Bloß keine Umstände!

Manchmal kommen Gäste zu mir nach Haus. Ich mag das sehr gern. Ich treffe furchtbar gern Menschen und lasse mir etwas erzählen. Ich koche passabel, jedenfalls meistens und ich habe immer genug Zutaten für einen reschen Kuchen im Haus. Ich mag sogar die B., die neue Freundin des G., die mir immer die Tarotkarten legt und mit verfinsternder Miene beklagt, dass Mars allein meinem Liebesglück im Weg stünde. Es gibt nur eine Art von Besuch, die ich nicht ausstehen mag. Das sind diejenigen, die ins Telefon flöten: „Oh Read On, mach Dir bloß keine Umstände.“ Wie ich diesen Satz fürchte. Denn ich laufe natürlich los, kaufe bei Herrn Yilmaz, Feigen und Schafskäse, nehme noch Ziegenkäse und Lamm dazu. Im Garten pflücke ich Pflaumen, Birnen und die schönsten Äpfel. Ich kaufe Kaffee aus Brasilien und öffne die Teeschatzkiste aus Indien. Ich richte eine Kürbissuppe und renne noch einmal ins Reformhaus um Kürbiskernöl aus der Steiermark anzuschaffen. Ich poliere das Silber, bügele die schweren Tischdecken und decke den Tisch ein. In die Mitte des Tisches kommt der Strauß mit den wohl letzten Gartenrosen. Dann noch schnell eine Zitronentorte, denn schon meine Großmutter fand, es könne gar nie genug Kuchen geben. Wie immer hatte meine Großmutter Recht. Irgendwann, denn Gäste, die keine Umstände machen wollen, rufen grundsätzlich nicht an, um ihre Ankunftszeit mitzuteilen, schellt es dann an der Tür. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts. Die Gäste schütteln den Kopf. „Aber Du sollst Dir doch keine Umstände machen.“ Ich verkneife mir zu sagen, dass es mir größere Umstände machen würde, Plastikgabeln und Pappteller aufzutreiben als das KPM-Geschirr aus dem Schrank zu holen, aber ich lächle nur milde und nicke artig. Dann will man den Gäste- ich trinke ja nicht- Rotwein in die Gläser füllen, aber die Gäste schütteln den Kopf. Rotwein vetrügen sie schon seit Jahren nicht mehr. Ich renne in den Keller und bete, dass der F. hoffentlich nicht den letzten Weißwein mit den Kollegen geleert hat. Hinter mir tönt es höhnisch: „Aber bloß keine Umstände.“ Das Kürbiskernöl können die Gäste auf keine Fall vertragen. Diesmal aber stehen Grundsatzfragen im Weg: „Nein aus politischen Gründen würden sie nichts aus der Steiermark verzehren. Der Fall Haider steckte ihnen noch in den Knochen. Ich versuche nur kurz anzumerken, dass Haider aus Kärnten kam, aber die Umstandslosen wollen davon nichts wissen. Aber nur wenn es keine Umstände macht, würden sie dann doch auf geröstete Kübriskerne ausweichen. Natürlich verbrennt mir die erste Portion in der Pfanne. Der Geruch verkohlter Kürbiskerne übrigens hat etwas von einem mittelgroßen Chemieunfall. Natürlich essen die Gäste kein Lamm aus Mitleid mit den hübschen Tieren. „Aber bloß keine Umstände“ rufen sie in die Küche, in der ich versuche aus Restgemüse ein Curry, das keine völlige Schande ist, zu produzieren. Die Gäste inzwischen unterhalten sich gut- inzwischen sind sie bei der zweiten Flasche Wein angekommen und ich versuche mich krampfhaft zu erinnern, ob noch eine dritte im Kellerregal stand. Pflaumen machen dem Gast indes schlechte Laune, während seine Frau nur Kuchen aus Maismehl verzehrt. „Weizen sei böse“ sagt sie und ich atme tief ein und aus. Immerhin verzehren die Gäste, die keine Umstände machen wollen Käse und Birnen. Nur die Äpfel taugen ihnen nicht. Ich nicke nur weiter, denn sonst käme ich vielleicht in Versuchung einen Apfel quer über den Tisch zu schleudern und es reute mich um die schönen, alten Gläser. “Espresso, G’tt bewahre”, sagen die Gäste, vom indischen Tee nehmen sie nicht mehr als einen Fingerhut. Schlafen können sie nur in den mitgebrachten Alpakadaunensäcken, die wahrscheinlich vom Dalai Lama selbst geweiht worden sind, ich ziehe also die Bettwäsche wieder ab. „Das Ei“ sagen die Gäste, “ginge in Ordnung,allein es müsse wachsweich sein und das Brot bitte gänzlich ohne Rinde.”Vor allen Dingen aber solle ich mir bloß keine Umstände machen. Sie seien doch wahrhaft bescheiden und mit dem kleinsten Krümel, der vom Tische abfiele, wirklich und völlig zufrieden. Das Schlimmste, dass sie sich vorstellen könnten, sei mir Umstände zu bereiten.

In Gold getaucht

                                                         Lindy in Liebe und Freundschaft zugeneigt.

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Früh wache ich auf, noch viel früher als sonst, noch nicht einmal das Wasser wird warm, das mir über die Arme läuft und so schüttle ich die Tropfen schnell von mir ab. Auf Zehnspitzen über das alte Parkett, um dich nicht zu wecken, denn so ist es schon immer mit dir gewesen: eigentlich kannst Du kaum etwas hören, aber natürlich hörst Du das Gras wachsen und niemand hat bessere Ohren als Du, geht es darum jemanden mit zerschlagenen Knien wieder aufzurichten. Aber heute sollst Du noch schlafen. Schnell also durch die Bibliothek und hinüber in das Wohnzimmer gelaufen-jetzt nur nicht über den Tigerkopf mit den gelblichen Augen stolpern-aber auch der Tiger träumt noch von den Weiten Rajasthans. Schon ziehe ich mir die Socken weit über die Hosen und schlüpfe in ein Paar Gummistiefel bevor ich das Haus durch die weiten Terrassentüren verlasse und mitten im Garten, der eigentlich ein Park ist, stehe. Noch legt die Nacht mir die Arme über die Schulter, aber lange kann es nicht mehr dauern, bis der Morgen auch bis hierher reicht. Ich gehe herunter zum See, passiere das Pinearium, diese Leidenschaft des 19. Jahrhunderts, als man aus der ganzen Welt, Samen mitbrachte und wo einmal kleine Bäume waren, stehen heute meterhohe Giganten. Am Horizont wird der Himmel blau und ich stehe staunend am Ufer.img_0398

Die Äste streichen mir durch die Haare und sie tun es so zart, als wärst du es selber. Schon immer war dir eine Zartheit inne, die man nur mit den Fingerspitzen berühren darf, damit sie nicht zerfällt. Ein Vogel sitzt auf der Regentonne und auch ich bin ja einer Deiner gefallenen Vögel, die du mit deinen warmen Händen zu Dir gezogen hast, so freundlich wie bestimmt. Du, die Du Bäume umarmst und wie alles, selbst mich, mit liebenden Augen betrachtest. Dann stehe ich vor dem Bootshaus und hinter den Bäumen geht die Sonne auf und wirft goldenen Strahlen bis zu meinen Füßen herüber. Ein wenig weiter noch und der Nebel steigt langsam über den See hinweg. Die Schwäne schaukeln langsam im Sommerlicht und ich lehne mich für einen Moment an den großen Eichenbaum und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, rennt eine Gruppe junger Fasane vor mir durch das noch sommerhohe Gras. Vielleicht ruft Mutter Fasan schon zum zweiten Mal zum Frühstück und zetert von zähen Regenwürmern und kalten Engerlingen. Mich lassen sie jedenfalls links liegen und so springe ich ganz ungestört durch die Pfützen der letzten Nacht. Stelle ich mich auf die Zehenspitzen dann kann ich einen rotwangigen Apfel erhaschen und schon ist der Himmel blau und Dein Haus liegt mir zu Füßen.

img_0384Noch aber träumst Du hoffentlich gut und ich laufe weiter, einmal um den ganzen See herum und springe über den Zaun, der den Garten vom alten Tennisplatz trennt. Ich weiß noch als ich zum ersten Mal bei Dir war und wir mit alten Holzschlägern aus den 20er Jahren vorsichtig Ball um Ball über das Netz schlugen, so lange bis wir vor Lachen derartiges Seitenstechen bekamen, dass wir uns einfach fallen liessen und über uns war die Welt dunkelblau. Heute aber husche ich zurück ins Haus, setze Tee auf und als ich den Hefezopf aus dem Ofen hole, stehst Du in der Tür und schüttelst den Kopf: „So früh!“ Aber es ist gerade richtig für warmen Hefezopf und fingerdicke Marmelade dazu. Dann liegen wir auf den breiten Sesseln, meine Füße auf dem Kopf des armen Tigers und deine Arme fahren wild gestikulierend in die Luft: wir sprechen über Kühe und indisches Leben, die Sonne kitzelt uns an den Zehen, wir erzählen uns traurige Liebesgeschichten und hinter uns auf dem Kamin stehen wir beide im silbernen Rahmen und lachen und an, genau wie jetzt gerade auf dem Fauteuil. Später schlafe ich ein und natürlich breitest Du eine Decke über mich aus und auch noch als ich erwachse sitzt du neben mir und hältst mit deinem strahlenden Lächeln, der Sonne den Spiegel vor.

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Clandeboye Estate, Bangor, County Down, Northern Ireland 

Zahnreihen

Im Bus auf dem Weg zum Flughafen. Eingeklemmt zwischen riesigen Koffern und in Käfigen hechelnden Hunden, stehe ich mit dem Rücken zur Wand. Vorsicht vor Rentnern mit Rucksäcken, sage ich mir nachdem ich schon mehr als einen in die Magengrube gestoßen bekam. Ich werde doch nicht etwa anfangen aus meinen Fehlern zu lernen? Erst später sehe ich den jungen Mann und seine vier Schwestern. Ich stehe zu weit weg, um zu hören woher sie kommen. Yemen glaube ich, aber ich mag mich irren. Keines der Mädchen ist älter siebzehn Jahre alt und die fünf Geschwister lachen und scherzen miteinander, selbst der Bruder, der selbst fast noch ein Kind, die Verantwortung trägt, wird mitgerissen. Eine der Schwestern muss eine witzige Geschichte erzählen, denn die vier anderen, kringeln sich vor Lachen und erst als ich mich an ihrem Lächelns sattgesehen habe, sehe ich die Zähne. Die Mädchen, die doch so hell lachen, haben klaffende Lücken im Kiefer, ganze Zahnreihen fehlen ihnen, schwarze Löcher tun sich auf, auch beim Bruder, der keinen einzigen Vorderzahn mehr besitzt. Die Zähne der kleinsten der Schwester, stehen schief und krumm, mager und bröcklig, fast möchte man sagen aufgegeben. Das ist der Krieg, der Krieg wo auch immer, das sind ja nicht nur zerberstende Häuser und brennende Straßen, sondern die gekappten Wasserleitungen, der Mangel an Hygieneprodukten, der Hunger, er frisst sich nicht nur in die Rippen hinein, sondern zieht die letzten Reserven aus den Zähnen, die dann nutzlose Stümpfe geworden, als Relikte anderer Zeiten vom Krieg erzählen.

Diese Zähne oder besser diese Lücken kenne ich gut. Die Kinder im indischen Slum haben sie auch. Verfault sind die Zähne, nach den Milchzähnen, fallen bald auch die bleibenden Zähne aus und Glück haben diejenigen, die mit zehn Jahren ein billiges, schweres Gebiss bekommen, eine Prothese, aber eine die nichts mit den Dritten zu tun hat, mit denen in der hiesigen Werbung, gut gelaunte Rentner herzhaft in einen grünen Apfel beißen. Viele Kämpfe führt man ja und ich seit Jahren einen mit der Zahnbürste. Ungezählte Kofferladungen und der hartnäckige Versuch, den Gebrauch der Zahnbürste zu etablieren. Dort wo es keine Zahnbürsten gibt, oder Zahnbürsten für diejenigen, die sie am dringendsten brauchen, unerschwinglich teuer sind. In den ersten Jahren sind mir stets mit stolzem Lächeln, die originalverpackten Zahnbürsten präsentiert worden. Aus diesem Fehler habe ich gelernt und heute immerhin, kommen die Kinder zum Putzen in die Klinik, es gibt Milch und Obst und dann geputzte Zähne. Inzwischen machen manchmal auch die Eltern mit. Aber auch hier ist es ein zäher Kampf gegen die Unterernährung und den allgegenwärtigen Mangel, der schwarze Abgründe hinterlässt.

In Dublin ist es kalt und stürmisch, aber von weitem schon sehe ich die schmale Figur des Tierarztes, so schmal, dass ich glaube der Wind zieht ihn mit. Aber da sieht er mich schon und läuft mir entgegen. Eine halbe Stunde später sitzt er am Küchentisch und ich richte eine Kokos-Möhrensuppe. „Mit Ingwer für Dich?“, frage ich ihn und der Tierarzt nickt. Einmal sagt er, während des Studiums noch, bei einem Praktikum in der Landwirtschaft, habe er einer Kuh einen Zahn gerissen, den habe er lange mit sich herum getragen. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „In den Zeiten des großen Hungers, sagt er und sieht mich an, brach mir einmal ein Zahn heraus, aber ich war nur froh darum und fühlte mich deutlicher leichter.“ Noch später als es sowieso schon ist, putze ich mir die Zähne, aber im Spiegel sehe ich nicht mich, sondern die Zahnlücken der vier Mädchen, klaffend und übergroß, verzerrt und unleugbar, das ist der Krieg, den wir so gern in großen Wörtern beschreiben und vor allem verdrängen, aber hier in den kaputten Mündern der anderen, können wir sehen, was wir alles nicht wissen wollen.

Dem Sommer hinterher

Noch einmal mit dem Rad zweimal, links, einmal rechts und dann die lange Straße hinunter bis zum See. 12 Grad zeigt das Thermometer, aber gegen 12 Grad Wassertemperatur in Irland, hat der See zu meinen Füßen warme Arme. Noch einmal also den Enten zunicken und den Schwan lieber nicht beim Schlafen stören. Warm ist das Wasser und seidenweich, aber schon fährt der Wind durch die Bäume und weißer Schaum tanzt auf den Wellen. Noch einmal also schwimme ich hinaus in die Mitte des Sees. Im Schilf zu meiner Rechten, liegt ein gestrandetes Ruderboot. Hellgrün und gut verborgen, die letzte Ausfahrt des Sommers, bevor die Boote für den Winter vertäut werden. Noch einmal glitzert die Sonne auf dem wogenden Wasser und scheint mir ins Gesicht. Die Birken rascheln leise, die Kiefern knacken leise und noch reichen die Zweige der Buchen bis auf das Wasser hinunter. Schon aber steigt ein etwas modriger Geruch aus den Tiefen des Sees herauf. Noch ist der Muschelthron leer, noch schläft der Nöck und träumt von kommenden Tagen, aber diejenigen, die unter ihm leben , reißen die Fenster des Palastes weit auf, schütteln die Decken und ziehen die Bezüge von Stühlen- feinster Seidentang- natürlich hinunter, der sich nun zwischen meinen Beinen verfängt. Noch aber wärmt die Sonne und von weitem lässt sich nur schwer sagen, ob das Laub der Bäume nur sonnenbeschienen gelblich und golden glänzt oder ob nicht der Herbst den Bäumen schon einmal flüchtig zwar nur, aber ausreichend doch durch die Haare fuhr und seinen Handabdruck hinterließ. Noch liegen vor dem Bootshaus rote und grüne Ruderboote, die von langen Nächten und weiten Sommerkleidern erzählen, von schönen Mädchen zu berichten wissen und von einem jungen Mann vielleicht, der für sein Mädchen das Lied vom weißen Flieder pfiff. Von weite und durch das Laub gedämpft fährt die S-Bahn ein und Joggerinnen, die alle schon dicke Daunenwesten tragen, höre ich tauchen sie zwischen den Baumgruppen auf. Sie sind dem Sommer schon entwichen und laufen schon in den Herbst hinein. Ich aber schließe noch einmal die Augen und tauche erst viele Meter wieder aus dem Wasser auf. Zurück am Ufer schließlich nach einer dreiviertel Stunde und in ein dickes Handtuch gewickelt, fällt mir ein gelbes Blatt aus den Haaren und sagt wie ich dem Sommer, Ade.

Graue Wirklichkeiten

Ich bin nur einmal in Bautzen gewesen. Vor zwei Jahren mit meinem Freund Yoav aus New York. Yoav ist offensichtlicher Jude als ich es bin. Yoav ist frumm und man sieht es ihm an. Schon seine Großeltern noch zu Bautzen geboren, vor vielen Jahren als es in Deutschland noch Juden gab, waren frumm. 1938 als die wenigen Juden der Stadt Bautzen in einem Schandzug durch die Stadt geführt wurden, mitten durch die Gassen und Straßen zu Hohngeschrei und später zerbarsten dann die Scheiben und standen die Läden der Juden in Flammen. Da verließen sie die Stadt und das Land. In Deutschland, das muss man wissen hat immer schon alles eine Geschichte. Yoav aber besuchte mich und wollte einmal durch die Straßen der Ahnen gehen. Wir fuhren hin und es war ein schöner, warmer Sommertag. Die Stadt hat viele, feste Türme, kleine Straßen und einen Markt. Sieh sagte Yoav, lass uns dort Weintrauben kaufen. Aber auf dem Markt gab es nur Käse in gelben Plastikeimern, die ein Mann mit Mikrofon in der Hand werbend beschrie. 5 Euro ein Kilo Käse. Die Schlangen waren sehr lang. Ein anderer Mann verkaufte Würste. Nicht unser Interessengebiet. Andere Stände verkauften Filzlatschen, Polyester T-Shirts oder nach Plastikdämpfen riechende Turnschuhe. Einen Stand mit Obst fanden wir nicht. Ohne Weintrauben suchten wir das Haus der Großeltern und fanden es schließlich auch. Yoav war gerührt. „Hier hat es begonnen“, sagte er und fotografierte. Das kam nicht gut an, denn eine Frau und ein Mann, beide weder jung noch alt, mit bulligen Gesichtern kamen auf uns zu und plärrten: „Judenschweine verpisst euch.“ Yoav spricht kein Deutsch, aber wer Yiddisch spricht so wie er und ich, versteht was das heißt. Wir gingen lieber, aber nicht ohne, dass wir dem Paar nicht sehr deutlich an die Existenz der Polizei erinnert hätten, die wir riefen, sollten sie noch einmal so ausfällig werden. Dann gingen wir hinaus auf den Jüdischen Friedhof und Yoav und ich beteten, das Shema Israel, wie man es hält auf allen Jüdischen Friedhöfen der Welt. Es war ein sonniger Nachmittag und wir saßen auf dem Marktplatz in der warmen Mittagssonne. „Die Menschen hier haben alle graue Gesichter“ sagte Yoav und ich nickte, denn er hatte Recht. Die Leute auf dem Markt ob jung oder alt, nicht so alt oder doch schon älter, sie sahen weder zufrieden noch froh oder gar strahlend aus. Sondern es war als läge über vielen Gesichtern ein Grauschleier nicht immer und überall gleich wahrnehmbar, aber doch auch nicht zu leugnen. Deswegen kommen mir die Reaktionen auf Bautzen, deren Schlüsselsatz lautet: Bautzen bleibt bunt“ so merkwürdig vor. Denn nichts in dieser Stadt ist bunt, hier ist schon seit langen Jahren, vielleicht schon seit dem Schandzug des 1938er Jahres nichts mehr bunt gewesen. Hier leben Menschen für die, die Welt schwarz und weiß ist. Hie gehörte die SED und der Pionierzug zum Stadtbild, von den Stasigefangenen nebenan wollte man lieber nichts so genau wissen. Die Welt war doch eingeteilt, von oben geordnet in Volksfeinde und ehrliche Arbeiter. Wer je einmal durch unsanierte Straßenviertel von Aschersleben oder Bernburg ging, dem wird sich der Eindruck nicht verhehlen, dass sie DDR ein durch und durch graues Land war. Die roten Fahnen hingen alle grau und krank/ Im Regenhimmel rum, sang Wolf Biermann. Den sollte man aber auch nicht hören. Blätternder Putz und Kohlepartikel, der Staat als eine Schule der Gifte. Die Elbe und all ihre Nebenarme schlammgrau. Kohleberge auf dem grauen Pflaster der Trottoirs. Die Mauer war ja auch nicht mit Mosaikkunst der späten Sowjetunion verziert sondern ein grauer Block.

Der Kindergarten war kostenfrei, die Schulspeisung zwar zäher Griesbrei aus Leim aber dafür zu 30 Pfennigen zu haben, die Schule war umsonst und es gab keinen Singekreis und die Ferienspiele gingen sechs Wochen. Vor allem aber wusste man was man sagen durfte und was besser nicht. Dass die Nachbarin etwas schon wieder in Dresden gewesen sei und den Trabant nach nur mehr vier Jahren bekam, das konnte ruhig einmal auf den Tisch, aber das der Opa im Krieg auf den Russen geschossen hat, das behielt man wohl lieber für sich. Obwohl der Opa natürlich Recht hatte. Der hatte den Russen kennen gelernt. Natürlich war man nicht rechts, sondern man war auf Opas Seite. Auf welcher denn sonst? Überhaupt warum sollte die Welt denn bunt sein müssen? Es gab doch staatlich geprüfte Schlagersänger und das waren keine Rowdys wie die westlichen Kollegen, die auf Englisch jaulten, während doch in der DDR auf Deutsch gesungen wurde wie sich das gehört. Die Zeitungen des Staates zog man wohl eher selten zu Rate und man war es doch nicht anders gewohnt, als das dass ganze Leben nichts anderes war, als eine lange Linie der Wahrheitsbiegung,-unterdrückung, und der Überschreibungen, in der die DDR wirklich Weltmarktführer war. Dabei war die DDR auf der anderen Seite doch immer eine Welt der einfachen Wahrheiten. Niemand konnte behaupten, es sei kompliziert im Staat der für alle Lebenslagen eine Antwort und vor allem die richtige Antwort bereit hielt. Einfach und einprägsam. Jugendweihe als Menschwerdung. Frauen auch auf die Traktoren. Ins Erzgebirge ja, nach Dänemark, nein. Der Friede muss bewaffnet sein. Überall Feinde, mit den Klassenfeinden begann es ,aber wo ein Feind ist, sind auch viele imaginäre Gegner nicht weit. Mein grauer Delphin nannte Sarah Kirsch den sterbenden Johannes Bobrowski, der ging in der Poliklinik, in der alles umsonst war an einer Blinddarmentzündung ein.in Kessel Buntes lud zum Mitklatschen ein Das Bunteste was es gab war wahrscheinlich das Leipziger Allerlei. Aber auch das war ja meistens schon alle bevor man selbst an die Reihe kam. Das war unerfreulich, aber wenigstens war die Ordnung gewahrt. Diese Ordnung wurde von einer als unordentlich empfundenen Welt hinweggespült, die ihrerseits kein Ordnungsangebot machte, sondern über die Figuren, die in ihren unförmigen Anoraks nun in den Westen kamen,lachte. Aber man hat zu früh gelacht, denn Menschen, die Feuer nicht austreten, sondern anflammen, die Rettungswagen blockieren und neben Parolen auch Pflastersteine zu werfen wissen, denen vorzulesen, dass Bautzen doch bunt sei und bleibt, das erscheint mir als hochgradig naiv. Jemanden mit Hüpfburg und Straßenfest zu besänftigen, der das Gewaltmonopol des Staates in die eigene Hand nimmt, denn: „dass ist unsere Stadt“ heißt ja nichts anderes, als das diejenigen jetzt sich anmaßen, die Institutionen des Staates durch gewalttätiges Handeln abzulösen. Der Pflasterstein ist ja keineswegs nur Symbol, sondern auch Baumaterial. Die, die sich jetzt hier des Staates selbst entledigen, sie treffen auch wenn sie es nicht wissen-es kamen im Geographieunterricht der DDR und in Opas Geschichten ja nicht alle Länder vor- auf Menschen, die wie sie das staatliche Gewaltmonopol als nicht adäquat erleben, sondern mit denselben Mitteln zu agieren wissen, wie diejenigen die auf der anderen Seite des Marktplatzes stehen. Das ausgerechnet die Nachfolgepartei der SED zum bunten Miteinander aufruft, erzählt etwas davon, dass in Deutschland immer schon alles eine Geschichte hat, auch wenn die so gerne und so schnell wieder vergessen wird, wie es geht. Aber vielleicht wäre es an der Zeit den Grauschleier, so bunt er auch sein mag, einmal einzutauschen gegen eine schmerzhafte und keineswegs angenehme Analyse derjenigen, die klatschend und pfeifend zum Totentanz des Staates als Ordnungsmodell aufrufen.

In Berlin

Ein später Sommer liegt über der Stadt. 27 Grad sind es in Berlin als ich lande. Auf dem S-Bahn Gleis streiten sich zwei Flaschensammler. Sie tragen prall gefüllte Plastiktüten mit sich herum und beäugen misstrauisch jeden Reisenden als hätten wir etwas zu verbergen oder als rückten wir aus purer Gemeinheit die Flaschen nicht heraus. Es geht um ältere Rechte. Aber geht es darum nicht immer? Ein Mädchen mit langen weizenblonden Haaren trinkt Wasser aus Fiji in langsamen, abwägenden Schlucken. “Etwas anderes könne man gar nicht trinken”, sagt sie zu ihrer Freundin, die etwas neidisch auf das kostbare Wasser starrt. Außer natürlich Champagner. Die beiden kichern. Die Flaschensammler aber mustern sie nicht weniger geringschätzig als mich, die ich ohne Flasche auf dem Bahnsteig warte. Im Pfandsegment scheint das Fijiwasser keine herausragende Rolle zu spielen. Dann kommt die Bahn. Die Bahn ist voller Menschen, die ihre Fahrräder mit in die Bahn pressen. Die Fahrräder werden von Jahr zu Jahr größer und schwerer, glaube ich. Die Männer und Frauen, die damit nun hinaus ins Grüne fahren, wo ich wohne, vergleichen Preise, Material und fummeln mit ihren Pulsuhren. Mein Wunder über diesen Aufwand für eine Runde um die Berliner Seen, vermag sich kaum zu legen,wenn Sie doch wenigstens über die Berge führen, aber sie befühlen lieber ihre Reifen auf den genau richtigen Druck.

Im Supermarkt streiten eine junge Frau und ihr Freund. Es geht um die Wahl des richtigen Energydrinks und es geht natürlich ums Ganze. „Was hast Du?“, fragt sie wieder und wieder den Mann an ihrer Seite, der unschlüssig abwägt vor dem Regal welche der bunten Dosen, den richtigen Energiegehalt hat- „Pardon“ sage ich, denn ich muss an den beiden vorbei, um Gemüse zu wiegen, da dreht sie sich um und schreit in meine Richtung: „ So sind sie die Männer.“ Aber ich sehe nur die Frau mit ihren struppigen Haaren und dem ausladenden Gebiss und will nicht mehr wissen, nicht von ihr, nicht von ihm und von Energydrinks schon gar nicht. Die Straße aber, in die ich dann endlich einbiege, liegt still in der Mittagssonne, liegt schlafend da und das Laub knackt schon unter meinen Füßen. Die Eichhörnchen klettern die Kiefern hinauf, auf dem Gehweg schläft eine bunte Katze, die Nachbarin winkt und ruft mir etwas zu, was ich nicht verstehe, ich nicke trotzdem und schließe endlich die Wohnungstür auf. Still ist es hier, noch stiller als auf der Straße, bevor ich aber die Wäsche ansetze, die Sachen in den Kühlschrank lege und den Gartenschlüssel vom Bord nehme, lehne ich einen langen Moment im Türrahmen und sehe auf die vertrauten Bücherstapel, den alten Perserteppich, die Pfefferminze am Band in der Küche, die fette Henne auf dem Balkon und frage mich was man eigentlich sieht, wenn man sein Leben aus der Distanz, wenn auch nur aus einer Kurzen betrachtet und ob nicht in dem was wir sind, nicht immer schon die Möglichkeit liegt, dass hier in dieser Wohnung auch jemand ganz anders, ein Schriftsteller zum Beispiel wohnen könnte, der scharfe, schwarze Zigaretten raucht und morgens Gymnastik macht auf dem Balkon oder eine Lehrerin mit welligem Haar und einem kleinen Hündchen und nicht zuletzt auch das Paar aus dem Supermarkt, dass sich hier weiter stritte, über das Ganze oder auch Nichts. Dann aber klingelt das Telefon und als ich rangehe, sagt Schwesterchen: „Ach endlich bist Du da, ich wollte Dir noch sagen…“

Prozession zu nächtlicher Stunde

Geträumt:

Dicht ist der Wald und dunkel wie die Nacht an ihrem tiefsten Punkt. Barfuss bin ich, aber kalt ist mir nicht. Zu dunkel ist es aber um zu erkennen, ob meine Füße auf Moos treten oder sich tief in die feuchte Erde graben. Es riecht nach Regen und sind es nicht auch dicke Tropfen, die von meinen Wimpern bis auf die Lippen tropfen? Erst sehe ich die Schildkröten nicht, die sich langsam aus dem Dunkel herausbewegen. Erste sehe ich eine und dann sehe ich viele. Zweihundert oder vielleicht auch dreihundert Schildkröten treten aus dem Dickicht hervor. Von Ferne gleichen sie einer religiösen Prozession, ein gewaltiger Leichenzug für einen lange schon verstorbenen Kaiser oder eine Prinzessin aus fernen Landen. In je einer Klaue tragen die Schildkröten eine lange, weiße Kerze, das flackernde Licht erhellt für Sekunden bloß, die Gesichter der Schildkröten, sie alle sehen einander sehr ähnlich, aber das sie alle gleich aussähen kann ich nicht sagen. Ernste und sehr alte Schildkrötengesichter sehen mich an. Ich stehe schweigend noch immer im tiefen Dunkel verborgen und sehe die Schildkröten an. Dann erst fällt mein Blick auf ihre Panzer. Die im Kerzenlicht flackernden Panzer der Schildkröten sind nämlich nicht grau oder grünlich gemustert sondern aus feinem Marmor gearbeitet. Bedeckt sind die Panzer mit Schriftzeichen und Wörtern. Hindi und Farsi, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch, aber auch Hieroglyphen und lange Zahlenreihen kann ich erkennen. Dann bleiben die Schildkröten vor mir stehen. Die offenbar Älteste unter ihnen tritt vor und sieht mich an. „Lies“ befiehlt sie und sieht mich aus kleinen, schwarz und böse funkelnden Augen an. Dann heißt sie eine Schildkröte nach der anderen vortreten. „Lies“ sagt sie noch einmal. Ich lese. Ich mühe mich redlich mit Hindi, Farsi und all den anderen golden, glänzenden Schriften und Zeichen auf den Panzern der sich langsam nach vorn schiebenden Echsen. Aber so sehr ich mich auch mühe, die alte und erste der Schildkröten ist nicht zufrieden. „Zu langsam“ zischt sie, oder „falsch“ oder „ungenügend“ und „Gestümper“, „erbarmungswürdig“ gar als ich schließlich an den Hieroglyphen scheitere. Die anderen Schildkröten kichern leise und schwenken ihre Hälse langsam vor und zurück, das macht das Lesen aber nicht gerade einfacher. Dann aber fängt es heftiger an zu regnen und die alte Schildkröte ruft: „zurück in den Wald, na los macht schon der Regen verdirbt die Schrift und dann krächzen die Schildkröten in gemeinsamen, schauerlichen Chor: „bewahrt das Geheimnis, das Geheimnis seid“ ihr und ziehen zurück in den dunklen, schwarzen und unendlich dichten Wald. Ich will ihnen hinterher, aber als auch ich loslaufen will, wache ich auf.

Auf meinen Schultern sitzt die Katze und fährt mir mit ihrer Zunge über das Gesicht. Zehn Minuten später reiche ich der Katze ein Schälchen voll Milch und starre durch den Regen hinaus in die dunkle Nacht. Aber so sehr ich mich auch bemühe, nirgendwo kann ich auch nur den Umriss einer Schildkröte erahnen.