Woanders ist es auch schön

Ich habe nicht gewusst, dass es Schreibschulen gibt oder Universitäten an denen Ausgewählte schreiben und die Anderen, irgendwie auch noch Lehrer oder irgendwas werden sollen. Was man alles hätte werden können. In Hildesheim jedenfalls wird geschrieben und wer dort schreibt und wie man dort schreibt und warum die Frauen in Hildesheim noch immer vor allem Buletten machen hat Stefan Mesch hier aufgeschrieben. Hildesheim. Eine fremdere Welt kann ich mir kaum vorstellen. (Via Kaltmamsell)

Eine fremde Welt ist auch eine Welt in der Eltern und auch Nicht-Eltern auf Wurzelsäfte schwören und Impfungen bekämpfen wie die  formidable Kaltmamsell es beschreibt. Eine Welt in der Ärzte natürlich gewissenlose Gauner sind und die nette Frau mit den schönen, natürlichen Ölen Heilung verspricht anstatt medizinisch fundierter Behandlung.

Was für ein langer Weg und grässlicher Weg so eine Behandlung, ist ist hier so plastisch wie drastisch geschildert. Thomas Buddenbrook der über einem faulen Zahn verstarb, hat hier eine wahrlich kundige Nachfolgerin gefunden.

Interessanter als die parteipolitischen Strategien hinter der Wahl von Ram Nath Kovind ist die Geschichte von Laxmiben Maheria, die sich für die Rechte und den Zugang von Frauen aus den vielen Dalit-Kasten einsetzt . Unerschrocken und ohne Ambitionen auf Wählerstimmen in den Kongresswahlen 2019.

There is no such thing as a free lunch. Schon gar nicht bei Mietwagen.

Die Notaufnahmeschwester über das Warten.

Der Tierarzt wäre natürlich nicht der Tierarzt hätte er nicht Mädchenmusik für mich dagelassen.

40 Stunden

In fast 40 Stunden Berlin kann man zweimal im See schwimmen, einmal alle Fenster putzen, dreißig Minuten Klavier üben, einen großen, gelben Plastikeimer mit roten Johannisbeeren pflücken, eine letzte Erdbeertorte backen und den endgültig durchgelaufenen Sandalen hinterhertrauern. An der Spree sitzen und erst fährt einem der Wind und dann der Tierarzt durchs Haar. In 40 Stunden funkeln die Sterne ziemlich wild und die Liebespaare küssen sich unter dem weichen, gelben Licht einer Laterne. Unter dem Lampenkegel halten die Motten ihren jährlichen Sommerball ab und mir fällt ein: in diesem Sommer habe ich noch nicht einziges Mal getanzt. Dafür ein ernsthaftes Telefongespräch geführt. Holzhärten in einer Werkstatt ausprobiert, Postkarten an Deniz und Mesale geschrieben, zur Post preschen und den Postbeamten, der 18.01 Uhr noch Briefmarken verkauft, erst umarmt und dann auf ein Eis einladen, fast vergessen die Postkarten in den Postkasten zu werfen, auf einem Bein hüpfen, mit dem Tierarzt ausprobieren, ob unsere Arme wohl weit genug reichen, um die Kastanie zu umarmen (fast treffen sich unsere Fingerspitzen) . Mit der alten Freundin Wildtaube über einer Handvoll Rosinen ( die Wildtaube ) und einer Tasse Milchkaffee ( das Fräulein Read On ) eine halbe Stunde verratschen. Eine dreiviertel Wassermelone verschlingen. Wassereis für die Nachbarskinder machen und bestaunen wie schnell sehr viel Eis in Kindermündern verschwindet und mit noch mehr Vergnügen feststellen, dass der Tierarzt an halbgeeister Wassermelone am Stiel, Gefallen findet. Wer hätte das gedacht? Adam Thorpe’s Ulverton zu Ende lesen und sich gleich darauf in Chimamanda Ngozi Adichies Americanah stürzen. Eine ganze Menge Arbeit erledigen. Endlich einmal alle Bleistifte anspitzen. Den Tierarzt in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Die ewig dicken Shetlandponyhaare waschen und beim Kämmen einen Kammzinken in selbigem Haar verlieren. ( Glaubt man es denn? ) Einer Freundin die Zehennägel nach der OP im Krankenhaus lackieren.( Mintgrün ). Immer noch mehr arbeiten. Den Fahrradschlüssel suchen. Endlich den Fahrradschlüssel wiederfinden. Ein Honigbrot essen. Mit Freunden auf einer Dachterrasse albern sein und dann sehr ernst. Sich ernstlich Sorgen machen und dann noch ein paar Sorgen mehr. Die ersten Tomaten ernten und Abends noch einmal die Fledermäuse zählen. Einen Knopf annähen und sehr oft gähnen. Der lieben C. ein Gartenfürsorgepaket schicken. Glenn Gould beim Klavier spielen zuhören. Auf den Gesang der Nachtigall warten. Die Nachtigall schweigt. Ein Gedicht von Hilde Domin geschenkt bekommen können. Unverhältnismäßig oft niesen, die Füße auf die Balkonbrüstung legen und den Regentropfen bei der Wanderung über die zehn Zehenberge zusehen. Den Tierarzt im Gartenstuhl im Zwiegespräch mit der Kröte belauschen. ( Ja, das macht man nicht.) Schon wieder Eis für die Nachbarskinder und dann die Zinkwanne mit Wasser füllen für das kleinste der Kinder mit Ambitionen doch einmal alle sieben Weltmeere zu bereisen. Weiterarbeiten. Weiteratmen. Fernweh bekommen und ein Päckchen aus Italien. Von einem so schrecklichen Alptraum heimgesucht werden gegen den nichts hilft, auch kein kaltes Wasser. Im Garten einen großen Blumenstrauß pflücken ganz für mich allein. Hummelgesumm bestaunen und von einem ganz anderen Leben träumen. Alte Briefumschläge in die Hand nehmen. Die Handschrift meiner Mutter. Aufhören zu atmen.
Den Tierarzt zum Bahnhof fahren. Der Tierarzt hält sein luggage holdall in der einen und ein Englisch-Deutsch Wörterbuch in der anderen Hand. Ich versuche dem Tierarzt zu erklären, dass Mädchen eines der deutschen Lieblingswörter des Tierarztes sich nicht uneingeschränkter Beliebtheit bei deutschen Frauen erfreut. Aber das lernt der Tierarzt in unter 40 Sekunden als er eine Frau beim Koffer tragen zur Hand gehen will: „Mädchen, soll ich anfassen helfen?“ „Finger weg“ herrscht die Frau ihn an und der Tierarzt hält sein Wörterbuch ein bisschen fester. Ich winke immerhin mit einem weißen Taschentuch. „Auf nächste Woche“, rufe ich ihm hinterher.
Andere Bücher und ein anderer Schlüssel. Wieder zum Flughafen. Der Flug fällt aus. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mühsamen unterdrückten Fluchen eine komplizierte Ersatzroute zusammengeflickt. Erst gezögert, dann doch noch einmal nach Hause gefahren. Drei Stunden später die komplizierte Rückreise begonnen und 40 Stunden später wieder in Dublin ins Büro gelaufen.

Reparaturen

Am Samstag  machte der Tierarzt eine schauderliche Entdeckung. Er hat seinen Führerschein in der tierärztlichen Arbeitshose vergessen und mit in die Waschmaschine getan. Der Führerschein des Tierarztes nämlich ist kein Plastikkärtchen, sondern ein papiernes, zerknicktes Ding aus früher Vorzeit. Der Tierarzt hat seinen Führerschein im UK gemacht und weil die Umstände so waren wie sie waren oder das Laminiergerät kaputt, so trug der Tierarzt für Jahrzehnte das dünner und dünner werdende Papier von Hose zu Hose bis es in der Waschmaschine landete und bei 60 Grad Eco Spar die letzte große Reise antrat, denn als der Tierarzt panisch nach der feuchten Hose griff, war vom Führerschein nur noch Papiergatsch übrig und der Tierarzt verzweifelt. Da der Tierarzt aber trotzdem nach Lamas mit Haarausfall und Krokodilen mit Zahnweh sehen muss, fuhr die Dame des Hauses den Tierarzt umher und der Tierarzt hatte ein grauslich schlechtes Gewissen, das er nicht haben muss, denn so oft wie der Tierarzt mich aufliest, so lange kann die Neuausstellung des Führerscheins schon nicht dauern. ( Aber es dauert wohl doch länger als gedacht, denn erst muss man die irische Führerscheinstelle zu einem kleinen Ort in Wales Kontakt aufnehmen und die Führerscheinbestätigungsbeauftragte ist im Begriff ein Kind zu bekommen.) Aber wir fahren ohnehin weg und der Tierarzt weigert sich standhaft auf dem Kontinent zu fahren. „Die Dame fährt“ sagt er und es klingt als klapperten wir nicht mit dem Oldsmobile über die Straßen, sondern führen sechsspännig in einer Kutsche durch die Lande.

Aber bevor wir noch die Insel verließen kam der Sonntag und ich küsste den Tierarzt auf die Nasenspitze und arbeite von acht bis acht im Büro und um neun war ich zurück im Dorf. Zuhaus traf ich auf einen geknickten Tierarzt und aus Solidarität eine traurige Katze und einen wimmernden Hund. „Tierarzt?“ fragte ich, was ist euch drei Hübschen geschehen?“ Der Tierarzt vergräbt den Kopf in den Händen: „Mädchen, die Waschmaschine ist hinüber.“ Ich besehe die Waschmaschine und nicke. „Tierarzt“ sage ich, „dass kommt vor.“ Die Waschmaschinenhersteller wollen auch leben. „Wir schaffen morgen eine neue Maschine an.“ Der Tierarzt sieht so aus, wie ich mir ein Krokodil mit Zahnweh vorstelle und schüttelt den Kopf: „Das ist doch nicht normal, erst der Führerschein, dann die Waschmaschine. „Tierarzt, sage ich, Dinge gehen verloren und manchmal geht eine Waschmaschine einfach kaputt, das ist nicht schön, aber und noch dazu sind wir in der famosen Lage, einfach in einen Waschmaschinenladen zu gehen und eine neue Maschine anzuschaffen.“ Der Tierarzt aber sieht mich noch immer verzweifelt an: „Aber ich bin schuld, verstehst du nicht?“ „Tierarzt“, sage ich seufzend: „Hast du mit einem Hammer auf die Waschmachine einegschlagen?“ Nein, nun dann kannst du wohl nicht schuld sein.“ Der Tierarzt aber sieht mich zweifelnd an. Dann werfe ich Bücher in das luggage holdall, die Dienstag mit nach Berlin sollen und bin ganz müde. Der Tierarzt aber steht lange am Fenster und fragt: „Soll ich auf dem Sofa schlafen?“

Am Montag Nachmittag kaufen wir eine neue Waschmaschine und zwei Stunden später kniet der Waschmaschinenmaschinenmann in der Küche und ich reiche ihm Werkzeug an, der Waschmaschinenmaschinenmann erzählt mir von seinem Drachen von Schwiegermutter, ich koche Kaffee und reiche Kuchen an, denn meine Großmutter versicherte mir nachdrücklich, dass man niemals an gutem Kaffee und Kuchen für Handwerker sparen sollte, denn dies zahle sich drei- und vierfach aus und dann nahm sie mich mit hinunter in den Hof, wo der Vorgänger des Oldsmobiles stand, zeigte mir wie man einen Reifen wechselt und ließ mich üben, bis ich es ihr nachtun konnte. Dann lächelte sie und sagte: „Kind, Du siehst, wer kann, der muss nicht.“ Ich nickte und brauchte Wochen bis ich die letzten Ölflecken los war. Am Montag aber willigte der Waschmaschinenmann bereitwillig ein die kaputte Maschine mitzunehmen und zu entsorgen und sah mich sehr erleichtert, denn die Vorstellung, dass der strichdünne Tierarzt und das zwergenhafte Fräulein die Waschmaschine in den alten Volvo hieven, war keine Schöne. Ich winkte dem Waschmaschinenmann und erst dann viel mir auf, dass der Tierarzt nirgendwo zu sehen war. Ich fand ihn schließlich im Garten. „Ich schäme mich so, sagte der Tierarzt“ und ich wusste nicht mehr was zu antworten wäre und schüttelte den Kopf. „Komm sage ich, wir müssen packen“ und strich dem Tierarzt über das Haar.

Heute morgen schließlich rief ich dem Tierarzt etwas eilig, denn ich bin ja immer eilig zu: „Tu mir die Liebe und gieß mir einen Schluck Milch in den Tee“ und der Tierarzt, der doch den Kühlschrank meidet, wie wenig sonst, nahm sich ein Herz und ich trocknete mir die Haare, während Schwesterchen mir Ankunftszeiten diktierte. Schon aber schrie der Tierarzt auf und ich schmiss Schwesterchen Küsse hinterher, band mir das Haar zum Zopf und fürchtete dem Tierarzt sei die Flasche entglitten und in seinen Füßen steckten Scherben über Scherben. Dabei flockte nur die Milch im Tee. „Tierarzt“, sage ich, meine Schuld, mir war entfallen, dass die Milch schon weit über die Zeit über ist.“ Der Tierarzt aber geht schweigend aus der Küche und ich trauere kurz um den sorgfältig gehüteten Kefir, den der Tierarzt mit der Milch verwechselt hatte. Dann denke ich an viele andere Sachen, die es zu bedenken gilt, schließt man die Haustür für ein paar Tage hinter sich zu. Dann fahren wir zum Flughafen, also ich fahre den klapperigen Volvo und der Tierarzt sieht mich an: „Was willst Du eigentlich mit jemanden wie mir.“ Mir wird das Herz schwer und mit steinschwerem Herzen verfahre ich mich immer, dabei haben wir gar keine Zeit uns zu verfahren. Mit hängender Zunge erreichen wir das Flugzeug und über dem Meer schläft der Tierarzt ein. Ich starre auf das Buch in meinen Händen, aber lesen kann ich nicht und ich ziehe seine Hand zu meinen Rippen. Manchmal denke ich, geht eine Waschmaschine kaputt und man lernt wenig über Ventile und mehr über die Ehe, die da vor einen war, als durch all die Fragen und das was man lernt, will man nicht wissen, denn das wenn Schuldige gesucht werden, Schuldige gefunden werden, das wusste ich schon und niemals hat dies eine Sache, eine Ehe oder ein Leben zum Besseren gewendet. Die Hände des Tierarztes aber sind kälter als sonst.

Der Himmel ist eine gerade Linie

23.04 Uhr. Der Himmel ist ein gerade Linie. Der Himmel ist nicht mehr blau und auch nicht mehr schwarz. Der Himmel läuft langsam in die Nacht hinein. Vielleicht sitzt die Sonne noch immer an einem kleinen Sekretär. Mahagoni? Und schreibt an den Mond den immer fernen Geliebten und wer weiß, vielleicht hatte die Sonne genug von den ewigen Worten, stand auf und rannte zum Fenster herüber und dabei fiel ihr das Tintenfass um. Blauschwarz läuft der Himmel am Fenster herüber und vielleicht küsst der Mond die Sonne ja doch. Schwarz tropft der Himmel am Fenster herunter und vielleicht winkt die Sonne dem Mond mit einem kleinen weißen Taschentuch. Der Himmel versinkt und die Nacht sieht zu mir ins Fenster herein. St Sylvester, der Kirchturm ist nur noch ein ferner Schatten. Die Spitze des Turms ist schon in der Nacht verschwunden und es ist ja schon spät genug, selbst für einen alten, verwitterten Kirchturm in einem kleinen, nicht minder verwitterten Dorf. Der Himmel hat einen dunkelblauen Schatten unter dem Kinn. Im Haus des Priesters Licht aus, Licht an und ich weiß, dass der Priester sich jetzt die letzte Pfeife stopft und lange in die Nacht hineinsieht, mit der Pfeife aus braunem Holz. Kein Mahagoni. Den Priester aber, die braune Pfeife, den Knaster und das Streichholz kann ich nicht sehen und ob blauer Pfeifenrauch als sich kringelnde grau-blaue Wolke in die Nacht aufsteigt, ich weiß es nicht, denn das letzte Blau weicht vor der Nacht zurück. Der Priester raucht ganz ungesehen. Noch einmal Licht aus, Licht an. Bestimmt hat er das Streichholz vergessen. Dann liegt Haus und Kirchhof wieder im Dunkeln. Mehr Häuser gibt es hier nicht und so rauscht die alte Kastanie im Garten, so fährt ein Hauch unter den grünen Fliederbusch, so rauscht der Efeu leise und hinter dem Haus da liegt das Meer. Aber auch das Meer sehe ich nicht mehr, nur der Leuchtturm blinkt von fern, ein schwaches Licht, undeutlich schimmernd durch die Wogen der ewigen See fällt sein Schatten auch in den Garten bis zur Kastanie. Die Schafe auf der Weide, die steil abfällt zum Meer, schlafen wohl schon, denn nicht einmal das leiseste Blöken lässt sich vernehmen, hier im Zimmer mit den weit geöffneten Fenstern. Zwei Hunde bellen, natürlich der Hofhund der Frau des Krämers unten im Dorf und der kleine Spitz des altern Herrn G., der den Priester immer nur Monsignore nennt, aber nicht im Spott, sondern ganz ernst, so ernst wie er mit dem Spitz lange Gespräche führt und am Abend immer noch einmal mit ihm durchs Dorf geht, wahrscheinlich um die 11 Uhr Nachrichten gründlich zu analysieren. Jedes Dorf hat einen der wacht. Unser Hund aber schläft auf dem alten Teppich mit dem verschlungenen Muster aus Blüten und Ästen, nur manchmal seufzt der Hund im Traum und seine Pfote zuckt zwei oder dreimal, denn wer weiß schon, was einem Hund im Schlaf geschieht. Am Schrank hängt die Bluse, nachtschwarz auch sie, dabei ist sie im Tageslicht perlgrau. „Die Regenbluse“ sagt der Tierarzt und legt seinen Kopf in meine Schulterblätter, wann immer ich sie anziehe. Aber jetzt wird die Bluse dunkel und dunkler wie die Nacht und sieht nicht mehr wie Regen aus. „Morgen soll die Sonne scheinen“, sagt die Frau von Met Éireann, denn auch im Zimmer ist die Nachrichtensprecherin ans Ende der Nachrichten angekommen, aber die Regenbluse weiß nichts vom Wetter und leise klirrt der Bügel gegen den Schrank. Wind kommt auf. Eine leise Brise nur, auf dem Bücherregal eine Vase mit Rosen und im letzten Licht fallen zwei zarte, gelbe Blätter langsam herunter, schaukeln im Wind und sind schon verschwunden, denn die knarrenden Dielen sind selbst schon so dunkel wie die Nacht vor dem Fenster. In meinen Händen liegt noch immer das Buch, aufgeklappt auf der Decke, aber ich bin zu müde für die Geschichte und auch das Buch ist ja schon in der dunklen Nacht verschwunden wie die Welt vor dem Fenster. Durch den Türspalt fällt Licht herein, dann knarrt die Tür und der Tierarzt läuft leise, die Dielen drei und fünf auslassend zu mir herüber. Sehen kann ich nur seine Nasenspitze. „Schläfst Du schon Mädchen?“ Ich schüttele den Kopf und dann liegt sein Kopf neben Meinem. „Ist das die Regenbluse?“ fragt er und ich nicke, dann liegt auch seine Hand auf meinen Rippen und wir sehen hinaus aus dem Fenster in die dunkle Nacht. 23.04 Uhr sagt die Nachrichtensprecherin und dann liest jemand im Radio eine Geschichte vor. Ich schließe die Augen und der Tierarzt atmet in mein Haar. Der Himmel ist ein senkrechter, schwarzer Strich.

Woanders ist es auch schön.

Man kann es drehen und wenden wie man will, aber Klein-Bloggersdorf ist wie ausgestorben, keine Hochzeiten, keine Erbtanten, die überraschend zu Besuch kommen, nicht einmal ein heimlicher Geliebter steigt über den Gartenzaun und noch die anhänglichste Schwiegermutter ist zur Kur in Bad Salzuflen. Klein-Bloggersdorf ist menschenleer und nur der Tierarzt und ich sitzen unter der Linde und drehen Däumchen. Dann aber reißt Kälbchen aus und wir müssen rennen. Dann aber sitzen wir seufzend und nicht wenig seufzend wieder im Schatten, denn es ist nicht zu ändern. Ganz Klein-Bloggersdorf ist verreist.

Liisa wandert durch eine unverschämt schöne Idylle und ich habe Kuchenhallzuinationen. ( Nicht sehr angenehm so etwas. )

Familie Brüllen macht sich auf nach Norden und zwar ganz und gar elektrisch angetrieben. Der Tierarzt jedenfalls sitzt vor den Bildern und murmelt etwas von: „Kälbchen würde eine Luftveränderung“ auch einmal ganz gut tun. Kälbchen blökt zustimmend.

Die verehrungswürdige Madame Modeste reist  mit Tucholsky durch Japan.
Ziemlich neidisch sieht man hier hinterher und hält die Daumen bis endlich auch Kitsune wahr und wahrhaftig die Reisenden begleiten.

Andere Klein-Bloggersdorfer sind noch in den Vorbereitungen, auch wenn ich hoffe, dass der Wantenschneider nicht zum Einsatz kommen muss. Etwas empört schnaubt jedoch Kälbchen: Irland ist auf den Seekarten nämlich nicht zu erspähen.

Manche Reisen führen dann auch gleich direkt in die Vergangenheit.

Und selbst Herr Buddenbohm, der Bürgermeister von ganz Bloggersdorf ist in seinem Garten verschwunden.

„Wenigstens ein Lied für die Daheimgebliebenen Tierarzt?“ „Sogar eins mit Spinnenweben Mädchen-“

Da sitzen wir nun einsam unter der Linde. Sie sehen in Klein-Bloggersdorf ist niemand da.

Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

12 Bilder, ein Tag, Berlin.

See im Sonnenschein. Die Sonne putzt sich nur die Zähne. #1v12 #12von12 #schwimmen #swimming #nature #outdoors #berlin

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Wie viele Tage beginnt auch dieser Tag mit viel Gegähne, einem Handtuch über den Schultern und dem Weg zum See. Was hier so idyllisch aussieht, kann nur eine Täuschung sein. Im Wasser ertranken während ich schwamm fünf Wespen und über mir kreisten sieben, gewaltige Krähen. Sollte mich der Nöck morgen früh am Bein zu sich herunterziehen: es hat mich sehr gefreut.

Biokistenglück sortiert. #2von12 #12von12 #ökodorfbrodowin #biokiste #biokistenglück

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Mittwoch ist Biokistentag und Biokistentage sind immer glückliche Tage. Mein Missionseifer ist denkbar gering, aber haben Sie eigentlich schon eine Biokiste?

Nach der Nachbarschaftshilfe ist vor dem Eis. #3v12 #12v12 #magnumfürimmer #lieblingsnachbarn #iceicebaby #magnum

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Die Lieblingsnachbarn brauchen Hilfe und das Fräulein bekommt im Gegenzug den neuesten Nachbarschaftstratsch und ein Eis. What is not to like?

Süßer Brei mit Pflaumen. #4v12 #12v12 #grieskoch #pflaumen #alltagsessen

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Der ehemalige, geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. hat eine lange OP-Liste vor sich und wer eine lange OP-Liste vor sich hat, bekommt fast jeden Wunsch erfüllt und der F. findet, nichts stärke vor einer OP so wie ein Grießkoch mit Kompott und ich nicke treu. Manchmal wünscht sich der F. nämlich auch Fruchtsuppe und das mag ich noch weniger als den süßen Brei. Der F. aber ist selig.

Zeitung mit Regenbegleitung. #5v12 #12v12 #papieristmeingemüse #printprodukt #sommeraufdembalkon

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Berlin lässt kein Heimweh nach Irland aufkommen und so regnet es, aber der Balkon ist mit dichtem Weinlaub gut geschützt und nur meine großen Hobbit-Füße werden nass. In der Zeitung steht, dass Neo dick war und kein angenehmer Mensch ( kein Zusammenhang ) und Spiderman 6 sei große Klasse.( Ich kenne nicht mal Spiderman 1) also kann ich das nicht weiter verifizieren.

Das Fräulein kauft Karten, denn es schreibt weiter Karten an Deniz Yücel und inzwischen auch an Mesale Tolu und im Buchladen gibt es Kafka-Karten. Seligkeit, einer ansonsten traurigen Tatsache, noch immer sind Journalisten in der Türkei nahezu rechtlos und den Verdächtigungen Erdogans ausgeliefert.

Klavierstunde. #7v12 #12v12 #klavier #musik #einegrosseliebe

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Das Fräulein übt Klavier. Es ist ein Trauerspiel.

Frühlingsrollen gehen auch im Sommer, der sich wie November gibt prima. #8v12 #12v12 #dinner #vegetables

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Schon wieder wird gegessen. Frühlingsrollen, die eher an Backsteinquader erinnern, aber ich mag das sehr gern, nur die Soja-Wasabi Mischung missfällt. Aber ich weiß nicht genau warum. Seltsam.

Dann heißt es Karten schreiben. Ich stümpere immer ein Bild für das Kind von Mesale Tolu. zusammen.Kinder sollten ja überall sein, nur nicht im Gefängnis, aber in der neunen Türkei spielt das keine Rolle, deswegen eine Karte gegen die grauen Mauern.

Tagesordnungspunkt Karten schreiben II. Karte Nummer 121 für Deniz. #schreibdeniz #freedeniz #10v12 #12von12

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Die zweite Karte ist immer eine Karte an Deniz und von den Nummern, die ja immer für einen, neuen Tag stehen, wird mir schwindlig. Ich versuche und es fällt mir schwer und behagt mir nicht, denn ich kann kein Türkisch, irgendwie auf Türkisch zu schreiben, vielleicht kommt so eine Karte einmal ans Ziel? Heute Franz Kafkas erste beide Sätze aus der Verwandlung und schlimmes Radebrechen über Kafka darunter. Oy vey.

Zurück nach Ulverton. #11v12 #12von12 #nowreading #adamthorpe #ulverton #books

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Ich bin schwer begeiestert von Adam Thorpe’s Ulverton, wie konnte dieser Autor so lange völlig an mir vorbeigehen. Sehr großartig!

Das fast kopflose Fräulein winkt Ihnen: Gute Nacht. #12von12 #nitenite

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Das fast kopflose Fräulein wünscht eine gute Nacht und winkt.

Mehr Tage und mehr Bilder gibt es wie immer bei Caro.