mater, auf Mutter Indien.
Der Tierarzt so viel Patriotismus um 3. 45 Uhr nicht gewohnt, sieht mich verwundert an und ich singe natürlich inbrünstig, wenn auch a-capalla das Vande Mataram für ihn. Tierarzt und Hund starren mich an. Dann falle ich zurück ins Kissen.

Als ich aufstehe, schläft der Tierarzt selig weiter, und nur der Hund schlappt mir hinterher. In der Küche rufe ich Frau Rajasthani zurück. „Read On, sagt sie, ich glaube der Tierarzt ist Punjabi. Das Haar!!!“ Nur Punjabis haben solches Haar. „Frau Rajasthani, sage ich, der Tierarzt aus dem County Kerry und so irisch, wie Gandhi-ji niemals indisch war.“ Frau Rajasthani klingt nicht überzeugt. Sie seufzt: „Wir müssen zum Schulspiel.“ Am Unabhängigkeitstag, der in Indien zwar Feiertag ist, veranstalten die Schulen Theaterstücke, die den glorreichen Kampf gegen die Engländer nachahmen, alle schwitzen und schwenken Papierfähnchen und der Direktor hält eine Rede. Sohn Rajasthani spielt einen englischen Offizier und zeigt mir stolz die blaue Spielzeugpistole. „He drives me crazy with that blasted gun“ schreit Frau Rajasthani. „Wer spielt Gandhi-ji, frage ich?“ Frau Rajasthani knurrt böse: der Franzose. Ich muss kichern. „Der Direktor dieser Bandit, schnauft sie weiter, ist in die Französischlehrerin verliebt und schanzt dem Sohn, natürlich Gandhi-ji zu. Ich muss lauter kichern. Der Direktor der Schule nämlich ist ein Mann mit betelschwarzen Zähnen und einem Talent zu überlangen Reden über die süße Pflicht zum Tod für das Vaterland und dass ihn nun die Französischlehrerin aus Annecy um den Verstand bringt, ist eine zu schöne Vorstellung. „Süße, sagt Frau Rajasthani, dank Dir hat Töchterchen den Essaypreis gewonnen.“ Ich muss sehr lachen, denn jedes Jahr schreiben Tochter Rajasthani ein Essay über „I am proud to be an Indian“, und immer gewinnt Töchterchen Rajasthani und der Direktor liest den Text vor und Frau Rajasthani und Töchterchen Rajasthani husten in ihre Taschentücher, denn es ist doch zu komisch, dass ein heimatloser Jude über die Verpflichtung zu den Werten Gandhi-ji’s schreibt und der Narendra Modi-Direktor- Patriot über die Sanskrit Zitate stolpert. „Ich muss laufen“, sage ich und werfe Küsse ins Telefon. „Radhe-Radhe ruft Frau Rajasthani.

Dem Tierarzt stelle ich Porridge mit Zimt, Heidelbeeren und Orangenfilets hin. Der Tee kommt auf das Stövchen, neben dem Tee steht eine große Flasche Heidelbeer-Joghurt Smoothie als Mitgebsel für den tierärztlichen Tag und neben dem Smoothie steht ein Glas Sanddornsaft. Ein bisschen verstimmt richtet das Fräulein diese Dinge, denn gestern trank der Tierarzt weder Tee noch aß er den Porridge, der Smoothie blieb unberührt und am Sanddornsaft ward nur genippt. Das alles erfreut das Frühstücksfräulein nicht und noch weniger gern lässt sich das Fräulein als „verstockter Essenserpresser von gnadenloser Härte“ beschimpfen. So greift das Fräulein also zu Zettel und Stift und schreibt: „The best way to find yourself ist to have brekafast first.“ ( Read Ons Interpretation der berühmten Worte Gandhi-jis. Dann verlasse ich das Haus und für viele Stunden denke ich an andere Dinge als an Gandhi-ji und den indischen Unabhängigkeitstag.

Aber dann denke ich doch an A. Frau Rajasthani hat ja jetzt Whatsapp und schickt mir erst ein Bild des Direktors, dann dreißig Modi-Karikaturen und dann ein Video von A. A. spricht über die Tränen der Soldaten und Fahnen. A. bleibt meine große Wunde. A. mit dem ich nächtelang stritt und jahrelang verging kein Tag an dem ich nicht mit A. sprach. A., der mir nicht auswich, auch nicht wenn wir uns über die Häuserdächer hinweg stritten, über Indien und über das Indien Narendra Modis. Wir waren im Slum immer Kino und die Leute wetteten wer wohl wo nachgeben würde und irgendwann lachten wir und A. küsste mich oder ich küsste A. und dann küsste A. mich nicht mehr, sprach nicht mehr mit mir, und die letzte Email habe ich nicht zu Ende lesen können. A. glaubte, dass Indien starke Soldaten brauche und ich glaube, dass Indien starke Frauen braucht. A. glaubte an die Fahne in der Hand der Soldaten und ich sagte: „ich habe Soldaten nach ihrer Mutter schreien hören.“ A. verschloss sich die Ohren.
Ich starre auf A.’s Gesicht und noch immer möchte ich A. sagen, dass Bahat Mater und auch Narendra Modi ihn nicht lieben. Aber ich habe dich geliebt, möchte ich sagen, ich habe dich geliebt A., aber dann lege ich das Telefon aus der Hand.

Zuhause ist außer Hund und Katze noch niemand da und ich krame im Schuhkarton, auf dem Bild auf dem ich suche, ist die Slumklinik noch ein Resopaltisch und das Mädchen auf dem Bild, das bin wohl ich. Fremd bin ich mir geworden, wie ich da gegen eine Wand lehne und um mich herum stehen die Frauen und Kinder, deren Namen ich damals noch kaum kenne, ich kann zwei Wörter Hindi und auf dem Bild sehe ich aus, wie jemand der so schnell weglaufen will, wie er kann. Aber das Mädchen da auf dem Bild ist geblieben und wer weiß vielleicht sitzt sie ja auch heute gar nicht vor dem Bett, sondern steigt mit den Rajasthanis hinauf aufs Dach und sieht den Kindern beim Drachen steigen zu. Danke Bahat Mater, flüstert die Frau auf dem Fußboden, dass ich mit dir wachsen darf.“ Dann rapple ich mich hoch, und schneide Okkra. „Trinkst Du einen Chai?“ mit, frage ich den Tierarzt?“ Der Tierarzt nickt. „There is no god higher than chai“, sagt der Tierarzt und ich nicke. „Fast Gandhi-ji“ sagt er. „Mit Ingwer oder ohne, frage ich? „Lieber mit, sagt der Tierarzt“. „ Ich denke, vielleicht hat Frau Rajasthani doch Recht und der Tierarzt ist in Wirklichkeit Punjabi. Die Punjabis wollen immer Ingwer in den Tee. Radhe-Radhe.

Sonntag

Von der See zurückkommen. Kalt ist die See und alles schläft. Taube Fingerspitzen und taub trifft es vielleicht auch insgesamt sehr gut. Taube Fingerspitzen gegen die heiße Tasse Tee. Alles schläft, Dorf, Tierarzt, die Tiergemeinschaft, ich bin wach und meine Fingerspitzen geben der warmen Tasse nicht nach. 6.25 Uhr sagt die Uhr und ich wecke den Tierarzt. Der Tierarzt hat heute Notdienst. „Tierarzt“, sage ich und streiche ihm über die Stirn. Meine tauben Fingerspitzen tun den Rest. Der Tierarzt geht ins Bad und ich krieche in sein T-Shirt, meine Fingerspitzen liegen kalt gegen meine Rippen. Das Wasser rauscht und ich lege die Hände hinter dem Kopf zusammen. Wenn ich dich jetzt küsse, sagt der Tierarzt, höre ich nicht mehr auf“,und ich lege ihm die Finger auf die Lippen. Dann fällt die Tür ins Schloss und ich wickle mich in die Decke und in die Stille und schließe die Augen.

Dann klingelt mein Telefon. Das Telefon zeigt zehn Uhr und das Gesicht des Tierarztes. „Ja?“ sage ich. Der Tierarzt sagt: „Die Tierarzthelferin ist umgekippt und das Wartezimmer ist voll.“ Ich möchte schreien. Aber ich schreie nicht, sondern ziehe mich an, leihe mir das Auto des Priesters und fahre in die Praxis. Meine Hände sind kalt, ich habe noch nichts gegessen und ich bin so müde, so unendlich müde. Das Sprechzimmer ist voll und ich atme tief ein. „Es tut mir leid“, sagt der Tierarzt, dann stürzt der Computer ab und ich möchte jetzt sofort gleich ein anderes Leben kaufen. Wo macht man das?
Ich ziehe den Stecker und der Computer geht wieder. Das Wartezimmer ist so voll, dass wir Stühle aus dem Keller holen müssen. Mir wird übel von dem Geruch der Tiere. Eine Frau mit einer verfetteten Katze beschwert sich über die Wartezeit. Ihrer Katzen tränen seit vier Wochen die Augen. Mich überfällt hässlicher Ekel vor der Frau und ihrer Katze und ihre trommelnden Fingernägel auf der Tischplatte. Ich erkläre das Konzept Notdienst. Sie hört nicht zu, sondern hält mir die Katze immer näher ans Gesicht. „Bitte setzen Sie sich hin“, sage ich und öffne das Fenster. Es kommen Hundebesitzer, die keine Zecke selbst entfernen können, immer noch mehr Katzen, ein Pudel mit Angststörung, wie mir die Pudelhalterin erklärt. Der Pudel kaut indes selbstvergessen an der Teppichkante. Zwei Kanarienvögel pfeifen schrill und unermüdlich. Ein Mann in Lederhosen bringt eine schwarze, langbeinige Spinne an. Symptomatik unklar. Mein Verhältnis zu Spinnen ist nur in Teilen freundschaftlich. Im Land K. jagte ich Spinnen mit einer Bratpfanne und die Spinne starrt mich an, so als wüsste sie alles. Ich starre zurück. „Ich habe die Bratpfanne noch, Spinne“ denke ich und sage mit gespielter Freundlichkeit: „Bitte nehmen sie doch noch einen Moment Platz.“ Die Spinne heißt Lucy, sagt der besorgte Spinnenbesitzer. „Sie ist ja eine ganze Hübsche ihre Lucy“ sage ich und der Spinnenbesitzer nickt. „Nach meiner Ex benannt“, sagt er.

Ich habe wirklich Hunger aber in der Praxis gibt es nicht einmal eine Packung Cracker. In meiner Hosentasche finde ich ein angelutschtes Pfefferminz. Das muss das gute Leben sein. Die Spinne grinst hämisch zu mir herüber. In einem unbeobachteten Moment strecke ich ihr die Zunge heraus. Meine Hoffnungen auf Bhel Puri in der Mittagspause verfliegen, denn als endlich alle Hunde, Katzen, Kanaris und Lucy die Spinne verschwunden sind, klopft es schon wieder und ein Mann betritt die Prxis. Larry geht es nicht gut, sagt er und ich starre auf Larry. Larry ist eine Urzeitechse. Seine Augen haben etwas von spöttischer Verachtung. Ich sprinte ins Sprechzimmer. „Tierarzt, sage ich, der Mann da hat einen Drachen dabei.“ „Bartagame“, murmelt der Tierarzt. Larry ist inzwischen aus dem Transportbehältnis ausgebrochen und mit allerletzter Kraft und nur weil es mir so peinlich ist, springe ich nicht schreiend auf den Tisch oder noch schlimmer erhebe den Schuh gegen das Ungeheuer. Sein Besitzer kniet auf dem Boden und kreischt: „Larrylein, Darling komm zu Papa.“ Ich will mich dringend übergeben. „Mach was“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt kann Larry auch nicht sehen. Ich verfluche mein Dasein. Larry springt auf meinen Schuh und ich umklammere die Hand des Tierarztes sehr fest und zische: „Mach es weg.“ „Larrylein, du bist wieder da“, sagt der Mann und strahlt mich an. „Er mag sie.“ Ich kann einen Fluch nicht unterdrücken. Immerhin fluche ich in Hindi. „Was haben sie gesagt?, fragt der stolze Drachenzähmer“ „Was für ein reizendes Tier, schon die G*ttin Laxmi soll sich Glück von diesen Tieren erhofft haben.“ Könnte ich doch einmal meinen Mund halten. Denn schon legt sein Besitzer, Larry hocherfreut in meine Arme. Ich bin kurz vor der Ohnmacht und zum Glück nimmt der Tierarzt mir den Untam ab. Dann snackt Larry zwei Fliegen und grinst hämisch. Ich zeige auf meinen Schuh. Larry muss schlucken. „Alles in Ordnung, Mädchen?“, fragt der Tierarzt. Ich nicke.

Dann wasche ich mir lange die Hände. Der Tierarzt legt mir die Hände auf die Schultern. Ich springe entsetzt zur Seite, bleibe am Stuhl hängen und krache gegen den Tisch. Irgendwo lachen Lucy, die Spinne und Larry, die Bartagame. „Oh Mädchen, sagt der Tierarzt, das wusste ich nicht.“ Ich finde mich peinlich, mein Schienbein tut weh und ich habe Hunger. Ich sage: „Bitte wasch Dir die Hände, ja?“ Ich möchte auf der Stelle in Tränen ausbrechen, aber dann klopft es schon wieder. Ich rapple mich hoch und erwarte, dass eine Würgeschlange oder ein Pinguin über mich herfallen, aber in der Tür steht ein Bube mit verschmierter Nase. Er hat einen Schuhkarton in der Hand. „Was ist da drin, krächze ich und der June schnieft: mein Kaninchen.“ Ich atme aus. „Es frisst nicht mehr,“ weint der Junge und ich sehe auf das Häschen herunter. Der Hase hat Schlappohren und sieht in etwas so aus, wie ich mich fühle. Der Junge greift in seine Hosentasche und zieht einen Plastiksack mit Münzen hervor. „Das ist alles Geld, was ich habe, sagt er und ich schüttle den Kopf. „Hör mal, sage ich, das Geld behältst du lieber für Mohrrüben, ja?“ Dann bekümmert sich der Tierarzt um den Hasen. „Der Tierarzt ist ein Held“, ruft der Bube und drückt den Hasen fest an sich. Ich lächle säuerlich.
Im Wartezimmer sabbert eine Dogge auf den Boden und eine Katze speit auf die Anmeldung. Der Geruch ist so widerwärtig, dass mir wenigstens der Hunger vergeht. „Sie dürfen ihrer Katze keine Pralinen geben“, sagt der Tierarzt. Die Frau ist empört. „Und Eis?“ Ich wische Katzenkotze auf und rutsche fast auf dem Sabberfleck der Dogge aus. Der Tierarzt muss der Dogge einen Dorn aus der Pfote ziehen und die Dogge sabbert immer mehr. Der Doggenbesitzer muss sich hinsetzen. Ich wünschte ein Prinz aus fernen Landen entführte mich auf sein Schloss, fütterte mich mit Erdbeertorte und massierte mir die Füße.Wenn Sie ein Prinz sind, gerade Erdbeertorte backen und keine Dogge haben, melden Sie sich doch. Wenn Sie ein Prinz sind, Erdbeertorte backen und eine Boa Constrictor namens Gretchen haben, melden Sie sich lieber nicht.
In der Realität aber tropft Doggenspeichel an mir herab und ich rieche nach Katze und Desinfektionsmittel. Die Dogge bekommt einen Verband und mein Magen ist ein schwarzes Loch.

Endlich ist das Wartezimmer leer. Wir putzen die Praxis und ich überlege ob ich die Jeans ausziehe und in Unterwäsche zurückfahre, aber es ist das Auto des Priesters.
Mädchen?, sagt der Tierarzt sehr, sehr leise. „Tierarzt, krächze ich, Schokoladentorte, jetzt, sofort.“

Dreizehn

Einmal will ich es richtig machen. Ich fahre nach der Nachtschicht nicht ins Büro, sondern zurück in das kleine, irische Dorf. Der Tierarzt steht auf und ich ziehe mich aus. Sein graues T-Shirt ist noch warm und während ich mir die Zähne putze, mache ich die Augen zu. Blauer Schaum im weißen Becken. Die Bodenfliesen glitzern und die Welt dreht sich langsamer, blauer Schaum und kaltes Wasser. Das Telefon höre ich nicht, aber der Tierarzt hört das Telefon und kommt ins Bad. Sein Gesicht im Spiegel hat dunkle Schatten, dann nehme ich das Telefon und zwei Minuten später ist mein Gesicht genau so schattig wie das Seine. Ich drehe mich um, ziehe das graue T-Shirt wieder aus und dunkelblaue Scrubs wieder an. Der Tierarzt und ich sagen nichts im Auto, die See zur Linken und zur Rechten ein grüner Tag, Sonnenschein, Vögelgebrüll, dichte, grüne Hecken, dann die graue Autobahn. Das Krankenhaus ist ein Krankenhaus wie es viele gibt. Der Tierarzt küsst mich auf die Stirn und ich lege meinen Kopf unter sein Kinn. Eine Viertelsekunde lang vielleicht. Kam man Wimpernschläge zählen?

Das erste was ich höre ist die Mutter. Meine Schuhe quietschen auf dem Flur. Desinfektionsmittel und immer noch der Zahnpasta Geschmack auf der Zunge und auch Rost und Eisen. Die Mutter hat kurze, schwarz gefärbte Haare und die schreit: Sie ist dreizehn. Sie schreit immer wieder und ich gehe weiter, dafür bin ich da, weitergehen. Das Kind ist dreizehn Jahre alt und bekommt ein Kind, dafür bin ich da. Ein Fall für dich Read On. Weißt du noch Read On, sagt mein Kopf, weißt du noch, damals im Sudan, aber dann gehe ich schon wieder weiter, mein Kopf ist eine Schublade voller abgeschlossener Kästen. Ich setze mich zu dem Kind auf dem Bett. Das Kind schreit vor Schmerzen und es schreit nach seiner Mutter. Die Mutter des Kindes schreit auf dem Flur:

SHE CAN’T BE PREGNANT. SHE IS THIRTEEN. YOU GOT IT FECKIN WRONG.
Die Hand des Kindes ist kalt.
I AM GOING TO FECKIN KILL HER. I KILL HER.
Ich streiche dem Kind über die Stirn.
FECKIN KILLIN HER.
Das Kind schreit nach seiner Mutter.
Die Mutter stürmt in das Zimmer: TELL ME THAT CAN’T BE TRUE.
Das Kind weint. Seine Fingernägel sind rosa und glitzern, das Kind drückt seine Fingernägel tief in meine Hand hinein.
Ich stehe auf. „Hören Sie, sage ich, ihre Tochter braucht ihre Unterstützung. Jetzt.
Die Mutter schreit: YOU ARE A WHORE. Das Kind schreit nach seiner Mutter. Bitte, sage ich zu der Mutter und sehe sie an, bitte verlassen sie das Zimmer, wenn sie nicht für ihre Tochter da sein können.
„YOU ARE SUCH A BITCH! Schreit die Mutter und stößt mich gegen den Türrahmen.
Das Kind schreit nach seiner Mutter.
Die Mutter dreht sich um und geht.
Das Kind schreit: MOMMY, MOMMY COME BACK.
Die Mutter dreht sich nicht um.
Das Kind schreit nach seiner Mutter und ich lege meine Arme und das Kind klammert sich an meinen Hals. HELP ME, schreit das Kind. Das Kind ist dreizehn und uns läuft die Zeit davon. Das Kind bekommt ein Kind und dafür bin ich hier. Durch meine Nächte laufen die Frauen, die noch immer Kinder sind, das ist der Krieg, in den Kriegen sind die Männer Soldaten und die Kinder bekommen Kinder, das Linoleum quietscht unter meinen Füßen.

I AM SCARED sagt das Kind und ich nicke. Dann singe ich ein Lied für das Kind. Zwischen dem Sudan und all den Ländern bis in ein irisches Krankenhaus hinein, singe ich alte und neue Bollywood Lieder, Chup Chup, Ke Chup, die Kinder müssen weiteratmen und ich muss es auch. „Mein Baby“ sagt das Kind und sieht auf das Bündel in seinen Armen. Das Kind hält das Kind fest.
Ich wasche mir die Hände und das Wasser ist kalt. Im Krankenhaus Kiosk kaufe ich ein blaues Stofftier. Ich lege das Stofftier neben das Kind ins Bett. Das Kind des Kindes wird nicht älter werden als ein oder zwei Tage. Das Kind im Bett schläft.

Auf dem Flur vor dem Zimmer wartet ein Mann. Fleckige, rote Wangen. Er sei ein Onkel. Ich stehe mit dem Rücken in der Tür. „Seine Nichte.“ Ich schüttle den Kopf. Ich sage irgendetwas mit Autorität. Der Mann geht zur Seite. Der Krieg, der in die Körper der Frauen tritt, ist nicht nur im Sudan, ist auch in irischen Wohnzimmern, hat Onkel, Väter und Brüder und schweigende Mütter, Tanten und Cousinen. Dann kommt die Polizei und der Arzt und ich stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich gehe hinunter, in den kleinen Park. Der Himmel ist kühl und wieder geht die Sonne unter. Der Consultant legt seine Hand auf meine Schulter. Wir sagen nichts. Desinfektionsmittel klebt uns zwischen den Zähnen, der Pförtner sagt: „Endlich vorbei?“ Ich starre ihn an. Der Tierarzt wartet unter den Bäumen und meine Hände zittern. Die Sonne ist untergegangen. Ich mache das Fenster auf und der Tierarzt sieht mich an. „Bitte halt an“, sage ich oder höre ich mich sagen und dann stolpere ich eine Böschung hinunter. Brombeerhecken, Ginster und Efeu und meine Hände verfangen sich in den Brombeerdornen. Mir ist so schlecht und der Tierarzt hält mir die Haare aus dem Gesicht. „Es tut mir leid“, sage ich und der Tierarzt schüttelt den Kopf. Zuhause ziehe ich mich aus. Das graue T-Shirt fällt über meine Knie. Der Tierarzt zieht Brombeerdornen aus meinen Händen. Meine Hände sind kalt. In meinen Händen sind die Fingernägel des Kindes eingegraben. Der Tierarzt deckt mich zu und über mein Gesicht laufen die Frauen, neben mir liegt das Kind, dann wache ich auf und sitze auf dem kalten Rand der Badewanne, lehne den Kopf gegen das Waschbacken. In der Nacht stirbt das Kind des Kindes. Ich liege auf dem Badezimmerfußboden, die kalten Kacheln im Rücken. Der Tierarzt legt sich zu mir, bitte komm zurück, sagt er und ich suche nach einem Schlüssel für die Schubladen in meinem Kopf, mein Mund ist voller Papier und erst als der Tierarzt mich unter die Dusche zieht, geben meine Hände nach. „Dreizehn“, sage ich und das T-Shirt ist ein grauer, nasser Ball vor meinen Füßen und das Wasser schlägt kalt gegen meine Wange.

Der Tierarzt, die Frau des Krämers und die Sache mit Deutschland.

Die Ladenglocke klingelt noch schriller als sonst. „Ha, sagt die Frau des Krämers. Fräulein Read On, ich dachte sie hätten den Tierarzt nun endgültig entführt.“ Die Frau des Krämers wirft mir einen Blick zu, der schon stärkere Fräuleins aus den Schuhen geworfen hätte, aber die Frau des Krämers weiß nicht, dass es da einmal einen Oberarzt gab, der mit Skalpellen warf und so laut brüllte, dass unten in der Pathologie Tote nach ihren Schlüsseln suchten. Ich wünsche der Frau des Krämers also auch einen guten Abend.

Schon aber schellt die Glocke erneut und Tierarzt steht auch im Geschäft. Die Frau des Krämers streicht sich die Haare hinter ihr Ohr und hätte sie eine Puderdose, jetzt käme sie zum Einsatz und flötete: „Ach Tierarzt, ihr Kälbchen hat sie ja sooooo vermisst, und wir Sie natürlich auch.
Der Tierarzt hat feuchte Augen, denn natürlich hat er den ganzen Nachmittag ( das Fräulein arbeitete ) mit Kälbchen im Heu gelegen und ihm Karottenblumen geschnitzt.

„Na Tierarzt, nun erzählen Sie doch mal, sagt die Frau des Krämers, wie ist es Ihnen den ergangen in Deutschland?“ und ich suche derweil nach Vanille und Backpulver

„Deutschland ist schön!“, sagt der Tierarzt und Rügen noch schöner.“

„Aber Irland ist auch schön“, sagt die Frau des Krämers und holt tief Luft.

„Irland ist anders“, sagt der Tierarzt und schaut die Frau des Krämers trotzig an.

„Aber das Wetter muss fürchterlich gewesen sein, überall Wolken und Regen!“ schnarrt die Frau des Krämers, sie habe das alles im Internet nachgesehen.

 Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Man muss selbst dort gewesen sein“, sagt er: „In Deutschland, Frau des Krämers ist selbst der Regen warm“ und der Tierarzt zwinkert mir zu, denn zwei kleine Nichtenkinder haben mehr als einmal einen Eimer sonnenwarmen Wassers über ihm ausgegossen. „Die Wolken in Deutschland müssen Sie wissen, sind alle Schäfchenwolken und sehen Sie doch nur das Mädchen ist ganz braun.“

Die Frau des Krämers rümpft ihre Nase. „Die Bäuerinnen waren früher auch immer alle ganz braun, knurrt sie und lobt die blasse Eleganz ihrer Tochter und zeigt dem Tierarzt auch ihre fast perlweißen Arme. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Je dunkler, je besser.“ Ich versuche nicht zu kichern und staple, Milch, Eier und saure Gurken auf die Ladentheke.

„Aber, und nun ist die Frau des Krämers wieder siegesgewiss, das Essen in Deutschland muss schauderhaft sein: Sauerkraut und Sausages und dicke Kuchen und sie rudert mit den Armen: Kartoffelsalat.“ Der Tierarzt aber schüttelt wieder und deutlich energisch den Kopf: „Aber Frau des Krämers, die Deutschen lenken den Rest der Welt nur ab mit Wurst und Kraut. Die Deutschen haben Sanddorn. Die Frau des Krämers versucht das Wort zu wiederholen. S-A-N-D-D-O-R-N wiederholt der Tierarzt noch einmal. The best in the whole wide world. „Wir haben eine ganze Kiste Sanddornsaft mitgebracht“, sage ich und lege Äpfel und ein Stück Parmesan zu den restlichen Dingen. Die Frau des Krämers starrt den Tierarzt fassungslos an- Sanddorn krächzt sie und der Tierarzt sagt: Am Besten ist Sanddornsaft lauwarm. Der Tierarzt aber ist schon weiter und fügt hinzu, was er noch alles gegegssen hat: Matjes in Buttermilch, ein Viertel Stück Geburtstagskuchen, Pfannkuchen mit Johannisbeeren frisch vom Strauch, eine Marzipankartoffel, ein halbes Samosa, grüne Haribo Frösche und Spinat mit Ei ( singen Sie an dieser Stelle bitte ein Loblied auf meine liebe C. die Kinder und den Tierarzt ) mit ihrer Sanftmütigkeit aus Eisenstahl an den Tisch bekommt. Die Frau des Krämers aber stößt noch einmal Sanddorn hervor wie ein Stoßgebet und der Tierarzt ist gleich dabei ein neues Loblied auf den Wundersaft anzustimmen. „So gesund,Frau des Krämers.“ Ich bringe Senf und Schokolade an und der Tierarzt strahlt die Frau des Krämers an, die ganz gegen ihren Willen natürlich doch weiche Knie bekommt, denn nicht umsonst sind die Damen Krämer ja dem Tierarzt und seinem 200 Watt Lächeln verfallen und man sagt zwischen Dublin und Dingle sind selbst Hühner von der Stange gefallen, nur weil der Tierarzt sie anstrahlte und sagte: Mesdames, Sie hatten eine Wurmkur bestellt?

Die Frau des Krämers aber hält sich mit beiden Händen am Ladentisch fest und holt zu einem letzten Schlag aus: „Aber Tierarzt, Deutsch muss doch eine schreckliche und schrecklich schwere Sprache sein und dann äfft sie ein kläffendes Gebell nach, dass sie sich bei deutschen Touristen abgeschaut hat. Aber der Tierarzt ist nun ernstlich empört und baut sich vor ihr auf und rattert alle seine Vokabeln herunter: Hallöchen-Moin-Mädchen-Sanddorn- Eis- nech-Hund-Katze-Maus-Mädchen-bittedankegerne-Bötchen-Kälbchen-Mädchen-Kreidefelsen-ihrMäuseEssenSchlafenBaden-Hier Mädchen-Dort Mädchen, Küsschen-JonnyguterJunge-Halt-Mädchen weiß Deutsch- herunter und die Frau des Krämers ist indessen zu einer Salzsäule erstarrt. Aber der Tierarzt ist noch nicht fertig und zieht mich zu sich heran und sagt: Listen: „Deutsch ist Mädchensprache.“ Dann küsst der Tierarzt mich ziemlich eindeutig und mir fällt fast die Milchflasche aus der Hand. Die Frau des Krämers atmet schwer. Aber der Tierarzt strahlt und dann fällt dem Tierarzt noch ein Wort ein: Leuchtturm und als die Frau des Krämers wenigstens den 2. Weltkrieg ins Feld führen will, erklärt der Tierarzt der Frau des Krämers, dass die Deutschen ihre Hunde in Wägelchen und gepolsterten Körben spazieren fahren und fährt sich durch das Haar. Wenn der Tierarzt sich durch das Haar fährt, sieht er immer ein bisschen so aus wie der Mann aus der Davidoff Cool Werbung nur eben sehr, sehr viel dünner und die Frau des Krämers wird immer sehr rot, wenn der Tierarzt sich durch die Haare fährt, wie auch die Hühner, Schafe und Kälber zwischen Dublin und Dingle, nur das Fräulein kramt nach Haferflocken und versäumt das Spektakel, als die Haferflocken auf der Theke liegen, sagt der Tierarzt mit Dustin Hoffmann Lächeln noch einmal: Germany is so sexy.

Die Frau des Krämers ist kurz vor der Ohnmacht, ich krame nach dem Geldbörsel und das letzte was wir von der Krämersfrau für heute hören ist: 28, 93 Euro, bitte.

„Germany is so sexy?“, sage ich zum Tierarzt als wir wieder auf der Straße stehen. Der Tierarzt fährt sich noch einmal durch sein Haar und nickt: „so sexy Mädchen.“ Zwei Frauen mit Kinderwagen bleiben stehen und starren dem Tierarzt unverhohlen hinterher. Die Frau des Krämers steht noch immer unbewegt hinter dem Tresen und hebt matt die Hand und wir kichern erst als die Haustür im Oberland sich knarrend hinter uns schließt.

 

 

Ein leeres Haus

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Stralsund ist eine ehrwürdige Stadt. Roter Backstein und die Hanse, ja die Hanse, der Reichtum der Stadt schon anno 1231 und auch die Kirchtürme ragen weit über die Giebel der Bürgerhäuser hinweg. Stralsunds Kirchen sehen hinaus in die Welt und die Bürgerhäuser haben noch immer noch heute deutlich sichtbare Kontore, obwohl auch in Stralsund kein Getreideschiff mehr anlegt. Aber die Hanse ist noch immer ein Grund zum Stolzsein und die Türen der Kirchen sind schwer und kalt liegen die Türgriffe in meinen Händen.

Mein Großvater ist in Stralsund geboren. Anno 1917, da hatte Deutschland noch einen Kaiser und der Vater meines Großvaters, war der kaisertreuste unter den deutschen Juden und lag in Frankreich im Schützengraben, da schrie sein Sohn in die Welt hinaus, der war das fünfte der Kinder, die alle Kaisernamen hatten, und Kaiser’s Geburtstag wurde genauso gefeiert wie die Geburststage der fünf Kinder. Shabbat hielt man weniger feierlich. In Stralsund lebten doch freie Bürger und der preußischste unter den deutschen Juden, der trank ohnehin lieber Bier.

Wir gehen ins Stralsund-Museum, das Museum war früher einmal ein Gymnasium und mein Großvater ging dort zur Schule und wir gehen durch die Räume. Es gibt Hanseobjekte und Piraterie und Stralsund hatte einmal eine Spielkartenfabrik erfahren wir und das Warenhaus Tieck wurde arisiert. Das erfährt man über die Juden der Stadt. Man erfährt das, was man immer schon wusste. Der Jude ist ein Händler und dann übernahm ein anderer das Geschäft. So waren die Zeiten damals und die Zeiten man konnte sie doch nicht ändern und damit ist im Museum der Stadt Stralsund das Kapitel Juden auch schon abgeschlossen. Die Juden waren eben weg. Dann im nächsten Raum kommt ein Wikingerschatz. Glänzendes Gold und der Reichtum der Stralsund wiederholt sich wieder und wieder. Aber ich will nichts vom Schatz und stehe in einem großen Raum mit hohen Decken, der sicher einmal die Aula der Schule war, in die mein Großvater ging. Und mein Großvater, spielte zum Entsetzen seines Vaters, Klavier. Sein Vater schrie: „Ein deutscher Jude klimpert nicht am Klavier herum.“ Aber mein Großvater spielte trotzdem, spielte auf Schulkonzerten, spielte und spielte und auch als mein Urgroßvater drohte, er würde das gebrauchte Klavier, das in das Haus zog mit der Axt zerschlagen, spielte er weiter und weiter. Es lag in seinen Händen. Mein Großvater war der letzte Jude, der am Gymnasium die Matura machte, denn die Schule war dann judenrein. Noch immer steht ein schöner schwarzer Flügel in der Aula. Zugedeckt ist der Flügel mit schwarzem Tuch. Es ist verboten auf dem Flügel zu spielen. Der Direktor.“ It is forbidden to use the piano“ sage ich zum Tierarzt, der Tierarzt versteht nicht, denn der Tierarzt will, dass ich auf dem Klavier spiele. Aber ich ziehe die schwere Decke nicht vom Flügel herunter. Im zweiten Stock des Museuems sind Bilder von Elisabeth Büchsel ausgestellt. Im Juni 1945 malte sie blonde Kinderköpfe. In Deutschland ist immer alles voller Unschuld und dann gehen wir aus dem Museum zurück in die Stadt. Stehen auf dem Marktplatz, trinken Tee in einem der ehemaligen Kontore, und der Kellner sagt er sei Tee-Sommelier und ich nicke zu allem, nicke zu der Hausmischung Stralsund Gold und nicke und nicke und nicke und sehe aus dem Fenster heraus und sehe meinen Großvater mit Notenpapier unter dem Arm und einem Koffer die Stadt verlassen, denn wer Pianist werden wollte, der blieb hier nicht und so blieben die Eltern und die Brüder zurück und in der Wohnung hing noch immer das Bild des Kaisers und mein Urgroßvater hielt ihm und dem erledigten Preußen die Treue. Der Kaiser in Doorn wusste davon nichts. Wir gehen am Moorteich entlang und man erzählt sich, dass mit der dräuenden Niederlage des tausendjährigen Reiches, nach zwölf langen Jahren, sich ein Menschenzug bildete, und all die Bürger sie warfen die vielen Devotionalien ihrer deutschen Jahre in den Moorteich hinein. Schon waren sie verschwunden die Hitler-Bilder und all die anderen Dinge, die man lieber schnell vergaß. Der Moorteich liegt in der Sonne. Ein Café ist am Ufer geöffnet und man fährt Boot auf dem Teich und die Boote sind Tretboote in Schwanengestalt. Wir aber gehen weiter, eine lange Allee entlang und die Häuser liegen im stillen Sonnenlicht. Wir gehen schweigend und ich zähle die Schritte, denn war dies nicht der Schulweg meines Großvaters und vielleicht stolperte er über seine Schnürsenkel und fiel über einen Stein, denn über dem Knie meines Großvaters verlief eine lange, zackige Narbe, aber vielleicht ist es auch ganz anders gewesen und dann stehen wir in der Straße, in der mein Urgroßvater noch vor dem Ausbruch des ersten großen Krieges hinzog.

Zentralheizung und Warmwasser, das war das Deutschland des jungen Kaisers und das war des Deutschland dieser Familie und dann stehe auch ich dort und zähle die Hausnummern und dann stehe ich vor dem Haus und zähle die Stockwerke und obwohl ich es doch besser weiß, gehe ich über die Straße und suche auf dem Klingelschild meinen Namen. Aber der steht dort nicht und die Namen sagen mir nichts und ich sehe hinauf. In den Fensterscheiben spiegelt sich der Himmel und die Wolken sind schneeweiß und die Sonne glänzt und ich frage mich doch, ob mein Großvater hier in den Himmel sah, während sein Vater schrie, dass ein deutscher Jude doch nichts am Klavier verloren hätte. Ich sehe ihn nicht, denn ich kenne ihn nicht. Es gibt kein einziges Bild meines Urgroßvaters, meiner Urgroßmutter und ihrer Söhne mehr. Denn auch die preußischsten unter den deutschen Juden, auch der Primarschullehrer, mein Urgroßvater und seine Frau und die vier Söhne wurden deportiert, im Februar des Jahres 1940, standen sie da mit dem Koffer, jeder ein Koffer und vielleicht legte er das Kaiserbild hinein. Ich weiß es nicht, ich habe sie nie gekannt. Ich weiß nicht, ob ich den Schluckauf, den ich immer dann bekomme, wenn ich aufgeregt bin, nicht von meiner Urgroßmutter habe, oder ob mein Urgroßvater nicht heimlich doch die Augen schloss, wenn sein Sohn am Klavier saß und spielte. Ich weiß nicht ob wir uns nicht furchtbar anstrengend gefunden hätten oder ob wir uns in Zuneigung gegenüber gesessen hätten, bei seiner goldenen Hochzeit vielleicht, denn wir hatten niemals die Gelegenheit uns kennenzulernen. Meine Urgroßeltern und ihre vier Söhne waren unter jenen, die deportiert worden, so ging es in Deutschland, da holte man den Primarschullehrer aus der Wohnung und fuhr ihn nach Auschwitz und der Jude mit der Kaiserliebe und den vielen Söhnen und der einen Frau, der ging ins Gas und dann starb er, denn das taten die Juden im 20. Jahrhundert und in Deutschland zogen andere Nachbarn in die Häuser und ich stehe hier auf der Straße und meine Hände sind kalt und ich will sie herunterrufen, ich will Steine gegen ihre Fensterscheiben werfen, ich will rufen, lauft doch davon und ich will, sie über das Meer tragen, das Meer, das hier Sund heißt, soll sie davontragen. Bestimmt hätte es in New York Platz für eine Kaiser Wilhelm Gesellschaft gegeben und mein Urgroßvater hätte Kaisers Geburtstag feierlich begangen und ich müsste nicht so stumm auf der Straße stehen und ich stehe ja nur auf der Straße weil mein Großvater als einziger der Söhne aus Auschwitz zurückkam. Er kam nach seinen Eltern in das Lager, er wusste nicht, dass seine Eltern schon in der gleichen Schlange gestanden hatten, dass auch seine Brüder schon erstickt waren im Gas, in Auschwitz traf man niemanden mehr und mein Großvater, der Mann mit dem traurigen Lächeln, bekam in den Jahren nach Auschwitz, die für die Deutschen andere Jahre waren, als für meine Großeltern einen Brief des Gymnasiallehrer und der Jude, sollte dem Lehrer ein Leumundszeugnis ausstellen, darüber, dass er der Jude doch noch die Matura habe ablegen können. Und damit könnte es nicht so schlimm gewesen sein, wie man sich immer erzählte und man habe wirklich nichts gewusst davon. Aber mein Großvater antwortete nicht.
Und die Fenster des Hauses haben Gardinen und manchmal bewegt sich ein Schatten und ich drehe mich um und laufe davon und laufe zurück bis zum Auto und dann fahre ich los, fahre so schnell ich kann, fahre und fahre und denke wie der Tierarzt sagt: „Mädchen weiß Deutsch“, der Tierarzt sagt es bestimmt und ich im Auto, sehe die Hauswand und denke, nein, ich weiß nicht weiter, ich weiß es nicht, ich weiß nicht was das ist, ich weiß nicht wie man es wissen kann, es ist nichts mehr mit dem Deutsch der Juden und den Deutschen und Juden ist es zu Ende gegangen und die Straße im Rückspiegel ist schon eine andere, ist immer dieselbe und ich fahre weiter und weiter und sehe das Haus. Das Haus ist leer.