Schon wieder Mosebach

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Mit mir und Martin Mosebach ist es so eine Sache.  “Was davor geschah” habe ich mit Begeisterung und großem Staunen darüber gelesen, dass ein deutscher Gegenwartsautor so federleicht und so groß über die Liebe schreiben kann, dass vergisst man ja immer schnell unter dem dicken Blei artifizieller Gesellschaftskritik, die deutsche Literatur oft so sterbensöde macht. Das “Blutbuchenfest” habe ich gern gelesen, auch wenn die Figuren mir weithin fremd blieben und dennoch die Szenen auf dem Land und die erste blutige Hochzeit haben mich sehr beeindruckt.  “Das Bett” Mosebach’s erster Roman in dem ein Jude viel Zeit im Federbett verbringt, habe ich abgebrochen. Sollte das ein Versuch sein, dass Klischee zu ironisieren? Ich weiß es nicht, aber deutsche Ironie in jüdischen Fragen macht mich selten heiter. “Westend” habe ich wieder zur Seite gelegt, zu dumpfig und eng und von allen Seiten her unsympathisch schienen mir die Protagonisten und noch dazu habe ich mich herzhaft gelangweilt. Über  “Die Häresie der Formlosigkeit” habe ich mich  heftig geärgert, wenn ich es auch nicht ohne Interesse gelesen habe. Mosebach gibt sich dort ganz als Kreuzritter gegen eine- katholische Welt- die sich von der seinen bedenklich unterscheidet. Die Profanisierung des Heiligen und die Abkehr von der Lateinischen Messe macht er zu Grundpfeilern seiner Polemik. Mosebach verschweigt dabei wohlweislich, dass das 2. Vatikanische Konzil, dass er so genüsslich verachtet, eben auch die Judenmission und viele andere, wenig rühmliche Kapitel der einzig wahren Kirche ad acta legte. Das ist eben ein bleibendes Problem der deutschen Konservativen, dass sie immer mit Erstaunen und beleidigtem Gesicht der Tatsache gewahr werden, dass nicht alle Welt mit ihnen bereit ist, die zwölf deutschen Jahre zur Seite zu legen und sich herzhaft zu strecken, wie der Jude im Bett. Der Snobismus des Buches indes hat etwas so rührend Altmodisches, dass man die intellektuellen Unzulänglichkeiten fast schon vergisst. Gelesen habe ich es auch deshalb, weil Mosebach zu den klugen und sehr scharfsinnigen konservativen Denkern gehört, die anders als andere sich nicht in einer tiefen und warmen Wanne der Selbstgefälligkeit aalen. Sein Indienbuch indes hätte ich selbst gern geschrieben.

Nun also  Mogador. Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Patrick Elff, ein begabter und ambitionierter Banker, ahnt seine eigene Verhaftung voraus und setzt sich nach Marokko ab. Zurück lässt er Pilar, eine kühle Schöne, Immobilienmaklerin und auch seine Ehefrau. Zurück lässt er aber auch lauter offene Fragen, die nicht nur ihn, sondern auch die Bank betreffen für die er arbeitet. Das alles ist klug geknüpft und keineswegs nur Satire. Es geht um Bestechung, um Aktenkoffer, die Ukraine kommt vor und auch ein Politiker der über das Zimmermädchen fällt, kommt vor.  Das Ganze ist geschickt  verknüpft mit Mogador, dem heutigen Essaouira  und vorläufigem Ende der Flucht. Dort in einer Art Niemandsland, in der aus Patrick Elff, Monsieur Paris wird verknüpft sich seine Geschichte mit der von Khedija, die mit Dämonen spricht von denen sie genug eigene hat,und die im aussichtslosen Strudel von Analphabetismus, Prostitution und Mangel an Möglichkeiten zur Geschäftsfrau mit harter Hand wird. Großartig sind die Schilderungen der Bettler auf den Straßen der Stadt, fantastisch gelungen auch Monsieur Pereira mit seiner Leidenschaft für Obelisken und dem Geruch der Macht und überhaupt die an- und abtretenden Haupt- und Nebenfiguren sind alle so sorgfältig wie gelungen gezeichnet. Das aus der “Zeit Fallen” des Protagonisten und das Erlebnis der Stadt als Wartesaal, noch dazu im frostigen Winter, der sich jeder orientalen Exotik enthält. Dies alles  also liest man mit anhaltender Zuneigung und als man sich fragt was denn jetzt noch kommen kann, und man ein wenig die sprachliche Ornamentik beginnt zu begähnen, da entwirft der der Autor eine klischeegebogene ménage à trois  man ärgert sich schon fast, denn die Metaphern sind wirklich zum Grausen-ich werde nie begreifen warum man sich gegen Klitoris und für “öffnet mit seinen Fingern das rosige Meerestier” entscheidet, aber ich kenne auch Ärzte, die Frauen um die Untersuchung ihrer Mumu bitten – und sollte mich also wirklich nicht mehr wundern-, da dreht Martin Mosebach das Ganze so gekonnt in eine Erzählung von Gewalt und Schrecken um,  dass man Paul Bowles auf der Stelle vergisst und atemlos die dritte Flucht des Protagonisten zurück nach Deutschland verfolgt. Fast so beiläufig, wie er begann endet der Roman und schlägt man ihn zu, weiß man: Martin Mosebach hat ein großes Buch geschrieben.

Martin Mosebach, Mogador, Rowohlt, 22. 95 Euro.

Es gibt keine Orangen mehr in Jalalabad

Vor fast genau einem Jahr sitze ich am Schreibtisch in einem engen kleinen Zimmer in der Slum-Klinik in Neu-Delhi. Ich habe Blutflecken und Kinderspucke auf dem T-Shirt und in meinen Haaren stecken drei Bleistifte. Ich schreie wie ein Viehhändler in das Telefon, weil ich einen richtigen Rabatt und kein Almosen für Wasserfilter heraushandeln will. Da kommt die S. zur Tür herein. „Read On“ sagt sie, da will jemand zu ihnen. Ich nicke und endlich knickt mein Gegenüber am Telefon ein. Wenig später steht ein schmaler Mann mit lächelnden Augen vor mir in der Tür. „Der G. empfiehlt mich“ sagt er und ich stehe auf. „Sie sind Read On, nicht wahr?“ sagt er und stellt sich vor. Ich nicke und versuche so zu tun als hätte mein T-Shirt keine blutverkrusteten Ränder. „Stimmt das fragt mich mein Besucher, dass hier Hindus und Muslime behandelt werden?“ Ich schüttle den Kopf. „Kommen Sie mit aufs Dach” sage ich und als wir oben auf dem flachen Dach stehen, zeige ich ihm wo die muslimischen Familien wohnen und wo die Hindus, ich zeige ihm die Hütten der nepalesischen Flüchtlinge und derjenigen aus Kathmandu und Sri Lanka. “Dort hinten, wo das blaue Wasserfass steht, dort wohnen die Biharis und gleich nebenan Familien aus Bangladesh.” Mein Besucher lacht. „Sie sind wirklich verrückt“, sagt er und seine Augen funkeln fröhlich. Ich muss auch lachen, denn es ist wirklich verrückt. Dann sitzen wir mit dem Rücken an die Wand gelehnt und sehen hinunter in die engen Straßen des Slums. Die B. bringt Tee und mein Besucher öffnet seine Tasche. Er zieht Weintrauben und Orangen heraus. “Ich bin aus Jalalabad, Afghanistan” sagt er und meine Augen werden groß. “Jalalabad”, sage ich, “dass ist doch eine Stadt wie im Märchen”. Mein Besucher nickt und legt die Weintrauben und Orangen in die Schale. „Probieren Sie“, sagt er und ich strecke vorsichtig die Hände aus. Hierzulande ist Afghanistan ja eine Welt aus grauem Stein und bewaffneten Horden, unterdrückten Frauen und Opiumfeldern, dabei sind die Obstgärten Jalalabads nicht zu vergleichen mit denen der übrigen Welt. Jeder von uns hat mindestens fünf Kinder auf dem Schoß, die die besten Orangen der Welt essen und wir trinken Tee. Mein Gast erzählt mir von seinem Versuch Stipendien für Kinder in den abgelegenen Dörfern Afghanistans zu organisieren, ich erzähle von den Schwierigkeiten aus immer zu wenig ausreichende Versorgung zu machen, seine Augen leuchten und strahlen und ich ziehe einen Bleistift aus meinen Haaren und schreibe mir seinen Namen und die Adresse auf. „Hören Sie, sagt er bevor er geht, ich habe einen Traum, dabei blinzelt er mir verschwörerisch zu. “Ich träume von einer Eisenbahnverbindung, die von Delhi über Lahore bis nach Kabul führt. Stellen Sie sich das vor sagt er ihre Kinder und meine Kinder setzen sich einfach in den Zug und studieren in Kabul, Lahore und Delhi”. Ich nicke. „Und Sie, sagt er, Sie kommen mich besuchen in Jalalabad und ich zeige ihnen meinen Orangenhain.“ Natürlich bin ich Feuer und Flamme. “Aber bestimmt” sage ich und der G. wird Augen machen, wenn Sie aus Jalalabad und ich aus Neu-Delhi zu einer Lesung seiner Gedichte in Lahore kommen. Mein Besucher nickt begeistert. „Traumtänzerin“, sagt er beim Abschied und sieht noch einmal vom Dach über die endlosen Hütten des Slums hinweg, darf ich Sie Traumtänzerin nennen?“ “Aber sicher doch”, sage ich, “denn was würde besser passen, an einem unmöglichen Ort wie diesem hier.” In den folgenden Wochen und Monaten bekomme ich viele Emails, die alle mit „Liebe Traumtänzerin“ beginnen und immer mit der Erinnerung an den Orangenhain in Jalalabad enden. Im Winter treffen wir uns in den USA. Du stellst mich auf einer Konferenz vor: „ Read On und ich” sagst Du, “wir träumen von einer Eisenbahn, die von Delhi über Lahore bis nach Kabul führt.” Die Leute lachten. Wir sahen uns an. Es war uns ernst. “Traumtänzerin”, sagtest du zum Abschied, “die Leute hier brauchen keine Träume. Wie arm sie doch sind. Aber wir, Sie in Neu-Delhi und ich in Jalalabad wir können ohne Träume nicht leben.” Wir planten ein Wiedersehen. Wir wollten endlich einmal zusammen Eisenbahn fahren als Übung sozusagen für die große Fahrt. Die letzten Emails, die wir wechselten waren sorgenvoll: die Lage in Kashmir und die Lage in Afghanistan. Aber am Ende immer der Orangenhain in Jalalabad und die Kinderschar in Neu-Delhi. „Traumtänzerin, antworten sie bald!”

Am Mittwoch stehe ich in der Küche und achtele Tomaten. In den Nachrichten heißt es, die Taliban griffen die Amerikanische Universität in Kabul an. Ich schnitt mir tief in den Finger und wieder tropfte Blut auf mein T-Shirt und dann rannte ich zum Computer, aber meine Finger machten nicht mit: Ich schrieb: hvkuhvlifxjvvmvkdmvkxmkd. Das sollte heißen: Bitte melde dich, bitte sag mir, dass Du am Leben bist, bitte schreib mir, dass alles in Ordnung ist. Ich google hektisch den Semesterplan der Amerikanischen Universität Kabul. Ich google Orangensaison Jalalabad. Ich hoffe Du bist in Jalalabad in deinem Orangenhain. Ich warte. Am nächsten Tag ruft mich der G. an. Es knackt in der Leitung. “Es gibt keine Orangen mehr in Jalalabad” sagt er, dann bricht die Verbindung ab. Ich beiße mir die Knöchel blutig. Später lerne ich, dass du deine Studenten unter dem Schreibtisch zu verstecken versucht hast, als sie kamen.Die Detonation der Bombe hast Du überlebt, aber die folgende zehnstündige Belagerung der Universität nicht mehr.

Naqib, ohne dich sind alle Träume leer.

Edit:  Frau Arboretum hat das Richtige gemacht und sich nicht nur erinnert, sondern auch an das ‘Weiter’ gedacht. Naqib Ahmad Khpul-walk war Jura -Professor an der Amerikanischen Universität von Kabul. Er war aber auch der Hauptverdiener einer großen Familie. Fünf seiner Schwestern und ein Bruder gehen noch zur Schule und sollten das auch weiterhin tun dürfen- denn Naqib glaubte fest daran, dass Bildung ein anderes, helleres und friedlicheres Afghanistan bauen würde. Ravi Patel hat eine Seite eingerichtet, die Spenden für Naqib’s Familie sammelt und auf der sich viele, weitere und klügere Nachrufe auf diesen wunderbaren und unersetzlichen Menschen finden, der Naqib war. Jeder Beitrag hilft. Naqib war die Sonne selbst.

Wer spenden kann und möchte, kann dies hier tun: Remembering Naqib Khpulwak

 

Zimmer 208

Die Scheidung der D. und des K. habe ich damals nur aus der Ferne mitbekommen. Ich war noch immer in Los Angeles als die D. mit den Kindern zurück zu ihrer Mutter ins Burgenland zog. Die A. die damals, die ganze Sache aus der Nähe verfolgte, zuckte mit den Achseln. “Die D. sagte der K. sei ihr einfach zu langweilig geworden und außerdem fehle ihm der gewisse Biss. Damit meinte sie wohl das richtige Gespür die Ellenbogen auszufahren, wenn es darauf ankam”. Der D. hat das nie vermocht. “Die D. sagte damals der K. habe von ihr erwartet, dass sie ihm mit 10.000 Euro im Monat einen repräsentativen Haushalt führe.” Daraufhin habe die K. lange und bitter gelacht. Zwei Wochen später der D. kam von einer Geschäftsreise aus Hongkong zurück, fand er einen Zettel auf dem Küchentisch. Die Scheidung war dann nur noch eine Frage der Zeit. Die A. sagte damals: „Es ist vor allem schade um das schöne Haus.“ Alle sahen ein wenig betreten zur Seite, denn das klang doch zu offen nach Kommerz und harten Zahlen, aber Recht hatte sie doch. Die Villa im Grunewald war so geschmackvoll wie einladend gewesen, dicke Perserteppiche auf altem Parkett, ein Palmengarten mit zierlichen Bambusmöbeln und natürlich das ausladende Rauchzimmer, wie man früher gesagt hätte, mit seinen Chesterfield Sofas und dem gewaltigen Flügel. Der K. sammelte zudem Ostasiatika und uns allen tat es leid um die gutmütig lächelnden Buddhas, die auf grüner Jade thronten und die mächtigen Statuen, die vielleicht einmal vor vielen Jahren einem Palast besondere Würde und Ehrfurcht verliehen hatten und die auch hier im Grunewald auf das Vortrefflichste ihrer Wächterrolle gerecht wurden. Sie alle verschwanden, um bald schon verkauft zu werden und mit dem letzten Teppich verschwand auch die D. Die D. ist heute übrigens mit einem Immobilienmakler, der auf dem Hochzeitsfoto, wie ein Haifisch grinst, verehelicht und das Haus, irgendwo im Süddeutschen gelegen, besteht zu Dreivierteln aus Glas. So jedenfalls erzählt es die A. die auf der Hochzeit war. Als ich aus Los Angeles zurückkam, gehörte die Villa im Grunewald längst schon neuen Besitzern. Als ich die A., die mit dem K. immer schon enger befreundet war als ich, nach dem Verbleib desselben fragte, murmelte sie: „Der K. lebt jetzt im Hotel.“ Das war 2013. Der K. lebt noch immer im Hotel. Das Hotel selbst ist keines jener prunkvollen, berühmten mit in dunkelroter Seide ausgeschlagenen Vestibülen und Sesseln mit vergoldeten Löwenpranken, wie man sie in Paris zuweilen noch findet, sondern das Hotel, dass ich an einem Sommernachmittag während meines Rückfluges von Madrid nach Berlin betrete, ist eines der vielen Flughafenhotels, die so eigenschaftslos wie funktional zwischen New York und Hamburg nach den immer gleichen Mustern und der immer gleichen Realität funktionieren. In der Eingangshalle zwischen lauter eiligen und in ihre Telefone schreienden Geschäftsreisenden entdecke ich den K. der mich in seine Arme zieht. „Willst Du hier Kaffee trinken oder lieber bei mir?“ „Bei Dir“ sage ich und wir fahren mit dem Fahrstuhl hinauf in den fünften Stock. Ich sitze auf einer schwarzen Ledercouch und der K. lehnt sich in einem ebensolchen Sessel zurück. Eine Taste auf dem Hoteltelefon später, klopft es an der Tür und eine schmale Frau bringt Kaffee und Kuchen. Sie lacht schüchtern und der K. nickt ihr aufmunternd zu. „Ich habe” sagt er als die schwere Tür sich hinter uns schließt, “sogar schon ein paar Brocken Rumänisch gelernt“. Die Zimmermädchen sind alle aus Rumänien oder von den Philippinen. Ich nicke. Der K. sieht auf seine langen, schmalen, ganz leicht gebräunten Finger. „Teuer“sagt er ist ihm die Scheidung zu stehen gekommen, und schüttelt den Kopf. Den Verkauf des Hauses habe er schwer verkraften können. Er habe doch mehr an den Dingen gehangen als er es sich selbst habe eingestehen wollen. Eine seltsame Leere habe sich um ihn gelegt damals und die Vorstellung nocheinmal Gardinen, Geschirr und Möbel auszusuchen habe ihn fast bis an den Rand des Wahnsinns getrieben. Da sei ein Umzug in das Hotel das Naheliegendste gewesen.” Der K. zuckt mit den Schultern. “Er habe es nie bereut. Teurer als eine Wohnung sei es auch nicht. Geschäftspartner träfe er sowieso lieber im Restaurant. Erst kürzlich sei er befördert worden und noch häufiger auf Reisen als ohnehin. In zwanzig Minuten sei er am Gate und sein Auto habe er längst verkauft. Fehlen würde ihm nichts. Seine Bücher seien allesamt auf dem ipad gespeichert und endlich gäbe es auch keine Ausrede mehr, den Weg ins Fitnessstudio nicht zu schaffen. “Jeden Abend liefe er eine Stunde auf dem Laufband und stolz zeigt mit der K. ein Armband, das alle seine Schritte misst. “Einsam sei er manchmal schon”, sagt er und zuckt mit den Achseln. “Dann ginge er hinunter in die Lobby und sähe den Leuten, die ein- ausgingen zu. Manchmal stelle er sich dann vor, er spräche eine Frau an, die allein an der Bar sitzt an und bäte sie zu sich aufs Zimmer. Zweimal schon sei er kurz davor gewesen, aber etwas hätte ihn im letzten Moment doch zurückgehalten. Was genau, wisse auch er eigentlich nicht zu sagen. Im Frühstückssaal hätte er seinen festen Platz und die Kellner wechselten gern ein Wort mit ihm. Immer sei der Wirtschaftsteil der Zeitung für ihn schon aufgeschlagen und am Sonntag brächte ihm das Zimmermädchen oft etwas Selbstgekochtes mit. Der K. sieht mich an. „Das sei nicht so wie ich denke. Natürlich bezahle er sie dafür.” Ich stelle die Pralinen aus Madrid auf den kleinen Glastisch und der K. bedankt sich sichtlich gerührt. Hinter ihm auf dem braunen Sideboard steht ein Kaffeeautomat vor dem lauter bunte Kapseln liegen. Im Schrank befinde sich zudem ein Bügeleisen und ein Bügelbrett. Um knittrige Hemden müsse er sich wirklich keine Sorgen mehr machen- dem Zimmermädchen sei Dank. Seine Kinder, die ihn einmal Monat besuchten gefiele das Hotel und besonders liebten sie das Restaurant. Nach Frankfurt fahre er äußerst selten, die Anzüge, Hemden und auch die Schuhe bekäme er bequem am Flughafen und günstiger seien sie dort allemal.

Abends sähe er gern aus dem Fenster, die aufsteigenden und landenden Flugzeuge beruhigten ihn sehr. Inzwischen wüsste er sogar, welche Maschinen immer Verspätung hätten und für einen Moment liegt so etwas wie Triumph auf seinen sonst so unbewegten Zügen. Mein Angebot gern auch die Wohnung in Berlin zu nutzen überhört er geflissentlich. Zum Abschied umarmt er mich wieder kurz doch fest. Als ich noch einmal einen Blick in das Zimmer werfe, 208 steht an der Tür, sehe ich neben dem großen Fernsehbildschirm, eine Buddhafigur auf grüner Jade. Sie sieht etwas verloren aus, aber da mag ich mich täuschen. Als ich am Gate auf das Flugzeug nach Berlin warte, sehe ich auf die Uhr. Einundzwanzig Minuten, wie der K. gesagt hat, braucht es vom Hotelzimmer aus bis hierher.

Madrid-Schatten

Madrid. Für vier Tage also noch einmal bei Dir. Consuela, deine Mutter hat sich bemüht die Spuren zu verwischen. Dein Zimmer sagt sie, sieht jetzt ganz anders aus. Sie hat Recht. Aber trotzdem ziehe ich Nacht für Nacht ins Wohnzimmer um. Wir beide Deine Mutter und ich tun so als würden wir es nicht bemerken. Überhaupt gehe ich auf Zehenspitzen umher denn überall an den Wänden und auf dem Fußboden liegen die spitzen Scherben der Erinnerung, in die sich so leicht hineintreten lässt. In deinem Zimmer, das eigentlich längst schon Gästezimmer ist, steht noch immer Dein Schreibtisch, an dem Du schreiben lerntest und in dessen vielen Fächern, vielleicht noch immer meine Briefe liegen. Aber ich glaube Du hast sie längst weggeworfen, im Wegwerfen warst Du immer sehr gut. Stellt man sich auf der Terrasse auf die Zehenspitzen kann man das Kloster der en secluso lebenden Nonnen sehen. Ich war fasziniert und bin es bis heute. Auch ich suche ja der Welt zu entkommen. Als ich Dich liebte, und Deine Hand an meinem Rücken lag, sagtest du: „Wenn du mich verlässt, dann lasse ich mich dort einschließen.“ Ich lachte, denn die Nonnen hätten Dir wohl kaum die Tür geöffnet. Aber die Idee gefiel mir, aber sie gefiel mir nicht so gut wie Deine Hand an meinem Rücken. Vielleicht ahnte ich aber auch damals schon, dass Du mich verlassen würdest. Nur, dass die andere keine Frau, sondern ein Mann sein würde, das habe ich mir nicht vorstellen können, obwohl ich doch so geübt im Verlieren bin. Das ist mir geblieben, auch von Dir. Heute frage ich mich, ob je einer Deiner Sätze für mich bestimmt war, oder ob sie alle nur in das Ohr des Anderen zielten, denn dort wolltest Du ja hin.

Mit Deiner Mutter gehe ich die gleichen Wege, wie einmal mit Dir. Wir gehen in die Markthallen von Anton Martín. Noch immer verkaufen die Händler dort riesige Fische, deren Namen ich in keiner Sprache kenne.

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Fisch in den Markthallen von Anton Martín, Madrid

Aber ich weiß noch wie wir einen dieser Fische kauften, der aussah wie ein Hai. Die Küche sah aus wie ein Schlachtfeld und es roch als sei ein Wal in der Küche verendet. Deine Mutter sah uns und den Fisch und dann lachte sie, dieses wilde, tief aus ihr heraussprudelnde Lachen, das nicht enden wollte, ein Brunnen voll Gelächter und genau so lachtest auch Du damals und ich lachte mit, auch wenn ich nie so habe lachen können wir ihr. Den Fisch haben wir weggeworfen, aber die Küche hat noch lange Wochen bestialisch gestunken. Diesmal aber gehen deine Mutter und ich am Fischhändler vorbei, den Hai in der Küche erwähnen wir mit keinem Wort. Neben den Fischhändlern wird noch immer Schinken verkauft, der überall hängt und liegt. Damals sagte ich Dir, dass ich kein Schwein essen würde und Du sahst mich an und nicktest. Den Händlern aber die ¡hola! Guapa riefen und mir Schinken hinhielten, aber hast du abgeschüttelt, mit großen raumgreifenden Bewegungen hieltest Du sie fern von mir. Es war als würdest Du eine ganze Welt zwischen den Schinken und mich legen. Ich war berührt und über diese Rührung bin ich nie ganz hinweggekommen, denn niemand hat mich je so verteidigt wie Du in den Markthallen in denen Dich alle kannten, seitdem Du laufen konntest. Vor dem Markt erzählte ich Dir den schon so ausgefransten jüdischen Witz: Man sagt die Juden haben drei Kühlschränke: einen für Fleischiges, einen für Milchiges und einen für Schinken.“ Wieder wolltest Du Dich ausschütten vor Lachen und als Du dich gefangen hattest, sahst du mich an: „Aber Du nicht“, sagtest Du und ich schüttelte den Kopf: „Nein sagte ich, ich nicht.“ An diesem Tag hast Du meine Hand nicht mehr losgelassen. Heute habe ich keine Hand frei, denn ich trage die Taschen für Deine Mutter, die Huhn kauft. Beim Fleischer liegen Schweineohren und Schweinestelzen und ich zwinge mich ganz genau hinzusehen, denn da ist schon lange keine Hand mehr in meiner.

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Das Schwein in all seinen Teilen. Markthallen Anton Martín, Madrid

Auf dem Markt fragen alle nach Dir. Aber ich höre nicht hin. Ich frage nicht nach Dir. Denn ich wasche mir noch immer die Hände in eurem Badezimmer, in dem ich mir damals die Haare wusch, denn wenn Schlimmes droht trägt man ja nie ein Etuikleid, sondern nur ein Handtuch. „Ich will Dich nicht“ hast Du geschrien, versteh das doch.“ Das war mir neu, aber so neu dann doch nicht. Nur von Dir traf es mich unerwartet. Dann zog ich mich an, die schwarze Strickjacke habe ich noch heute, denn mir ist immer kalt. Bevor ich die Wohnungstür hinter mir zuzog, sah ich Dich zum letzten Mal. Du saßt weinend auf dem Küchenstuhl und beklagtest, dass wir Dich en secluso zwängen. Bis heute gebricht es mir an Verständnis. Der Mann, der Dich befreien sollte, wartete schon im Treppenhaus. Für eine Viertelsekunde sahen wir uns an. Ich glaube er war überrascht, denn die Zwingschraube, die Du sicher aus mir gemacht hast, steckte ja nicht in der schwarzen Strickjacke und auch nicht in meiner Haut, die gab es ja nur bei dir. Damals bin ich noch bis nach Barcelona gekommen. Da saß ich auf dem Bahnhof und wartete auf den Zug nach Montpellier. Ich wartete die ganze Nacht. Neben mir stapelten sich schwarze Müllsäcke, in die ich mein Telefon warf. Ich brauchte wirklich keine spanische Nummer mehr. Die Müllsäcke und ich wir unterschieden uns kaum.

Nach einem Jahr stand Deine Mutter vor meiner Tür. Seitdem kommt sie jedes Jahr. Aber die Briefe von Dir fasse ich nicht an. Deine Mutter hat mich damals bei den Händen genommen und auch in den vier Tagen streckte sie immer wieder die Hände nach mir aus, als wollte sie für deine Hände sprechen. Einmal hat sie mich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen kann mit Dir zu sprechen. „Nein“ habe ich zu ihr gesagt, nein, ich kann es dir nicht leichter machen. Das kann ich nicht. In Madrid zieht deine Mutter mich in ihre Arme. „Komm zurück sagt sie“ und ich muss weinen, denn Du und der, der nach Dir kam haben das nie zu sagen vermocht, wie lange ich auch warte und warte und warte und warte. Im Flugzeug wickle ich mich fest in die schwarze Strickjacke ein. Mir ist immer kalt.

Madrid-Inmitten der Bilder

 

IMG_0025-2Ich habe Caravaggio nie besonders  gemocht. Immer die gleichen sterilen Männer mit ihrem nach rechts geneigtem Kopf, den immer dunklen Locken, dem alabasterfarbenen Körper und den blassen, etwas spitzigen Gesichtern, die mir nie gefielen in all ihrer Leere. Am schlimmsten aber die feuchten Augen die etwas so kuh-äugig- träges haben, dass ich immer schnell weiterging, begegnete ich ihnen im Museum, denn ich neige vor allem bei Kuhäugigkeit zu bösartigen Lachanfällen. Dies käme wohl nicht nur bei kurzsichtigen Oberstudienräten, die den Zustand der Firniss beurteilen wollen,nicht gut an. So zögere ich einen Moment, als die Frau an der Kasse im Thyssen-Bornemisza Museum mich fragt, ob ich auch die Sonderausstellung zu Caravaggio sehen mag. Noch schlimmer aber als durch hämisches Kichern aufzufallen, aber scheint mir zuzugeben, welch Kulturbanause man eigentlich ist und so stimme ich freudig zum Besuch der Caravaggio-Ausstellung zu. Überhaupt denke ich mir, werde ich dafür nicht lange brauchen und wenigstens herzhaft gelacht haben- natürlich verstohlen ins Taschentuch, das versteht sich doch von selbst. Aber schon im ersten Raum muss ich schlucken, jedoch nicht vor Lachen. Denn dort im Dämmerlicht hängt sehr klug ausgeleuchtet: “Jüngling von Eidechse gebissen.”von 1595. Natürlich auch hier der Lockenkopf, sogar mit Blume hinter dem Haar und auch der Körper ist weiter und wieder alabasterfarben und makellos. Von Kuhäugigkeit jedoch ist nichts zu erkennen. Sondern meisterlich fängt Caravaggio hier die Empörung des verhätschelten Sonntagskindes ein, von einer so misslichen Kreatur behelligt worden zu sein. Das ist so großartig in seiner so gänzlich unverschleierten Offenlegung des eitlen Sonnenkindes, das hier auf einmal die Realität am Finger spürt. Lange kann ich mich nicht losreißen von diesem fantastischen Porträt. Aber der zweite Raum nimmt mich noch mehr gefangen, allein seiner kongenialen Hängung wegen. In der Raummitte nämlich hängt die 1595 gemalte: “Heilige Katherine von Alexandriner”.Nicht nur, dass das Sujet so augenfällig ein anderes ist als die jungen Epheben, aber vor allem ist es die Andeutung des Schreckens, der dieses Bild so eindringlich und auch so furchtbar macht. Denn es ist schon da: das Rad mit den eisernen Dornen, auf dem sie hier lehnt, aber das doch ihren Knochen und Haut zermalmen sollte, bevor die g*ttliche Fügung es schließlich zerbersten ließ. Aber so schnell das wusste auch Caravaggio entkommt man dem Bösen nicht und so hält sie das Schwert, das ihr schließlich den Kopf abschlagen sollte selbst in der Hand. Diese Andeutung des Kommenden Schreckens, dass auch durch die Heiligsprechung und das ist doch der Kern des Ganzen nicht gemildert wird mit einem salbungsvollen Versprechen, sondern den Betrachter zwingt sich den Schrecken selbst auszumalen, das ist die beunruhigende Botschaft dieses Bildes. Links neben ihm hängt ein nicht minder beunruhigendes Bild: “Opferung Isaaks” nämlich. Was im Porträt der „Heiligen Catherine“ nur angedeutet ist, wird hier ausgemalt. Die Gewalt nämlich, die Rembrandt später abmildern wird, ist hier auserzählt. Hier steht der Vater mit dem Messer und niemand hält Isaak die Augen zu, der den Mund zu halblautem Schrei geöffnet, sieht was sich an seiner Kehle vollziehen soll. Der Vater nämlich ist zu allem entschlossen, er zögert nicht, er klagt nicht und weint nicht, er handelt nicht mit G*tt, sondern er ist im Begriff das zu Vollziehen vollzieht was ihm befohlen wurde. Wie wohl nur wenige Bilder erzählt dieses Bild, wie nah das Judentum davor war, sich selbst die Legitimation zu entziehen. Denn G’tt der den Menschen als Opfer fordert zu dem kann niemand mehr im Gebet sprechen. Diesen Moment, das kurz-davor indem die Firniss der Zivilisation schon fast unsichtbar ist, hält Caravaggio für uns die Nachgeborenen fest. Und ist es nicht eine schöne und besonders berührende Koinzidenz, dass der fast geschlachtete Isaak seine Augen zum Himmel hob und Rebekka sah und sie sahn ihn. Hier beginnt die erste Liebesgeschichte der Schrift, die so unwahrscheinlich ist, wie das Bild von Caravaggio selbst. Als ich auf die Uhr sehe, sind zwei Stunden um. Dann gehe ich hinauf und lasse mich trösten. Von Chagall und seinem “Grauen Haus”  und lange stehe ich vor Gabriele Münters Selbstporträt  bevor ich die wunderbare Quappi Quappi von Max Beckmann bewundere, in die mich jedes Mal auf das Neue verliebe.

Das Museum Thyssen-Bornemisza hat das schönste Licht, denn durch die Fensterläden fällt das Licht in so milden Intervallen, dass man glaubt man ginge durch weite, lichte Kolonnaden spazieren während man doch Bilder besieht. Der Prado übrigens ist nur einen Katzensprung entfernt und es stimmt was alle sagen, die Hieronymus Bosch Ausstellung ist so grotesk wie großartig und birgt in sich die gleiche Unruhe über die Welt, die auch Caravaggio, Beckmann und Münter in sich trugen und vielleicht auch Sie und ich.

Was? Caravaggio and the Painters of the North noch bis 18. September 2016

Wo? Museo Thyssen-Bornemisza, Paseo del Prado, 828014 Madrid

Alles andere? Hier: http://www.museothyssen.org

Madrid-Den Schleier nehmen

Weit ist es nicht von der Plaza Santa Ana. Nur wenige hundert Meter, einmal links zweimal rechts, vorbei an der altehrwürdigen Apotheke in der Calle de Leon, die noch immer, noch heute ein großer Löwenkopf ziert, dann kommt man geradewegs in die immer stille Calle Lope de Vega.

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Besonders still ist es am Morgen, zwischen 7 und 9 Uhr wenn die Stadt noch schläft und außer den freundlichen Müllkehrern, die einen so freundlich mit ¡hola! grüßen, wie dies in Berlin niemals der Fall wäre, ist niemand zu sehen. Ansonsten atmet Madrid noch immer tief und ruhig weiter und die stille Straße sieht einen an. Auch tagsüber aber gehen die meisten Madrilenen und die Touristen eiligen Fußes durch die Calle Lope de Vega. Sie sehen das langstreckte Gebäude in dessen Mitte eine Kirche eingeklemmt steht eigentlich nur als Schatten und vor den ovalen aber vergitterten Fenstern bleiben sie niemals stehen. Aber es lohnt sich doch innezuhalten vor diesem Gebäude.

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Gedenkplakette für Cervantes

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Convento de las Trinitarias

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Kirche des Konventes 

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Rückseite des Convento de las Trinitarias 

Nicht nur weil es eines derjenigen ist, die einen Einblick in das Madrid des 17. Jahrhunderts geben und auch nicht allein weil im Vorgängerbau der Kirche Miguel de Cervantes beigesetzt wurde, auch wenn niemand genau weiß, wo das Grab des Dichters sich wohl befinden mag. Aber das Convento de las Trinitarias so heißt das langgestreckte Gebäude ist einer der wenigen noch aktiven Orden in denen die Nonnen, denn es ist ein Frauenkloster en secluso leben. Die Nonnen, heute sind es noch dreizehn von ihnen, verlassen das Haus niemals. Die einzige Ausnahme ist der mediznische Notfall. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube auch die Wahlurnen werden zu ihnen in das Kloster gebracht. Groß ist das Kloster und schon lange sind Teile vermietet, aber das Haus ist noch immer sehr groß und kostspielig zu erhalten. Die Nonnen backen Kekse und binden Bücher um das Wenige was sie brauchen, zu verdienen. Die Einkäufe stellt jemand in die Tür und irgendwann einmal zieht eine halbe Hand, die Tüte hinein. Consuela, die seit 75 Jahren in der Nachbarschaft lebt, wenige hundert Meter weit weg also und die jeden Tag mindestens einmal die Calle de Lope de Vega hinauf oder hinabgeht, auch sie hat die Nonnen noch niemals gesehen. Fremd scheint uns diese Lebensform und sie rührt an lang vergessene Dinge, die Zugewandheit zu Gott scheint uns doch eine ferne Kategorie zu sein, abstrakt und formlos, aber doch nicht dreizehn Frauen eingeschlossen mit Gott und weggeschlossen von der Welt. Morgens aber die Satdt schläft noch, Consuela auch und ich laufe durch die Gassen des Viertels hinunter durch die Calle Lope de Vega und setze mich auf den Bordstein, wo die Sonne milchig und hinter dem Dunst verborgen milchig auf meine Füße scheint. Die Fenster aber mit ihren gittern sind offen und von Ferne obwohl doch so nah, höre ich die Nonnen miteinander reden. Dann ist es ganz still, niemals tritt eine Nonne ans Fenster. Warum auch, die Welt der Straße kann ihnen ja nichts sein und muss es auch nicht. Ihre Welt liegt hinter den Fenstern. Dann beginnt eine Nonne zu singen. Erst leise und dann wird ihre Stimme kräftiger und trifft mich unten auf dem Bordstein auf der Calle Lope de Vega. Ich erinnere mich noch sehr gut als meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe, mir erklärte, die ich in irgendeinem Buch darauf gestoßen war, was das hieß, wenn eine Frau ins Kloster ging. Ich habe es nie vergessen. „Sie nahm den Schleier“, sagte meine Großmutter. Sie nahm den Schleier. Diesen physischen Akt der Übernahme nämlich, der Schleier, der ja nur ein Teil eines Habits ist, übernahm die physische Präsenz und schloss wie im Falle der Nonnen im Convento de las Trinitaris die Türen zur äußeren Welt. Oder auch nicht, denn für die Nonnen eröffnete der Schleier die Türen zu einer ganz anderen Welt. Einer Welt die ihre Lebensform repräsentiert. Eine Welt, die übrigens auch für ihre Verschleierung hart angegangen wurde und wird. Hier auf dem Bordstein kommt zum Gesang manchmal ein Schatten, nein kein Abbild, ich bin ja auch kein Schlüssellochsteher und Topfgucker, sondern ich sitze nur auf dem Bordstein, im Grunde in einer anderen Welt. Aber manchmal fliegt dort oben die Andeutung eines zum Kopf geführten Armes, der vielleicht den Schleier richtet empor oder auch nicht. Nimmt man sich Zeit auf dem Bordstein vor dem Kloster, dann kann man eine ganze Weile über die Frage nachdenken, ob es wohl angemessen ist, so zu tun als sei der Schleier eine Mode, die sich von selbst verstünde und ob es wohl genügt Nonnen im Wasser zu zeigen, um den Satz, der mich seit dem meine Großmutter ihn mir sagte: „sie nahm den Schleier“ zu erklären, bewegte unter anderem auch deshalb, weil ich für viele Jahre, das einzige Mädchen ohne Schleier war, in dem alle, ausnahmelos den Schleier trugen, auch wenn ich erst später lernte, dass man für en secluso nicht in der Calle de Lope de Vega zu wohnen braucht, wie die dreizehn Nonnen, die das noch immer tun. Geht man einmal um das tiefe und große Gebäude herum, lernt man auch das diese Lebensform keineswegs nur Ausnahme war, sondern ein so großes Gebäude erforderte, wie es noch immer ist. Auf der anderen Seite des Klosters befindet sich eine Gedenktafel für eine Tochter des Dramatikers Lope de Vega, die hier als Sor Marcela den Schleier nahm.

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Gedenkplakette für Sor Marcela, eine Tochter Lope de Vegas

Convento de las Trinitarias, Calle Lope de Vega 18, 28014, Madrid, Metro: Antón Marin; Die Kirche ist normalerweise für die Öffentlichkeit zugänglich, im Moment jedoch wegen Renovierung geschlossen. 

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Eine andere Straße. Ein anderer Schleier.

Madrid-Zwischen den Welten

“Aber  Read On”, werden Sie nun sagen und aus Ihrer Stimme wird der Vorwurf nicht wegzudenken sein, “sie werden uns doch nicht wirklich weismachen wollen, man könne in Madrid nur im Freibad und noch dazu auf Kunstrasen liegen?”” Was sollen wir denn den Daheimgebliebenen sagen und überhaupt, da hätten wir auch gleich am Müggelsee oder in der Eifel bleiben können.” Sie haben natürlich Recht. Dennoch der Hitze ist auch mit Klagen nicht beizukommen, sie fletscht nur weiter ihre Zähne und lacht genüsslich angesichts ihres roten Gesichts. Die Spanierinnen übrigens trotzen der Hitze mit einem Fächer. Das dürfen Sie sich nicht als lieblichen Versuch der Ventilationsanregung vorstellen. Die Damen schleudern vielmehr mit der Kraft ihrer ganzen Handgelenke den Fächer in rhythmischen Abständen vor und zurück und das sehr, sehr schnell. Ich bin mir nicht sicher ob in spanischen Volkshochschulen nicht das Schlagen des Fächers in einem 16 -wöchigen Grundkurs angeboten wird. Nähern Sie sich einer Bushaltestelle, so hören sie schon von weitem: das rhythmische Flapp-Flapp der Fächer. Hören Sie das energische Flapp-Flapp nicht mehr kommt der Bus, dann sollten Sie alle Kalamitäten der Hitze vergessen und rennen, denn der Bus kommt in eher erratischen Abständen aber nie dann wenn Sie unter der sengenden Sonne an der Bushaltestelle stehen. Aber schon schweife ich ab. Erst einmal sollten sie frühstücken. Wohnen sie unweit der Plaza Santa Anna sollten Sie zur Brown Bear Bakery in der Calle de Leon gehen. Wohnen sie nicht in der Nähe der Plaza Santa Anna sollten sie dennoch zum Frühstück in die Brown Bear Bakery in der Calle de Leon gehen. Die Croissants sind sehr, sehr buttrig, also genau richtig. Das Pain au cholocat ist der Himmel selbst. Die Schokolade, die ja oft nur mehr ein fester, brockiger Klumpen ist, hat hier einen flüssigen Kern. Der Café con leche hat genau so viel Milch wie ich es mag. Außerdem-trotz des hippen-Namens ist die Pastelería so altmodisch wie gemütlich mit Blümchentischdecken und den zauberhaftesten Bedienungen , die sie sich vorstellen können und die sofort mit ihnen ratschen. Die Brote sind ofenwarm und das Gebäck, oh das Gebäck! Nehmen sie auf jeden Fall eine Tüte als Wegzehrung mit.

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Das beste Pain au Chocolat der Stadt. Ich schwöre.

Es ist immer noch oder schon wieder sehr, sehr heiß, aber immerhin sind sie jetzt nicht mehr hungrig, denn wir müssen ein Stück fahren. Die Metro ist ein überaus zuverlässiges und komfortables Transportmittel und in unserem Falle fahren wir mit der Linie Nummer 5 in Richtung Alameda de Osuna und steigen an der Station Ruben Darío aus. Das Madrid welches sich hier vor einem erstreckt, ist zwar immer noch zum städtischen Kern zugehörig, aber nicht mehr in dem Sinne ´, Touristengebiet wie der Innere Ring zwischen Sol und der Plaza Mayor. Hier finden Sie sich inmitten von langen Wohnstraßen wieder, die durchaus interessant zu nennen sind.

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Denn fragt man sich wo Franco und die langen Jahrzehnte seiner Herrschaft im Stadtbild stattfinden, so bietet die Architektur einen guten Ausgangspunkt. Denn es war Franco, der seit den 1940er Jahren dem Wohnungsbau eine eigene Priorität zuschrieb. Die Ergebnisse dieser und späterer Jahrzehnte, die den Charakter Madrids massiv veränderten, lassen sich hier besehen. Was für New York und Moskau gut erforscht schient, hat in Madrid noch, so weit mir bekannt große Lücken: Die Ästhetisierung, die man gut oder schlecht finden kann, war ein Teil des Marken-namens Franco. Eine Ausstellung im Reina Sofia Museum zeigt im Moment unter dem Titel „Campo cerrado“ eine sehr empfehlenswerte Ausstellung, die sich genau mit dieser Frage nämlich, der Ästhetisierung der Diktatur nach der Zerstörung, die eine innere wie äußere Zerstörung war, befasst. Es sind die Kontraste von Triumphalismus und dem blanken Hunger jener Nachkriegsjahre. Es ist auch das Spanien des Exils. Picasso malte seine Femme en fauteuil gris bekanntlich in Paris während in Spanien Krimis und Komödien, die in Einspielungen zu sehen sind die Moral heben sollten. Gleichzeitig begann der Aufstieg von Künstlern wie Chillida, Tàpies und Antonio Saura, die ja keineswegs Adepten eines Diktators waren. Und immer wieder ist es Stadtplanung, die auch Sakralbauten mit einschließt an denen das neue Regime sich messen lassen will. Am meisten beeindruckt haben mich die Fotografien des in Ungarn geborenen Nicolás Muller, dessen fantastische Serie von Gliederpuppen, die ohne Köpfe, die stehen auf dem Boden eine so erschreckend wie eindringliche Metaphorik dieser Jahre entworfen hat. Hier im Stadtviertel aber ist diese Ästhetik, die ja international für Anerkennung sagte nicht zuletzt war der spanische Pavillon auf der neunten Triennale in Milano ein großer Erfolg.

Das heißt nicht, dass sich in den Straßenzügen durch wir jetzt gehen nicht auch alle anderen Stilepochen wiederfinden ließen. Auffällig indes sind sie nicht. Auffällig ist dafür wie wenig Alltagsinfrastruktur hier vorhanden ist. Es gibt Banken, dann und wann einen Sushi-Laden ( es gibt überall Sushi-Läden in Madrid ) und seltener eine Apotheke. Es fehlen Bäcker, Käsegeschäfte, Buchhandlungen, Blumenläden, Papeterien und Ähnliches. Einen Supermarkt muss man suchen. Der Weg von der Metro-Station indes zu unserem Ziel dem Museo Sorolla ist nicht weit, nicht länger als einen guten Kilometer oder anderthalb. Aber ein wenig Zeit zum Herumlaufen, zum Stehenbleiben und zum Besehen spanischer Lebenswelten sei Ihnen dringend angeraten. Das Museo Sorolla liegt eingebaut zwischen zwei der beschriebenen und das Museum weit überragenden Wohnblocks.

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Museum ist eigentlich nicht der richtige Begriff für das was Sie hinter dem Tor erwartet. Denn die Villa des spanischen Impressionisten Joaquín Sorolla  ( 1863- 1923 ) ist ein so heller, vibrierender wie lichtdurchfluteter Ort, dass man ihm mit dem Begriff Museum eine fast unnötige Schwere verleiht. Überhaupt man betritt das Haus durch einen Garten in dem es aus Brunnen gurgelt, Vögel in den vielen tropischen Bäumen singen und vor allem überall Bänke und Stühle und Tische stehen. Und dann dieses Haus: es ist Atelier und Wohnung. Gelbe Sofas stehen neben Farbtöpfen und allein die Tiffany Lampe von 1923 zu bewundern, die im Salon hängt, lohnt den Weg hierher. Sorolla war nicht nur Maler, sondern auch Sammler aber kein engstirniger Briefmarkensammler, sondern ein Mann mit einem Auge für das Besondere. So finden sich im Haus verschiedenste Schrankkonstruktionen, die alle einem sehr komplizierten Schließmechanismus folgen und in ihrer ganz Fremdartigkeit perfekt in dieses so helle und lichte, an Ideen so übervolle Haus passen. Die Bilder, die Sorolla malte sind zu unrecht so unbekannt. Denn der Maler Sorolla war ein Mann mit einem liebenden Blick. Dass ein Mann seine Ehefrau so malen, so porträtieren kann wie Sorolla seine Frau Clotilde malt, das hält man schwer für vorstellbar. Aber die Gestalt, die er seiner Frau gibt, ob bekleidet oder als Akt ist von so hinreißender Zartheit und so eleganter Körperlichkeit, das man sich fragt ob man selbst wohl einmal so angesehen worden sein wird wie diese Frau von ihrem Mann. Sorolla malt auch seine Kinder mit dem gleichen starken wie zarten Blick.Bezaubernd auch die Frau im Bad, die ganz versunken in sich selbst vor weißem Marmor sitzt. Aber auch Sorollas Landschaftsbilder, seine Momentaufnahmen anders kann man es nicht nennen, von Kindern am Strand von Valencia oder einer Abendgesellschaft in ihnen allen wohnt der Zauber dieses Blickes, der seine Sujets niemals bloßstellt sondern sie vorsichtig auf der Leinwand zu fassen versucht. Besonders schön, denn die Schönheiten finden in diesem Haus kein Ende, die alten Keramikteller und Vasen im Keller des Hauses. Hat man genug der Bilder und Dinge empfiehlt es sich sehr, sich im Garten des Hauses ein schattiges Plätzchen zu suchen. Das ist nicht nur erlaubt, sondern ist sehr willkommen und sie erinnern sich des Supermarkts von vorhin, gleich schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite? Kaufen sie ein Baguette und ein Stück Käse, Kuchen oder Obst oder was immer sie mögen. Denn im Garten des Malers können sie mit anderen Besuchern aber auch Nachbarn, die in den Garten kommen, sitzen und essen, schweigen und lesen, den Kopf in den Nacken legen und die Vögel versuchen zu zählen, sie können für eine Weile die Augen schließen, langsam eine Zigarette rauchen, die Zeitung nachlesen und die Zeit wie die Welt für eine Weile ganz völlig vergessen. Der Trumpf ist in jedem Fall auf ihrer Seite: die Zuhause werden Augen machen. Ein unbekannte Künstler? Wohnhaus und Atelier und ein Garten mit Kacheln im maurischen Stil und Kunstgegenständen aus dem ganzen Land. Es muss doch wirklich etwas dran sein am Sommer in Madrid.

 

In Kürze:

Brown Bear Bakery, Calle de Leon 10, Madrid, 28014, Madrid, geöffnet täglich: 8:30- 21.00 Uhr

Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, “Campo Cerrado. Art and Power in Post-war Spain. 1939- 1953, noch bis zum 26. September 2016, Calle de Santa Isabel, 52, 28012 Madrid, Metro: Átocha, Öffnungszeiten: Montag bis Samstag: 10- 19.00 Uhr, Dienstag geschlossen, Sonntage und Feiertage siehe: http://www.museoreinasofia.es/en. Sonderausstellung: 4 Euro, gesamtes Museum: 8: Euro, für Ermäßigungen: siehe Website.

Museo Sorolla, Paseo del General Martínez Campos, 37, 28010 Madrid,  Metro Ruben Darío, geöffnet: Montag- Samstag,  9:30-20:00 Uhr,Sonn- und Feiertage: 10- 15.oo Uhr,  Eintritt: 3 Euro 
Wie immer gilt: alles selbst erlebt, selbst gegessen, selbst erlaufen, selbst geknipst und selbst gesehen, selbst bezahlt und selbst geschrieben ist es auch.